Wann Sie den Fernseher ausschalten sollten

Kategorie: Witzige Geschichten
Eingesendet: 02.09.2005
Wörter: 9072
Autor: k1ng0r
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Wann Sie den Fernseher ausschalten sollten

Wann Sie den Fernseher ausschalten sollten
(Das Tor zur Welt)

Das deutsche Fernsehen ist für seine Kulturbeiträge bekannt.

Fernsehen macht Spaß, bildet und ist ein Tor zur Welt, wenn man nicht das falsche Programm erwischt. Ich möchte in diesem Kapitel vor schlechten Sendungen warnen - damit Sie ein schönes Leben haben.

Meiden Sie auf jeden Fall Tinky Winky, Dipsy, Laa Laa und Po! Die Rede ist natürlich von den Teletubbies. Was? Die kennen Sie nicht? Dann werde ich sie kurz vorstellen. Die Teletubbies sind vier sprachbehinderte Pelzwesen mit Antennen auf dem Kopf und Fernsehgeräten im Bauch. Sie leben auf einer saftig-grünen Wiese, auf der Blümchen blühen und niedliche kleine Hasen herumhoppeln. Die Lebensaufgabe der Teletubbies besteht darin, wie gehirnamputierte Eintagsfliegen durcheinander zu rennen. Sie glotzen in die Kamera wie Kühe, die vergessen haben, zu käuen, und versuchen quiekend, ihren unglaublich variablen Wortschatz ("Winke, winke!", "O-Ohhh!", "Tubby-Toast") ans lernwillige Kind zu bringen.

Ich habe mir eine ganze Folge angeschaut und es war das Schrecklichste, was ich je gesehen habe. Seither verstehe ich, warum irgendwann mal ein kluger Mensch in weiser Voraussicht das Wort "Horror" erfunden hat. Rechnen Sie mir bitte hoch an, dass ich bis zum Schluss durchgehalten habe, ich tat dies im Dienste der Wissenschaft.

Teletubbies, Folge 36.295

Intro: Teletubbies auf grüner Wiese. Alberne Musik. Doofer Liedtext dazu.

[Zuschauer (denkt): Hach, diese heile Welt, wie schön! Dagegen ist die Augsburger Puppenkiste ein Familiendrama. Wie kriegen die den Rasen bloß so schön hin, diese Engländer? Muss ein Teppich sein ...]

Szene 1/1: Teletubbies stehen um ihren Esstisch herum und wollen Tubby-Pudding essen. Dipsy-Depp kleckert seine Portion versehentlich auf den Stuhl. Großes Geschrei, da jetzt nur noch drei Plätze für vier Teletubbies frei ist.

[Zuschauer (denkt): Wisch den Dreck halt weg, Blödel!]

Szene 1/2: Panik und "O-Ohhh"-Geschrei.
Laa Laa feixt: "Dipsy Klecks macht."
Oh-Ohhh-Geschrei.
Tinky-Winky feixt: "Dipsy Klecks macht."
Oh-Ohhh-Geschrei.
Po feixt: "Dipsy Klecks macht."

[Zuschauer (ruft): Jaaa, ich hab's verstanden! Aber jetzt wischt die Pampe halt auf!]

Szene 1/3: Alle vier Teletubbies rennen mehrmals im Uhrzeigersinn um den Tisch herum, um das Problem zu lösen: Erst setzen sich Laa Laa, Po und Tinky-Winky auf die freien Plätze. Dipsy kann sich wegen des Puddings nicht setzen. O-Ohhh-Geschrei. Dann setzen sich Laa Laa, Po und Dipsy. Tinky-Winky kann sich wegen des Puddings nicht setzen. O-Ohhh-Geschrei. (Das Ganze geht immer so weiter, bis alle möglichen Kombinationen durch sind. Die Teletubbies stellen aber fest, dass immer einer übrig bleibt, der sich wegen des beschmierten Stühlchens nicht setzen kann.)

