Warum Bahnreisen so lehrreich sind

Kategorie: Witzige Geschichten
Eingesendet: 02.09.2005
Wörter: 11053
Autor: k1ng0r
Dokument melden:

Warum Bahnreisen so lehrreich sind

Warum Bahnreisen so lehrreich sind

(Erfahrungsbericht)
"Die Bahn kommt". Selten sind Werbesprüche so knackig kurz, aber trotzdem aussagekräftig wie die der Deutschen Bahn. Was sagt uns dieser Slogan? Er drückt aus, dass die Bahn kommt. Nicht mehr und nicht weniger. Keinesfalls soll beim potenziellen Kunden der falsche Eindruck vermittelt werden, die Bahn komme rechtzeitig. In diesem Fall müsste der Spruch ja "Die Bahn kommt pünktlich" lauten. Es ist auch niemals die Rede davon, dass es preiswert sei, mit der Bahn zu reisen, nein! Es heißt einfach, dass die Bahn kommt. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Ehrlichkeit ist vorbildlich.
Mit der Bahn zu fahren, ist sehr lehrreich. Dafür zahlen manche Leute offenbar gerne ein paar Euro mehr und raten Nichtbahnfahrern auch, öfter mal den zu Zug zu nehmen. Als Pendler zwischen meinem Wohnort und dem Arbeitsplatz in Berkheim nutze ich gezwungenermaßen täglich die Bahn.
Wenn ich abends um 22.12 Uhr nach Hause möchte, kann ich mich auf die Bahn verlassen: Sitze ich pünktlich drin, hat sie Verspätung. Garantiert. "Unsere Abfahrt verzögert sich um zirka fünf Minuten. Wir warten auf Anschlussreisende", tönt es an sechs Abenden pro sieben Arbeitstagen aus der Lautsprecheranlage. "Wir bitten um ihr Verständnis." Klar habe ich Verständnis. Muss ich ja. Oder habe ich eine andere Wahl? Erwartet der Lokführer, dass die genervten Insassen ihre Protestschilder auspacken und eine spontane Anti-Bahn-Demonstration veranstalten?
Glaubt er, dass verärgerte Männer und Frauen zu ihm ins Cockpit steigen und sagen:
"Du, Lokführer, du bist sehr lieb. Aber wir finden gar nicht toll, dass der Zug Verspätung hat. Wärst du so freundlich und würdest bitte sofort losfahren?"
"Aber natürlich, der Kunde ist ja König", antwortet Lukas, der Lokomotivführer, "wir fahren sofort los."
Nein, das wird nicht passieren.
Lokführer scheinen ihre täglichen Verständnis-Durchsagen abzulesen. Wahrscheinlich gibt es ein Handbuch für die Lukasse dieser Welt, wo genau drinsteht, was sie zu welchem Zeitpunkt vorlesen müssen. Die Durchsagen werden noch weniger emotionsgeladen dargeboten als die Nachrichten in der Tagesschau. Nein, genau genommen lässt die Stimme keinen Zweifel daran, dass es dem Lokführer fürchterlich wurscht ist - und, dass er schlechte Laune hat. Deshalb traut sich auch niemand ins Cockpit, um eine sofortige Abfahrt zu erflehen.
Der Laie fragt sich unterdessen selbstverständlich, warum bei fast täglichen Zeitproblemen am Fahrplan nichts geändert wird, damit die Anschlussreisenden pünktlich kommen können. Ein Bahnmensch würde sagen, dass die Fahrpläne unglaublich komplexe Gebilde sind. Da lässt sich nicht einfach "mal so was ändern" und überhaupt, Laien hätten ja gar keine Ahnung, würden das sicher nicht verstehen, und so weiter und so fort. Ich verrate Ihnen etwas: Es gibt in Wirklichkeit gar keine Anschlussreisenden.
Sollten Sie einmal in die Lage geraten und zu einem Anschlussreisenden werden, dürften Sie schnell feststellen, dass in Ihrem Fall der Zug nicht wartet. Das ist meine feste Überzeugung. Ich kenne jedenfalls niemanden, der mal ein Anschlussreisender war und seinen Anschlusszug noch gekriegt hat. Kennen Sie einen Anschlussreisenden? Eben. Genauso kann ich garantieren, dass ich, sollte ich mal eine Minute zu spät am Bahnhof ankommen, von meinem Zug nicht mal die Rücklichter mehr sehe. Er ist dann 100-prozentig pünktlich abgefahren. Wahrscheinlich ist er sogar zwei Minuten früher losgedüst, nur um mich zu ärgern. Die kleine, fiese Sau.
