„Sollte ich austrocknen und zertrampelt werden, dann zumindest von dir
Die Nähe schöner Blumen reicht mir nicht, ich möchte bei dir sein
Das kurze, unglückliche Leben ist unveränderlich
Ich liebe, liebe nur dich...“
Zum wiederholten Mal sang Ruki mit voller Hingabe dieses Lied, „Hanakotoba“. Man könnte meinen, es käme wirklich aus tiefster Seele…und das, obwohl die Bandprobe nun schon mehrere Stunden andauerten und dieses Lied schon zum 5-mal wiederholt wurde. Aber Uruha, der Bandleader, hatte drauf bestanden, dass das Stück endlich perfekt sitzt. Eigentlich hätte er dieses Mal zufrieden sein können, doch ein Problem gab es noch.
„R-E-I-T-A!!!!“ Uruha hatte abrupt sein Gitarrenspiel unterbrochen und schaute den Bassisten, der wie aus einem Traum geschreckt verwirrt aufsah, wütend an. Auch die anderen drei Bandmitglieder unterbrachen nun die Probe und sahen zu Reita.
„Was…ist denn los?“, fragte dieser leicht verwundert.
„Was ist los, was ist los!! Was soll los sein?! Außer, dass du grottenfalsch spielst, mein Lieber!!!“, keifte Uruha los und schien kurz davor zu sein, Reita seine Gitarre um die Ohren zu schlagen.
„Und dabei war ich gerade sooo toll…“, jammerte Ruki los und schmollte ein wenig.
Reita seufzte nur. Ihm war schon bewusst, dass er wohl falsch gespielt hatte…aber es war ihm gar nicht aufgefallen. Wie auch? Mit seinen Gedanken war er ganz wo anders…
„Hör mal, wenn du dich nicht am Riemen reißt und ordentlich spielst, dann werden wir dieses Stück wohl leider nicht gut auf der Bühne vortragen können. Und alle anderen Lieder genauso!! Die Band können wir dann vergessen!! Das ist dir schon bewusst, oder?!“, unterbrach Uruha seine Tagträume mit böser Stimme.
„Hey, Uruha, übertreib mal nicht. Sag lieber, Reita, stimmt irgendwas nicht? Hast du vielleicht Probleme oder so?“, fragte Ruki und guckte Reita mit großen Augen an.
„Nein, das ist es nicht…“, antwortete er dem kleinen Sänger.
„Oder gefällt dir etwa die Musik nicht mehr?!“, rief nun Kai hinter seinem Drumset hervor. Wieder schüttelte Reita den Kopf.
„Na dann ist doch alles in Ordnung!“, stellte Uruha fest.
Wenn der wüsste.
Für Reita war so gut wie nichts in Ordnung, aber der großer Leader-sama hatte mal wieder nichts außer dem Erfolg der Band im Kopf. Reita war das im Moment eigentlich ziemlich egal…und das nur wegen einer bestimmten Person.
„Also, noch mal von vorne?“, rief Uruha nun schon etwas fröhlicher, doch er warf Reita einen warnenden Seitenblick zu. Ruki war natürlich sofort dabei und trällerte gleich mal ein „Ich bin bereiii~heiheit!!“ ins Mikro.
„Na bravo, immerhin einer!“
Doch plötzlich drehte sich Aoi, der Gitarrist, der gerade schräg vor Reita stand, zu ihm um und lächelte ihn aufmunternd an. Anscheinend wollte er sagen, er soll trotz Uruhas Strafpredigt nicht den Kopf hängen lassen. Reita nickte nur, doch in seinem Bauch schienen auf einmal tausende von Schmetterlingen einen zweiten Rio de Janeiro-Karneval zu feiern.
Und das nicht erst seit jetzt.
