Als ob Geburtstage, Karneval und Weihnachten nicht ausreichen würden - der deutsche Durchschnittsblöde braucht mindestens vier Anlässe pro Jahr, um sich unter dem Deckmäntelchen eines fröhlichen Beisammenseins hemmungslos mit Alkoholika zuzuschütten. Den Höhepunkt eines solchen Gruppenkollers erleben wir jedes Jahr an Silvester, wenn sich schätzungsweise 99,5 Prozent der Bevölkerung zeitgleich im Delirium befinden.
Obgleich mir ohnehin nicht eingeht, warum die Bundesbürger ausgerechnet in der Nacht zum 1. Januar ein neues Jahr begrüßen müssen (Warum nicht in der Nacht zum 1. Juli? Da könnte man wenigstens eine Gartenparty veranstalten und draußen grillen, statt sich beim Feuerwerk den Arsch abzufrieren): Als komplett wahnsinnig präsentierte sich unser Völkchen am 31. Dezember 1999. "Hey, da ist Jahrtausendwechsel! Da müssen wir noch mehr saufen (und entsprechend mehr reihern) als sonst", lautete der einhellige Tenor derer, die dummerweise in der Heimat die Sektkorken knallen lassen mussten.
Wer was auf sich hielt, machte zur Feier des Tages eine so genannte Millenniums-Reise, zum Beispiel zu den Philippinen. Erstens, um sich beim Feuerwerk nicht den Arsch abfrieren zu müssen. Und zweitens, weil sich der Teilzeit-Alkoholiker wegen der Zeitherziehung (in dem Fall wäre Zeitverschiebung wohl nicht korrekt) ein paar Stunden früher voll laufen lassen konnte.
Menschen mit richtig Asche konnten darüber selbstverständlich nur müde lächeln. Sie setzten sich in ein Überschallflugzeug und überholten die Zeitzonen. Das war genial: Erstens mussten sie sich beim Feuerwerk nicht den Arsch abfrieren. Und zweitens fand der Jahreswechsel öfter statt, was bedeutete, dass sie sich gleich mehrmals besaufen konnten.
Der größte Witz an den ganzen Tumulten war natürlich, dass die Nacht zum 1. Januar 2000 rechnerisch gar kein Jahrtausendwechsel war. Falls Sie, verehrte Leser, das gar nicht mitgekriegt haben, können Sie sich das gerne von einem Mathematiker bestätigen lassen. Denn mathematisch gesehen begann das 21. Jahrhundert erst am 1. Januar 2001.
Wenn Sie mal ein bisschen Zeit haben, bauen Sie doch mal 21 Schuhkartons in ihrer Wohnung auf; für jedes Jahrhundert einen. Sie nehmen dann 2000 Streichholzschachteln (die für 2000 Jahre stehen) und schlichten diese ordentlich in die Schuhkartons. In jeden Karton kommen 100 Streichholzschachteln (für jeweils 100 Jahre pro Jahrhundert). Wenn Sie mit dem 20. und vorletzten Schuhkarton fertig sind, werden Sie feststellen, dass keine Streichholzschachtel übrig ist. Alle 2000 Streichholzschachteln stecken in 20 Schuhkartons. Sie könnten erst mit einer weiteren Streichholzschachtel (einer 2001. nämlich!) beginnen, den 21. Schuhkarton zu füllen. Ha! Da haben Sie's! Merken Sie was? Ganz Deutschland hat sich am 31. Dezember 1999 quasi vergeblich die Kante gegeben (Wer in einem Flugzeug saß, sogar mehrmals umsonst, aber nicht kostenlos).
Ganz Deutschland? Nein! Ein unbeugsames Städtchen inmitten des Neckartals hörte nicht auf, Widerstand zu leisten. Die Rede ist vom schönen Esslingen. Die Menschen dort machten den gequirlten Massenwahnsinn nicht mit. "Bei uns ist Adam Riese geboren. Und der würde sich im Grab umdrehen", sprach der Bürgermeister und vertagte die Jahrtausendmucke folgerichtig auf den 31. Dezember 2000.
"Gut so", habe ich mir gedacht. Doch genützt hat alles nichts. Der Durchschnittsdoofe, Verzeihung Durchschnittsdeutsche, wollte partout betrogen werden. Fernsehen, Radio und Zeitungen faselten ständig von Jahrtausendwende und Millennium, also musste das auch seine Richtigkeit haben. Wer wagte, darauf hinzuweisen, dass aus mathematischer Sicht am 31. Dezember 1999 nicht mal ein Jahrhundert endet, ja nicht mal ein Jahrzehnt, war einfach nur ein Klugscheißer, Haarspalter und Korinthenkacker. Und zwar in Personalunion.