[Zuschauer (gähnt): Hallo? Wie lang geht denn der scheiß noch? So doof ist doch nicht mal ein zweijähriges Kind? Aber jetzt ist langsam gut, oder? Wischt den Schlabber auf und fertig!]

Szene 1/4: Ähnlich wie Szene 1/3, diesmal laufen die Tubbies allerdings gegen den Uhrzeigersinn um den Tisch herum, immer und immer wieder. Wieder testen sie (erfolglos) alle Kombinationen.

[Zuschauer (ungläubig, mit Zittern in der Stimme): Nein, das ist jetzt nicht wahr … ]

Szene 1/5: Rollender Staubsauger mit Augen kommt ins Bild und umkreist wie ein Geier die Szenerie.

[Zuschauer (feuert den Staubsauger an): Saug den Scheiß weg, saug ihn weg!]

Szene 1/6: Staubsauger tut erst mal gar nichts à Höhepunkt hinauszögern.

[Zuschauer: gngngngngngngngngngngngngngngngngngng …]

Szene 1/7: Staubsauger saugt Pudding weg. Stuhl ist sauber. Jubel.

[Zuschauer (jubelt mit): Endlich! Gott sei Dank, endlich! Yes, Yes, Yes (Beckerfaust). Was kommt jetzt?]

Szene 2/1: Nach kurzer Zwischensequenz im Stil der Einleitung folgt die Überblendung in einen Kindergarten. Dort sitzt ein Aushilfs-Reinhard-Mey mit Gitarre, Typ schwuler Kindergärtner. Singt zusammen mit den Kleinen ein lustiges Lied, wobei die Zwerge ab und zu rhythmisch stampfen und klatschen (etc.) müssen/dürfen.

[Zuschauer (denkt): Na ja, für die Zielgruppe wohl ganz nett. Jedenfalls besser als der dauernde Wiederholungskram.]

Szene 2/2: Überblendung auf heile Welt im Stil der Einleitung, wobei die Teletubbies Zugabe für das lustige Lied fordern. Sie schreien begeistert: Noch mal! Noch mal! Noch mal!

[Zuschauer (schreit wimmernd): Nein, nicht noch mal den schwulen Kindergärtner! Bitte Gott, nicht noch mal!]

Szene 2/3: Teletubbies: Noch mal! Noch mal! Noch mal!

[Zuschauer (verzweifelt): Neeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiin!

Szene 2/4: Teletubbies (schreien): Noch mal! Noch mal! Noch mal! (Film wird zurückgespult und wieder von vorne gespielt)

[Zuschauer (resigniert): … argl.]

Szene 3: Identisch mit Szene 2/1

[Zuschauer (schluchzt): Warum? Warum? Warum?]

Schluss-Sequenz: Kollektives "Winke-Winke"-Schreien.

[Zuschauer (weint und schaltet ab)]

Erschreckend: Mehr als 60 Prozent aller deutschen Kinder unter sechs Jahren sehen die Teletubbies regelmäßig. Für diverse Merchandise-Artikel (Plüschfiguren etc.) haben die Eltern 2003 rund 40 Millionen Euro verschwendet. Und ich armer, kleiner Wicht kann nichts dagegen tun! Alleine mir bleibt die Chance, die Wahrheit über die Teletubbies zu offenbaren.

Liebe Kinder!
Die Teletubbies sind in Wirklichkeit Menschen, die sich verkleiden, um euch zu täuschen, zu verblöden und zu töten. Die bösen Männer stecken in Kostümen, die 120 Kilogramm wiegen und 2,50 Meter groß sind. Die Teletubbies wären also fürchterlich furchteinflößend, würden sie in echt vor euch stehen. Sie sind gar nicht klein, goldig und wuschelig, sondern monströs und stinken nach Schweiß!