Sollten Sie einmal pünktlich im Zug sitzen und erfahren, dass es wegen Anschlussreisender zu einer fünfminütigen Verspätung kommt, bleiben Sie um Himmels Willen sitzen. Ich habe schon erlebt, dass sich ein Fahrgast gedacht hat: "Hui, fünf Minuten! Da kann ich ja locker noch mal aussteigen, zu einem Süßwaren-Automaten gehen und mir ein lecker Snickers ziehen." Er schaute etwas hilflos drein, als der Zug dann doch nur mit zwei Minuten Verspätung ("Ätsch!") losfuhr. Ohne ihn natürlich. Na ja, wenigstens kam die Tasche, die er im Abteil hatte liegen lassen, pünktlich zu Hause an.
Süßwaren-Automaten an Bahnhöfen sind übrigens besonders fiese Geräte. Innen drin sind Klammern, die sich drehen und die Leckereien freigeben, wenn man Geld einwirft. Die Hersteller haben die Automaten aber so konstruiert, dass die Päckchen oft an den Klammern hängen bleiben. Weil Schläge gegen den Kasten nie helfen und Gewalt gegen Automaten Sachbeschädigung und somit strafbar ist, müssen Sie zwangsläufig noch mal einen Euro nachwerfen. Daraufhin fallen meistens zwei Twix (oder muss es Twixe heißen?) raus - das ursprünglich hängen gebliebene und das folgende. So kriegen Sie wenigstens für ihre Kohle den entsprechenden Gegenwert. Ob Sie zwei Twixe wollten, ist eine ganz andere Sache. Mein Rat ist also: Nutzen Sie Süßwaren- und Eis-Automaten nur, wenn Sie scharf auf zwei Twixe oder wenn Sie zu zweit unterwegs sind.
Nicht nur die Automatenaufsteller verstehen ihr Handwerk, wenn es ums Geldverdienen geht. Das können auch die Obergurus bei der Bahn. Erst kürzlich durfte ich miterleben, mit welchen kaufmännischen Tricks die Typen arbeiten. Ich saß im Zug, der um 17.50 Uhr abfahren sollte. Um 17.45 Uhr kam eine Durchsage: "Wir möchten Besitzer von Bayerntickets daran erinnern, die Ausschlusszeit zu beachten. Bayerntickets gelten erst ab 18 Uhr. Sollten Sie also ein Bayernticket besitzen, bitte lösen noch eine Zusatzfahrkarte." Ich möchte gar nicht wissen, wie viele rausgerannt sind, um noch schnell ein solches Zusatzticket zu lösen. Dann aber kam um 17.55 Uhr (der Zug stand noch immer) eine zweite Durchsage: "Wegen Anschlussreisender, usw. und so fort blabla." Wann fuhr der Zug los? Natürlich um 18 Uhr. Menschen mit Bayerntickets durften sich kräftig in den Arsch beißen, finde ich.
Die Bahn hat gegenüber dem Auto riesige Vorteile. Außer bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. In der Bahn-Fachsprache nennt man das "Wegen technischer Probleme verzögert sich die Abfahrt um 20 Minuten." Steht im Lukas-Handbuch auf Seite 34. Ich bin überglücklich, dass es so was wie Lukas-Handbücher gibt. Wenn mal was passiert, und der Lokführer sein Standardwerk nicht hat, kann das schlimme Folgen haben. Ich war einmal im Zug unterwegs, als dieser mitten in der Pampa stehen blieb. Nach rund 20 Minuten wurde ich etwas hibbelig, weil wir immer noch standen und uns niemand sagte, was los ist. Weitere 15 Minuten später hatte das Personal endlich das Lukas-Handbuch gefunden. Es lag in der Brotzeittüte des Lokführers, ganz unten, unter den Käsebrötchen und neben der Fanta-Flasche.
"Wegen technischer Probleme ist hier leider Endstation", vernahm man es aus dem Lautsprecher. "Bitte steigen Sie aus, in zwei Minuten kommt ein Zug, der Sie aufnimmt." Na endlich, dachten sich schätzungsweise 800 Leute, stiegen aus und fanden sich in der Wildnis wider. Ganz in der Nähe war immerhin ein Dorf, dessen Bevölkerungszahl sich durch die Aussteigeaktion für kurze Zeit verachtfachte, schätze ich.
Da standen nun 800 Opfer eines technischen Problems. Es war Winter, arschkalt und es schneite. Na ja, genau genommen stürmte es. "Macht ja nix", dachten sich 800 Menschen, "es kommt ja in zwei Minuten ein Zug, der uns aufnimmt." Die Bahn kommt. Wann sie kommt, weiß man nicht so genau. Immerhin hatten die Verantwortlichen nach der Völkerwanderung für Völkerverständigung gesorgt. Die 800 Menschen kamen sich gezwungenermaßen näher. Weil es arschkalt war, rückten alle ein bisschen zusammen. Es würde mich nicht wundern, wenn aus dem kollektiven Frieren eine Ehe entstanden ist oder ein Kind gezeugt wurde. Zeit genug war ja. Wenigstens weiß ich endlich, wo der Begriff "verkuppeln" herkommt. Es dauerte wohl mindestens 20 Minuten, bis der Rettungszug kam und das gesellige Beisammensein gewaltsam auflöste.