Kai klopfte die ersten Takte, dann setzten die anderen ein. Aber Reita schweifte wieder gedanklich ab…
Ja, seit wann war das nun so, dass er dieses schreckliche Herzklopfen bekam, wenn Aoi ihn ansah, und er rot wurde, wenn er ihn zufällig berührte? Selbst nachts träumte er von Aoi und tagsüber musste er ständig an ihn denken…Immer nur Aoi, Aoi, Aoi…als wäre er sein ganzer Lebensinhalt…sein Grund zu leben…Ihm wurde ganz warm bei dem Gedanken, wenn er sich vorstellte, wie er Aoi küssen würde…Es fühlte sich so gut, es sich vorzustellen, dass er sich öfters krampfhaft bemühen musste, es nicht sofort an Ort und Stelle in der Realität auszuprobieren. Vorerst musste er sich zu seinem großen Bedauern mit „Freundschaft“ abgeben, er verstand sich gut mit Aoi und anscheinend fiel es niemandem auf, dass er ihn am liebsten flachlegen würde, wenn Aoi ihn mal wieder aus seinen Schokobraunen Augen ansah, diese Augen, die Reita noch um den Verstand brachten… Dank seiner Nasenbinde konnte man schlecht sehen, dass er manchmal rot wurde, aber das war Reita auch ganz recht. Keiner sollte von seinen Gefühlen für den schwarzhaarigen Gitarristen erfahren, bevor er es ihm selbst gesagt hatte. Ihm war schon klar, dass er sich anscheinend verliebt hatte…und ganz chancenlos sah es ja nicht aus. Immerhin, so bildete er es sich ein, lächelte ihn Aoi in letzter Zeit öfters an und schien häufiger mit ihm zu reden oder herumzualbern. Konnte man das nicht als gutes Zeichen sehen? Reita tat es jedenfalls. Und am besten, er würde möglichst bald Aoi mal unter vier Augen sprechen…Die anderen ging das schließlich nichts an! Er würde-
„AUA!!!“ Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn, er fasste sich mit der Hand an den Hinterkopf.
Kai hatte ihm einen seiner Drumsticks an den Kopf geworfen.
„Hey! What the fuck…?! Was sollte das, hm?! Das tut doch weh!!“, fragte er wütend und drehte sich um. Kai zuckte nur mit den Schultern.
„Du hast mal wieder total falsch gespielt und Ruki und Uruha waren kurz davor, handgreiflich zu werden, da dachte ich, ich mach dich mal lieber auf die drohende Gefahr aufmerksam…“
Und tatsächlich, Aoi hielt Uruha und Ruki an jeweils einem Arm fest, damit diese Reita nicht an den Hals springen konnten.
„DU BLÖDMANN!! Jetzt habe ich gerade soo toll gesungen und du verpasst total deinen Einsatz!! Da kann ich mich doch nie konzentrieren!!“, rief Ruki wütend und enttäuscht zugleich.
„Ich…es…tut mir Leid…heute kann ich mich einfach nicht konzentrieren…“, stammelte er und ließ ein wenig den Kopf hängen. Zum einen, um Uruhas wütendem Blick auszuweichen, zum anderen, um nicht rot zu werden, denn Aoi sah ihm direkt in die Augen. Der räusperte sich gerade…
„Also, ich denke, Reita kann doch auch mal einen schlechten Tag haben…“
„EINEN schlechten Tag würde ich ihm ja erlauben, aber nicht ZWEI SCHLECHTE WOCHEN!!!!“
„Aber Uruha, machst du dir denn keine Sorgen? Es könnte doch…was ernstes sein…ich meine, würde er sonst einfach so die Zukunft der Band so gefährden?“, versuchte Aoi Uruha wieder zu beruhigen.
„Schon gut, Aoi…ich glaube, im Moment bin ich wirklich unnütz…tut mir wirklich Leid. Ich verspreche, in wenigen Tagen wieder so gut wie früher zu sein.“ Reita versuchte zu lächeln und nickte, um seine Worte zu bekräftigen.
„Na das will ich aber auch hoffen.“, meinte Ruki und warf ihm einen finsteren Blick zu.
„Für heute lassen wir es wohl lieber gut sein…“, meinte Uruha und nahm seine Gitarre ab. Die anderen vier sahen ihm wortlos und betreten zu. Es war still in dem kleinen Probenraum, nur die Wanduhr tickte leise und Uruhas Schritte waren zu hören, wie er zur Wand ging, um das Instrument wegzupacken.
„Was ist? Seid ihr festgefroren?“
„Also wirklich genug für heute?“, fragte Kai unsicher nach; Uruha nickte nur stumm.