Wenn sie über die saftig-grüne Wiese walzen, müssen sie Acht geben, nicht aus Versehen die süßen Hoppelhäschen zu Tubby-Pudding zu zermatschen. Das hat mir ein gewisser Engländer Dave Thompson verraten, der früher mal im Tinky-Winky-Kostüm steckte. Er war vom Fernsehsender BBC entlassen worden, nachdem er mit Laa Laa Bumsibumsi gemacht hatte (soll wirklich wahr sein, verehrte Leser!). Da können wir echt froh sein, dass Tinky Winky sich nicht Po aussuchte. Wer weiß, welchen Schweinkram er dann veranstaltet hätte?

Volksmusiker oder Schlagersänger sind die Teletubbies für Menschen jenseits des Verfallsdatums. Es zeigen sich viele Gemeinsamkeiten: Es treten Wesen in seltsamen Kostümen auf, die Heile-Welt-Atmosphäre vermitteln und komische Töne von sich geben. Schlagersendungen wie im MDR sind der Knüller. Die Produzenten pflanzen einen mehr oder weniger bekannten und begabten Trällermann auf eine Wiese unserer Heimat (ehemalige DDR) und lassen ein Band laufen.

Die Texte erreichen meist nur Liebe-Herzschmerz-Niveau. Während das Playback läuft, bewegen die Künstler die Lippen, manchmal sogar synchron zum Ton. Um ihrem Werk noch mehr Ausdruck zu verleihen, machen sie Handbewegungen: Bei diversen Stichwörtern kommen unterschiedliche Abläufe zum Tragen. Beispiele: Bei "Herz" legen sie beide Hände flach über die linke Brustwarze, bei "Du" deutet der nackte Zeigefinger in Richtung Kamera oder bei "Schmerz" verkrampfen sich die gelifteten Gesichtszüge zu einer Mittelgebirgslandschaft. Übrigens kommen diese drei Worte immer vor.

Volksmusiksendungen erreichen ähnliches Niveau, spielen sich aber meistens in geschlossenen Anstalten, 'tschuldigung, in geschlossenen Studios ab. Oft stehen nicht mal die Vortragenden im Vordergrund, sondern die Kulissen-Zombies. Ich meine die Gäste im Studio, die bereits nach den ersten Tönen des folgenden Gassenhauers einen glasigen Blick bekommen und rhythmisch zu klatschen beginnen. Wer glaubt, die anwesende Besucherschar würde dies tun, um dem Sangesdödel Respekt zu zollen, ist meiner Ansicht nach schief gewickelt.

Ich habe eine Theorie, weshalb der Deutsche bei jeder Gelegenheit mitklatschen muss. Er glaubt, die grauenvollen Melodien samt Singsang übertönen zu können. Mal ehrlich: Normalmenschen können dieses Hum-tata doch nicht ertragen, oder? Besonders erschreckend ist für mich die Vorstellung, einer der Patrick Lindners würde an meinen Tisch humpeln und mich so ansingen, wie es die Jodel-Huber oft mit älteren Damen machen. Warum tun die Ohren-Folterer das? Sie wollen das Publikum, das meiner Meinung nach nicht freiwillig anwesend sein kann, ins Geschehen einbeziehen.

Weil außerhalb des sichtbaren Kamerabereichs ein Fernsehbeschäftigter mit einer Pistole steht, lächeln die bedauernswerten Omas auch noch. Süßsauer, aber immerhin. Ich bewundere diese Menschen, weil sie sich nicht übergeben müssen. Typen wie Karl Moik müssen doch aus dem Mund riechen? Ich bin jedenfalls froh, noch weit von der Altersgruppe "Graue Panter" entfernt zu sein. Insofern kann es mir nicht passieren, dass ich eines Tages von maskierten TV-Schergen festgenommen und gewaltsam zum Musikantenstadl geschleift werde. Älteren Menschen nimmt man offensichtlich gerade noch ab, sich für die dort gezeigten Darbietungen begeistern zu können. Die Armen.

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