Millennium-Fans benahmen sich wie kleine Kinder, hielten sich die Ohren zu, wollten nicht hören, dass das alles nicht wahr ist. Hatten Angst, ihnen könnte der Grund für ein zünftiges Besäufnis geraubt werden. Nebenbei: Ich war bei einer Party, hatte ein Schild mit der Aufschrift "Fuck Jahrtausendwende! Millennium go home!" um meinen Hals hängen und ließ mich als Griesgram beschimpfen.
Sollten Sie mittlerweile von mir überzeugt worden sein und zufälligerweise auf den Philippinen gefeiert haben: Verklagen Sie noch schnell Ihr Reisebüro, das mit einer "Millennium-Tour zu den Philippinen" geworben hatte. War doch eine glatte Fehlinformation! Vielleicht kriegen Sie Ihr Geld zurück und haben damit ein schöneres Leben? Falls nicht, wissen Sie wenigstens, dass Sie am 31. Dezember 3000 richtig die Millennium-Sau rauslassen müssen. Und sollten Sie diesen Text erst nach dem genannten Termin zwischen die Finger kriegen, machen Sie's bitte wenigstens am 31. Dezember 3999 besser.
Silvester ist natürlich selbst ohne Millenniums-Wahn eine ausgesprochen langweilige Angelegenheit. Während an Weihnachten wenigstens Jesu-Verfilmungen unterschiedlicher Regisseure im Fernsehen laufen, kommt zum Jahreswechsel immer der gleiche Streifen: Dinner for One. Was? Den finden Sie lustig? Ein besoffener Butler, der über ein Tigerfell stolpert, soll lustig sein?
Der Satz "The same procedure as every year" an sich stellt doch eine Realsatire dar. Wenn ich nicht vorher wüsste, wann der Kasper stolpert, könnte ich vielleicht noch lachen. Aber so? Ich glaube, dass Dinner for One nur angeschaut wird, weil keiner zugeben möchte, dass ihm die Episode wie ein Bandwurm zur Rosette heraushängt. Gruppenzwang: Die Angst, als Griesgram zu gelten, ist zu groß. Wenn jeder wüsste, dass jeder so denkt …
Dinner for One ist wie Fasching: Nur besoffen zu ertragen. Das könnte auch ein Grund sein, warum der Alkoholkonsum in der Bevölkerung an Silvester so immense Ausmaße annimmt. Der Mensch lässt sich ohnehin die absonderlichsten Praktiken einfallen, um sich von der Tristesse abzulenken. Eine davon ist Bleigießen. Metall zu schmelzen, um es in Wasser zu schmeißen, wäre eigentlich irre genug. Denn Klugscheißer mahnen in diesem Zusammenhang gerne, dass Blei giftig ist und geschmolzenes Wachs den selben Zweck erfüllen würde.
Ich finde es dagegen irre, dass die Esoterik-Deppen für das Bleigieß-Set 10 Euro Mark abdrücken, wo doch die Kommunionkerze des Sohnemanns sowieso in einem Schrank verstaubt und endlich einer etwas sinnvolleren Verwendung zugeführt werden könnte. Mit einer vom Friedhof geklauten Grableuchte soll es übrigens auch funktionieren.
Den Bleiklumpen wieder herauszunehmen und aus der entstandenen "Figur" die Zukunft ablesen zu wollen, erscheint aber vollkommen debil. "Hey, das ist eindeutig ein Fisch!" "Nein, das sieht aus wie ein Pferd!" Mal ehrlich: In Wirklichkeit erinnern mich die Brocken an meinen Stuhlgang. Na gut, ganz so silberfarben krieg' ich das nicht hin. Aber die Form allemal.
Wo wir gerade beim Bescheißen sind: Alle Jahre wieder bescheißen Zeitungen die Deutschen mit den so genannten Jahreshoroskopen. An sich sind die Dinger eine geniale Erfindung. Jeder lässt sich gerne die ewige Glückseligkeit voraus sagen, liest die Jahreshoroskope also mit entsprechendem Eifer. Der Witz an der Sache ist aber, dass sich kein Schwein diese Texte aufhebt, um hinter zu kontrollieren, ob auch alles so eingetroffen ist. Insofern werden die Horrorskop-Schreiberlinge nie überführt.
Dummerweise haben die Deppen nicht mit mir gerechnet. Ich möchte Sie hiermit vor allzu großer Leichtgläubigkeit warnen. Der Sinn meines Textes ist schließlich, ein Ratgeber für ein schönes Leben zu sein. Zu diesem Zweck habe ich im April 2000 im Internet das Jahreshoroskop 1999 der BILD-Zeitung herausgesucht und werde es anhand ausgesuchter Punkte nun weltexklusiv widerlegen. Möge der Online-Redakteur, der vergessen hatte, es zu löschen, vom Verlag fristlos entlassen werden.