Ich will aber nicht zu viel kritisieren. Denn Fahrten mit der Bahn sind im Grunde genommen sehr lustig. Da fallen kleine Problemchen nicht so ins Gewicht. Besonders unterhaltsam finde ich den pädagogischen Effekt. Wir lernen unter anderem, dass Rauchen pfui ist. Natürlich gibt es Raucherabteilungen. Weil militante Nichtraucher da oft durchlaufen, um in den Nichtraucherbereich zu gelangen, wird den Nikotinsüchtigen immer wieder vor Augen geführt, dass Rauchen pfui ist.
"Bääähhh, hier stinkt's", sagen die Nichtraucher, wenn sie vorüberhetzen. Sie vergessen dabei keinesfalls, einen schlimmen Hustenanfall zu bekommen.
Oft zerren die Nichtraucher ein paar Kinder hinter sich her. Wenn diese sich im Raucherabteil sitzen wollen, weil da ein so toller Tisch frei ist, zerren Mama und Papa noch mehr. Kinderlose Leute, die nicht wissen, was kleine Menschen alles aushalten, haben in solchen Momenten Angst, Zeuge einer ausgekugelten Zwergenschulter zu werden.
"Da ist Raucher, da setzen wir uns nicht, das ist pfui", klären sie ihre Sprösslinge auf und entschwinden.
Stimmt doch, werden nichtrauchende Leser jetzt sagen. Ich frage mich allerdings schon lange, warum die bemitleidenswerten Nichtraucher ausgerechnet durchs Raucherabteil latschen müssen. Wer auf seine Gesundheit bedacht ist, muss eben gucken oder die Luft anhalten. Neulich tappte eine herausgeputzte Blondine durch das Raucherabteil. Sie bekam zwar keinen Hustenanfall, beschwerte sich aber während der zwei Sekunden dauernden Durchquerung, wie ekelhaft es hier doch rieche und wie schmutzig es hier doch sei. Mich hat das kalt gelassen. Ich bin das gewöhnt. Allerdings wäre ich fast an der Parfümwolke erstickt, die die Dame hinter sich herzog. Hab ich mich deshalb aufgeregt?
Wir lernen noch etwas, wenn wir regelmäßig mit der Bahn fahren. Wir lernen, dass Handys in fahrenden Zügen nicht richtig funktionieren. Nichthandybesitzer lernen das wenigstens. Die anderen offensichtlich nicht. Sie probieren immer wieder, eine Verbindung zu kriegen. Bislang habe ich nur einmal erlebt, dass ein Handybesitzer ein längeres Gespräch führen konnte. Er musste schreien, aber es schien zu gehen. Jedenfalls haben alle mitgekriegt, dass er eine Familie hat. Ich erfuhr zunächst, dass er sein Schnäuzelchen liebt.
"Jetzt gib mir mal Kasper, Mäuschen-Moppel-Hasilein."
Kasper ist Sohn Nummer eins. Der hatte in der Schule eine Arbeit zurückgekriegt und eine gute Note bekommen. Gut, dass wir das geklärt haben.
"Gib mir mal den Melchior, Kasper." Melchior ist der zweite Sohn des Handybesitzers, der sein Mäuschen-Moppel-Hasilein liebt. Ich durfte erfahren, dass Melchior krank ist und deshalb nicht zum Handballtraining konnte. Schade eigentlich.
"Gib mir jetzt mal den Balthasar, Melchior." Balthasar ist der dritte Sohn des Handybesitzers, der sein Mäuschen-Moppel-Hasilein liebt. Wir durften erfahren, dass Balthasar Geburtstag hat. Was uns das freut!
Leider musste ich dann aussteigen und konnte nicht mehr über Kasper, Melchior und Balthasar erfahren. Dabei hätten mich noch die Probleme mit der Schwiegermutter interessiert und wie die glückliche Familie mit der Geschlechtskrankheit fertig wird, die sich Handybesitzer in Thailand geholt hat.

Diskussion

Dein Kommentar

Was hältst du von dem Dokument Warum Bahnreisen so lehrreich sind? Sag uns eines Meinung!

  1. (freiwillig, wird nicht veröffentlicht)

Kommentare

  • sunnygirl21
    Sat, 02 May 2009 19:18:56 GMT Gut von sunnygirl21

    Ich finds richtig gut, und es entspricht auch der Wahrheit (also das
    mit den Twix hab ich noch nicht ausprobiert, weil ich Automaten aus Prinzip
    nicht traue )

  • Tue, 04 Oct 2005 15:21:35 GMT naja... von cora15

    is schon lustig...,aber irgendwie naja ich weiß nich...es is irgendwie
    scheiße^^deutschland eben...^^

Feedback