„Na ja…wir können ja…morgen weitermachen…“
Aoi folgte Uruha und räumte seine Gitarre weg, Ruki setzte sich seufzend auf einen Stuhl an der Wand und Kai stand etwas verloren neben seinen Drums. Auch Reita wusste nicht so recht, was er machen sollte. Immerhin war er ja schuld, dass in letzter Zeit soviel schief ging. Mit einem unterdrückten Seufzen beobachtete er Aoi, der gerade etwas abwesend seine Gitarre begutachtete. Sofort schoss ihm wieder ein wenig mehr Blut in den Kopf und er beschloss, auch seinen Bass aufzuräumen.
„Na dann…bis morgen…“, murmelte Kai leise, nachdem er seine Sachen weggeräumt hatte, und nach einem kurzen, verabschiedenden Gemurmel der anderen, verließ er den Raum.
„Reita? Kann ich ganz kurz mit dir sprechen?“, fragte Uruha und nahm ihn ein wenig zur Seite.
„Sicher…was denn?“
Der Leader seufzte erst einmal und sah Reita dann fest an.
Oh nein, jetzt nervt er mich bestimmt damit, was denn los ist mit mir…dachte er sich und verdrehte die Augen.
„Was ist denn los mit dir?“
Bingo.
„Nichts ist los mit mir! Mir kann es halt einfach nicht immer wunderbar gehen!!“, gab er genervt zurück und ließ seinen Blick durch den kleinen, gelb gestrichenen Raum wandern. An der Wand hing ein großes „The GazettE“- Plakat, dass sie mal von Fans geschenkt bekommen hatten…viele Kabel lagen am Boden, nebenan war schließlich ein Programmierungsraum…
„Mach mir nichts vor!“, unterbrach Uruha seine Träumerei, „Du bist doch nicht mehr du selbst!! So still und verträumt warst du nie! ...Hör mal…ich möchte nicht erfolgsgierig klingen, aber die Band ist mir wirklich wichtig. Und ich weiß, dass es Ruki, Aoi und Kai genauso geht, und dir auch, Reita, da bin ich mir sicher. Du hast bestimmt nur ein Problem, irgendwas, was du mit dir herumschleppst. Du kannst mir das gerne sagen! Wirklich!“
„Das ist sehr nett von dir Uruha…aber ich habe wirklich kein Problem! Vielleicht einfach nur Schlafmangel…morgen wird es besser sein, bestimmt!!“
Reita drehte sich um und ging zur Garderobe und ließ einen Kopfschüttelnden Uruha zurück.
Aber er wollte nun wirklich nicht mit irgendjemandem reden. Nein, er würde jetzt endlich allen Mut zusammennehmen und…
Aoi zog sich gerade seine Jacke an, als Reita sich näherte. Er holte noch einmal tief Luft und versuchte, nicht darauf zu achten, dass sein Herzschlag gerade einen neuen Weltrekord brach.
„Du, Aoi…“
Der Angesprochene drehte sich zu ihm um. Reita schluckte, er hatte einen Kloß im Hals. Nur die Ruhe…einfach fragen…
„Hast du…Hast du Lust, noch etwas trinken zu gehen?“, fragte er und versuchte, den Blickkontakt zu halten, ohne rot zu werden.
„Jetzt? Hm…na gut…“
Hurra! Erste Hürde überstanden…nun nur noch eine Sache überstehen…
„Reitaaa, wo gehst du hiiin?“
Oh nein, da ging es schon los. Das Gequengel des Teufels, des Herrschers der Störelemente.
„In eine Bar, Ruki, das ist nichts für Kinder!“
„Verarsch mich nicht! Aoi nimmst du doch auch mit, wieso mich nicht?“ Ruki zog eine Schnute und sah Reita bettelnd an.
„Weil du jetzt schön in dein Bettchen gehst, klar?“
„Was?! Hey, sag mal, hast du die Ich-hasse-euch-alle-und-die-ganze-Welt-Pille geschluckt oder was?!“
Nein, dachte Reita, wohl eher die Mach-mich-schwul-Pille, aber nun gut… Er piekste dem quietschenden Ruki in die Seite.