Aus dem BILD-Jahreshoroskop 1999 für Waage
Gesundheit - die Prognose
[...]Kleine Schwächephasen Anfang März und Mitte April. [...] Schwachstellen: Lymphsystem, Stirn- und Nebenhöhlen, Füße und Zehen. Dicke Socken und Einlagen schützen. [...] Bringen Sie Ihre Muskeln auf Trab und Ihre Haut zum Schwitzen. Sie werden sich wundern, wie wohl Sie sich fühlen. [...] Den Rest des Jahres können Sie unbeschwert genießen. [...]
Gesundheit - die Wahrheit
Geschwitzt habe ich gezwungenermaßen, weil es anstrengend war, mit Krücken herumzulatschen. Von wegen "den Rest des Jahres können Sie genießen": Im August hatte ich mir einen Bänderriss am Sprunggelenk zugezogen. Obwohl das Horoskop richtigerweise meine Füße als Schwachstelle ausmachte: Offensichtlich waren Erfrierungen gemeint, anders kann ich mir den tollen Rat mit den dicken Socken nicht erklären. Als ich beim Joggen in ein Loch tappte, nutzten die Wollstinker jedenfalls einen feuchten Dreck. Insofern fiel es mir etwas schwer, den Rest des Jahres zu genießen. Mein Lymphsystem und die Stirn- und Nebenhöhlen fühlten sich entgegen der Voraussage dagegen fit wie Turnschuhe.
Liebe - Die Prognose
[...] Juli/August schenken die Erosplaneten Venus und Mars herrliche Liebesstunden. [...] Ende September: Zärtlichkeit ohne Ende. [...]
Liebe - Die Wahrheit
Zwischen Juli und August erkannte ich blinder Vollidiot endlich, dass meine damalige Freundin eine Schickse ist, die mich verarscht. Ich glaube, es war August, als sie mich absägte. Vielleicht hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt doch eine Katze kaufen sollen. Dann hätte man "Zärtlichkeit ohne Ende" zumindest auf das Kraulen und Schnurren einer vierbeinigen Mieze beziehen können. Schließlich sind Horoskope immer Interpretationssache.
Beruf - Die Prognose
[...] Im September überzeugen Sie im Beruf. [...] Mobbing-Versuchen im September müssen Sie sofort entgegentreten. [...]
Beruf - Die Wahrheit
Alles wird gut im September? Was soll ich sagen: Ich war wegen des Bänderrisses deprimiert, hatte meine Freundin verloren und keine Katze. Insofern hatte ich ein klitzekleines Motivationsloch. Mein Klassenlehrer war ganz bestimmt, übermäßig und voll und ganz von meinen supertollen Leistungen überzeugt. Dass ich gemoppt wurde, habe ich auch nicht gemerkt. Jetzt, wo ich das weiß, werde ich den Klassenkameraden mal eben nachträglich eins in Fresse hauen.
Jedes Jahr schwöre ich mir, keine Feuerwerkskörper zu kaufen. Aber was soll ich machen? Beim Einkauf am 30. oder 31. Dezember stehen jedes Mal an der Kasse des Supermarktes so tolle Sonderangebote. Spendenbehälter der Kirche sind dagegen Mangelware. So viel zum Thema "Brot statt Böller". Ich kann mich nie beherrschen und nehme doch ein Sparpack für 20 Tacken mit. Wenn's dann Mitternacht ist, verschenke ich die meisten Knaller, weil ich zu besoffen bin, sie anzuzünden.
In der Pampa oder Innenstadt zu stehen und so zu tun, als sähe ich zum ersten Mal ein Feuerwerk, ist mir außerdem zu doof. Wer nicht "Ah und Oh" schreit gilt ja mal wieder als Spielverderber, als Griesgram - kurz: als dämlicher Oberfranke. Deshalb gehe ich Punkt 0 Uhr am liebsten aufs Klo. Das ist nämlich der einzige Zeitpunkt, zu dem man nicht anstehen muss. Nehmen Sie das als abschließenden Ratschlag für ein erfülltes Leben mit.
PS: Was machen Sie eigentlich an Silvester 3000? Also ich bin in Stuttgart, feiere das neue Jahrtausend, lasse mich hemmungslos vollaufen, zünde ein paar Böller, rufe beim Feuerwerk "Ah und Oh", friere mir dabei den Arsch ab, werde ein bisschen Blei gießen und mein Jahreshoroskop lesen. The same procedure as every year.
Diskussion
Dein Kommentar
Was hältst du von dem Dokument Was es an Silvester zu beachten gilt? Sag uns eines Meinung!
Kommentare
Mon, 18 Sep 2006 20:22:46 GMTHab's gelesen
von
GiaCarter
Schööööööööööööön, das stimmt schon alles so. Ich find das toll, wie du daraus
sone Verarsche machst.^^