„Auuuu!!! Hör auf!!!“, rief der und wich Reitas Attacke aus.
„Übrigens, da steht schon dein Aoi, willst du ihn warten lassen?“, fragte er frech.
Reita sah zur offenen Tür, in der er gerade mit Ruki stand, hinaus. Auf der Straße, die schon von Straßenlaternen erhellt wurde, stand Aoi und sah zu den beiden herüber. Es war schon recht kühl, obwohl es Sommer war, deswegen hatte Aoi seine Jacke zugemacht. Er kaute auf seinem Lippenpiercing herum, was er meist nur tat, wenn er nervös oder gelangweilt war. Eine leichte Brise spielte mit seinem schwarzen Haar, in Reitas Augen sah er einfach unwiderstehlich aus…
„Was?! Er ist schon fertig? Na, dann gehen wir mal…“
Reita wollte sofort zu Aoi eilen, doch das ließ Ruki nicht so einfach zu: Er wollte den Bassisten stolpern lassen. Im letzten Moment konnte Reita dem Bein ausweichen…
„SPINNST DU?!?!“, schrie er den kleinen, lachenden Vocal an.
„Hahaha, bist du SO aufgeregt? Hmm?“, fragte Ruki frech, worauf Reita mit den Fäusten auf ihn eintrommelte.
„Sagt mal, was macht ihr denn?!“, rief Aoi leicht belustig zu ihnen hinüber.
„Nichts weiter…“, antwortete Reita, als er zu ihm kam.
„Gehen wir?“
Aoi nickte nur.
~*~*~*~
Es war über ihre lange Bandprobe bereits dunkel geworden und auch deutlich kühler, wie Aoi bemerkte, weswegen er seinen Mantel etwas geschlossener als gewöhnlich trug. Zudem hatte er sich auch noch seinen Schal umgebunden, den er sonst mehr zu Verzierungszwecken lässig um die Schultern geschlungen hatte.
Die Hände hatte er in seinen Manteltaschen vergraben, da er seine Handschuhe vergessen hatte aber nun auch nicht unbedingt frieren wollte. Zumal seine Hände, seine Finger im besonderen, das wichtigste waren was er besaß. Jedenfalls im Hinblick auf die Band.
Denn ohne Finger konnte er schlecht Gitarre spielen.
Noch einmal leckte er über sein Lippenpiercing, spielte damit, ehe er die Lippen wieder fest aufeinander legte und einen Blick auf seinen Begleiter warf.
Bisher hatte Reita noch kein einziges Wort zu ihm gesagt, war nur einfach schweigend neben ihm hergegangen, hatte ihm nur hin und wieder eine Richtungsanweisung gegeben, damit er wusste wohin sie eigentlich unterwegs waren.
Sein Bandkollege hatte ihn auf einen Drink eingeladen, aber er hatte so das dumpfe Gefühl, dass Reita ihm etwas Wichtiges mitzuteilen hatte was nur sie beide etwas anging, denn ansonsten hätte er Ruki, ihren Sänger in Spe, nicht so hartnäckig abgewimmelt.
Wenn er sich an diese Szene zurückerinnerte, dann fand er, dass Reita wirklich sehr entschieden gegen Rukis Dabeisein gewesen war und zudem noch recht nervös gewirkt hatte.
Und während der Proben hatte er auch die Töne nicht getroffen und ziemlich abwesend gewirkt. So langsam fragte er sich, ob es Reita wirklich so gut ging wie er ihnen allen weiß machen wollte.
Aber wahrscheinlich würde Reita ihm das schon sagen, wenn er es für angebracht hielt.
Doch wenn er ehrlich war, dann war er sich all dieser Sachen auch nicht ganz sicher. Er vermutete sie lediglich nur.
„Wir sind da.“, ertönte da Reitas Stimme neben ihm und er sah auf.
Über einer breiten Tür aus sehr dunklem Holz, wahrscheinlich Teak, hing ein Schild, das in roten Schriftzeichen verkündete, dass dieses Lokal den beflügelnden Namen ‚budō no kami’ trug, was man in etwa mit ‚Traube des Gottes’ übersetzen konnte.
Vor der Tür stand eine Tafel, die die verschiedenen Tagesangebote verkündete und den vorbeigehenden Spaziergänger dazu verlockte hier eine Pause einzulegen.
Reita schob die Türe auf und trat ins Innere, verneigte sich als eine Angestellte mit einem freundlichen Lächeln auf ihn zukam um ihn zu begrüßen, was sie mit einer beinahe übertriebenen Verbeugung tat.
Aoi folgte ihm, schloss hinter sich die Türe wieder, genoss den Schwall warmer Luft der ihm ins Gesicht schlug und öffnete sich fast augenblicklich den schweren Mantel.
„Willkommen! Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte die junge Angestellte zuvorkommend und Reita bat sie um einen etwas abgelegenen Tisch für zwei Personen.
Mit einer weiteren Verbeugung wurden sie dann zu einem noch freien Tisch geleitet und bekamen die Mäntel abgenommen. Während die junge Dame mit ihren Mänteln entschwand setzten sie sich und die Unruhe wuchs von Sekunde zu Sekunde mehr in Aoi, auch wenn er sich das nicht anmerken ließ.
Was nur wollte Reita ihm sagen?
„Ein sehr schönes Lokal, bist du öfters hier?“, fragte Aoi schließlich um das permanente Schweigen zwischen ihnen zu brechen, warf seinem Kollegen dabei ein freundliches Lächeln zu.
„Gelegentlich.“, kam die knappe Antwort zurück und Aoi seufzte innerlich auf.
Wenn das so weiterging, dann wurde das nichts mehr mit geregelter Konversation.
Gerade als er erneut etwas sagen wollte erschien die junge Dame wieder, reichte ihnen eine Karte und nahm dann ihre Bestellungen auf. In der Zwischenzeit hatte sie höflich an ihrem Tisch gewartet.
Reita bestellte sich ein einfaches Okonomiyaki und sein Lieblingsbier, während sich Aoi
für einen Salat entschied, aber dann doch einem Nichtalkoholischem Getränk den Vorzug gab. Mit einer weiteren Verbeugung entfernte sich die Bedienung wieder und ließ die beiden jungen Männer für sich allein.
„Also, Reita, weswegen sind wir nun hier?“, startete Aoi einen erneuten Versuch, konnte dabei einen leicht säuerlichen Unterton nicht unterdrücken, mit seinem Bandkollegen ins Gespräch zu kommen, musste jedoch erst einmal warten bis dieser an seinem Bier genippt hatte.
„Ich wollte einfach nur was mit dir trinken gehen.“
Die leise gesprochene Antwort ließ Aoi innerlich nur den Kopf schütteln.
Irgendetwas bedrückte den Bassisten, dass sah man ihm nur zu deutlich an, und doch schwieg dieser sich noch immer aus, und das obwohl er Aoi nun schon extra hierher gebeten hatte.
Doch für diesen Moment ließ Aoi es darauf bewenden und bedankte sich bei der jungen Bedienung die ihnen gerade ihre Bestellungen brachte.
„Uruha scheint wirklich sauer auf mich zu sein.“, bemerkte Reita da auf einmal und Aoi sah überrascht von seinem Teller auf, lächelte dann aber.
„Uruha regt sich schnell auf, wenn in der Band mal etwas nicht so klappt wie er sich das vorstellt. Aber er wird sich schon wieder beruhigen.“
„Mag sein, aber er war wirklich wütend.“
„Reita...“, seufzte Aoi auf und maß den anderen mit einem abschätzenden Blick, „... glaub mir, Uruha wird sich wieder beruhigen und dann läuft alles wieder in seinen geordneten Bahnen und wir werden unseren großen Auftritt haben und die Fans begeistern.“
Einer von Reitas Mundwinkeln zuckte verdächtig und es schien doch tatsächlich als würde sich da gerade ein kleines Lächeln auf die starren Gesichtszüge seines Freundes bahnen.
„Unser Leader geht gerne mal in die Luft. Wir stehen kurz vor einem Auftritt, da ist er nun mal nervös. Das sind wir alle.“, fügte er dann noch hinzu und schob siech dann die Gabel in den Mund, kaute auf seinem Salat herum und sah Reita nur zustimmend nicken.
„Du magst es, wenn alles seinen geregelten Gang geht, oder? Aoi?“, fragte Reita leise und sah seinen Bandkollegen über den Rand seines Glases hinweg abwartend an.
Dieser nahm sich die Zeit seinen Bissen hinunterzuschlucken und dann mit seinem bestellten Oolong-Eistee hinunterzuspülen, ehe er ihm antwortete.
„Es ist wichtig, dass man einen festgelegten Ablauf hat an den man sich halten muss und wenn es Regeln gibt. Aber ich denke, dass man es auch nicht zu übertreiben braucht.
Ein geregeltes Leben ist gut, aber eins das Spaß macht ist besser.“
Reita nickte nur und versank dann scheinbar wieder in seinen Gedanken, während Aoi nur verwirrter dreinschaute. So sehr es ihm gefiel mit Reita mal eine geregelte Konversation führen zu können, so war er sich dennoch nicht ganz schlüssig über das wieso und warum.
Denn es kam nicht jeden Tag vor, dass Reita ihn einlud und sogar Ruki abwimmelte.
Und das obwohl sich die beiden sehr gut verstanden und stets die Spaßmacher in der Band waren. So ernst kannte er den Bassisten gar nicht, wie Aoi sich eingestehen musste.
„Wie läuft es denn bei dir im Moment so, Reita?“, startete Aoi einen neuen Versuch den Bassisten ein wenig aufzulockern. Dieser sah ihn fragend an.
„In der Familie, meine ich.“, gab er dann noch eine erklärende Auskunft und Reita nickte , brachte sogar ein kleines Lächeln zustande.
„Danke der Nachfrage, es geht allen soweit ganz gut. Meine Großmutter klagt über ein paar Dinge, aber es ist nichts Ernstes. Und bei dir?“
„Bei mir das selbe.“, antwortete Aoi mit einem Lächeln, kratzte die letzten Salatreste von seinem Teller und schob sie sich in den Mund. Danach leckte er sich einmal über die Lippen um die Spuren der Sauce zu beseitigen, dabei fiel ihm der starrende Blick seitens Reita auf. Dieser sah ihn unverwandt an und hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt.
Und der Blick in diesen braunen Augen die in dem Dämmerlicht schon beinahe schwarz wirkten war faszinierend und es gelang Aoi nicht den Blickkontakt zu unterbrechen. Wie hypnotisiert starrte er Reita weiterhin an.
„Sag mal, Aoi, was denkst du von mir?“, ertönte da plötzlich wieder Reitas leise Stimme. Aoi musste erst einmal blinzeln und sich wieder sammeln, ehe er wirklich auf die Frage seines Teamkollegen eingehen konnte.
„Also... was soll ich denn sagen?“
Verwirrt schob Aoi sich einige störende Haarsträhnen aus dem Gesicht, lehnte sich ein wenig zurück und bemerkte zum ersten Mal seit sie dieses Lokal betreten hatten, dass das Licht der Kerzen auf ihrem Tisch Reita ein faszinierendes Äußeres gaben und seine Augen unnatürlich erstrahlen ließen.
Nicht das Reita normalerweise nicht faszinierend oder gar unattraktiv war, ganz im Gegenteil, aber so sehr wie in diesem Moment war ihm das noch nie aufgefallen.
Obwohl er ja zugeben musste, dass er seinem Bandkollegen schon ab und an einen Blick zuwarf und ihn mehr als nur intensiv musterte.
Während Aoi in seinen Gedanken versank und nur noch Augen für Reita hatte der ihn abwartend ansah, drang das Murmeln der anderen Gäste und das klirrende Geräusch des Bestecks auf den Tellern an seine Ohren, ebenso wie die leise und freundliche Stimme der Bedienung, die zwischen den Tischen und dem Eingang hin und her lief.
Es war eine ruhige Atmosphäre.
So ruhig, dass Aoi meinte sogar das Knistern der Kerzenflamme vor ihm hören zu können oder das Geräusch des Wachstropfens der nach unten tropfte und eine heiße Spur hinter sich her zog.
Und diese Hitze schien auf den Gitarristen überzugehen, denn auf einmal schien ihm das schwarze Shirt das er trug an der Haut zu kleben, sich an diese zu pressen und ihm die Luft aus dem Brustkorb zu drücken.
„Ich…“, fing er an, räusperte sich dann aber noch einmal, ehe er erneut anhob, „Ich mag dich, Reita.“
Die Worte kamen zögerlich, so als ob er sie gar nicht aussprechen wollte, aber dennoch sagte er sie und sah Reita dabei unverwandt an.
„Du bist ein netter Kerl, Reita, und auch sehr humorvoll.“, fügte er dann noch hinzu, ehe er erneut ins stocken geriet. Ihm fiel absolut nichts ein was er Reita sagen konnte.
Es war als ob eine Mauer ihm im Weg stand über die er nicht rüber kam und an der er auch nicht vorbei konnte. Warum nur konnte er seinem Kollegen nicht sagen was er über ihn dachte?
Reita war ein netter, attraktiver und sehr humorvoller, wie aber teilweise auch ernsthafter junger Mann, der mit sehr viel Inbrunst Bass zu spielen pflegte und zu seinen Bandkollegen sehr nett und einfühlsam war. Er machte gerne Späße, spielte den anderen Streichen und war ein sehr lockerer und offener Mensch, der allerdings auch verschlossen sein konnte und nicht jedem seine kleinen und großen Probleme auf die Nase band.
Alles an Reita besaß eine übernatürliche Anziehungskraft und Aoi fühlte sich zu seinem Bandkollegen auf eine besondere Art und Weise hingezogen, doch genau diese Worte wollten ihm nicht von den Lippen und so beließ er es bei seinem einfachen Satz.
„Aber ich bin nur ein normaler Freund für dich, nicht wahr?“
„Was meinst du mit ‚normal’?“
„Nun… du siehst mich nur als Freund, als Kollege. Aber nicht mehr.“
Aoi schwieg darauf.
Was sollte er denn sagen?
Natürlich war Reita für ihn nur ein Freund, ein Kollege und vielleicht auch einer der liebsten Menschen die er kannte und einer derjenigen die er nicht mehr missen wollte. Ruki, Kai, Uruha… die drei würde er mit Sicherheit vermissen, aber Reita… der war ein Fall für sich, irgendwie etwas Besonderes.
Und vor allem etwas, dass Aoi nicht wirklich beschreiben konnte.
Reita war sein Freund, jemand mit dem er reden konnte, aber gleichzeitig schien Reita so viel mehr für ihn zu sein als ‚bloß’ ein Freund.
Das konnte er nicht so gut beschreiben und deswegen schwieg er sich für diesen Moment aus, was Reita ihm nicht übel zu nehmen schien, da er gerade wieder den Mund öffnete um etwas zu sagen.
„Weißt du, Aoi, ich… ich habe noch nie einen Mann geküsst.“
Überrascht und in gewisser Weise auch überrumpelt hob Aoi eine Augenbraue und sah seinen Freund leicht irritiert an, der verlegen auf die Tischdecke hinuntersah und dessen Gesicht ein leichter Rotschimmer zierte. Mit klopfendem Herzen fragte sich Aoi ob sein Freund ihn gerade wirklich dazu aufgefordert hatte ihn zu küssen. Noch zögerte er einen Moment, doch schließlich siegte seine Neugier und mit wild schlagendem Herzen fragte er:
„Wie wäre es dann mit mir?“
Diese scheinheilige Frage überraschte Reita, doch schien er sich schnell wieder einzufangen, auch wenn er recht zögerlich wirkte und sich nicht so recht traute Aois Blick zu erwidern.
„Magst du es mit mir einmal versuchen, Reita?“, fragte Aoi nach und bekam ein zögerliches Nicken von dem Bassisten als Antwort, was ihn nun Lächeln ließ.
Vorsichtig schob er die Kerze beiseite, beugte sich weit über den Tisch und wartete, bis auch Reita sich vorlehnte, ihm entgegen kam. Als er nahe genug war, legte Aoi ihm eine Hand in den Nacken, zog ihn vorsichtig noch ein wenig näher zu sich heran und sah ihm dann in die Augen. Nur einen Augenblick lang.
Nur kurz und dennoch so intensiv wie nie.
Doch schließlich schloss er die Augen, legte seine Lippen sanft auf ihr warmes Gegenstück, das unter dieser zarten Berührung leicht zu zittern begann.
Zärtlich leckte er dem verschüchterten Bassisten über die Lippen, neckte ihn ein wenig, forderte ihn sanft auf, seinen Mund ein wenig zu öffnen.
„Hm.“, entrang sich der Kehle Reitas ein leiser Seufzer, ehe er seine Lippen einen Spalt breit öffnete und seinem Bandkollegen somit Einlass gewährte, den dieser auch nutzte und mit seiner Zunge in die fremde Mundhöhle des anderen eindrang und begann diese ein wenig zu erkunden. Vorsichtig stupste er Reitas Zunge an, wollte so ein Spielchen beginnen, doch der Bassist war noch immer verschüchtert, wenn auch mutiger als Aoi es ihm tatsächlich zugetraut hätte. Sein Bandkollege ging auf seine Neckereien ein, folgte ihm jedoch nicht, sondern wartete immer darauf, dass er zu ihm kam.
Aoi erschien dieser Moment, dieser Augenblick so unendlich lange und er hätte unter Zeugen beschwört das er mit Sicherheit eine halbe Stunde so dagesessen hatte, doch als er sich schließlich wieder von Reita löste stellte er fest, dass es nur wenige Minuten sein konnten.
Noch immer waren die Gäste mit ihrem Essen beschäftigt und in ihre Gespräche vertieft und die Bedienung huschte in gewohnter Art um die Tische herum.
Keiner von ihnen schien bemerkt zu haben, dass sich die beiden jungen Männer gerade geküsst hatten.
Verwirrt und sich noch immer nicht im klaren darüber das dies kein Traum, sondern Realität war, strich Reita sich vorsichtig mit den Fingerspitzen über die leicht geröteten Lippen und sah Aoi dabei fest in die Augen.
„Wir gehen am besten.“, sagte er schließlich und Aoi nickte ihm nur zu.
Wieder einmal fiel ihm keine passende Antwort ein, und wenn dies eine andere Situation gewesen wäre, hätte er sich für diesen Umstand geschämt.
Er folgte Reita in Richtung des Ausganges und bezahlte dann seine Bestellung, ließ sich von der jungen Dame auch noch seinen Mantel geben, den er anzog ohne richtig zu merken, dass er dies eigentlich tat. Alles ging gerade seltsamerweise an ihm vorüber.
So als ob er still stehen würde, während alle anderen vorbeigingen und davon hasteten.
Die kühle Nachtluft schlug ihm entgegen als der Bassist die Türe des Lokals öffnete und dann hinaustrat. Aoi folgte ihm einfach und überließ es der Bedienung die Türe hinter ihm zu schließen.
Nun standen sie sich gegenüber und wieder einmal herrschte Schweigen.
Und zum wiederholten Male fragte sich Aoi was er Reita denn sagen konnte.
Eine Antwort fand er auch diesmal nicht.
Stattdessen trat er unruhig von einem Bein auf das andere, wartete darauf, dass der Bassist etwas sagte. Vielleicht ob es in Ordnung gewesen war, dass sie sich geküsst hatten.
Obwohl ihm auch jede andere Antwort recht gewesen wäre.
„Danke, dass du mitgekommen bist, Aoi.“, sprach Reita schließlich leise und vermied es seinen Bandkollegen anzusehen.
„Ist doch klar.“
Reita nickte nur und wandte sich dann schon halb zum gehen.
„Wir… wir sehen uns dann morgen bei der Probe.“
„Ja. Komm gut nach Hause.“
„Du auch.“
Aoi nickte noch einmal bestätigend, ehe er sich umwandte, die Entgegengesetzte Richtung einschlug und langsam davon ging.
In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken und wenn er sich getraut hätte, dann hätte er sich noch einmal nach Reita umgedreht. Aber dafür war er nicht mutig genug.
Nicht heute abend.
~*~*~*~
„Verdammt noch mal, ich hatte den blöden Schlüssel doch in dieser Tasche…“
Es war schon spät, als Reita endlich vor seinem Haus angekommen war, er war nicht besonders schnell gelaufen. Ja, er hatte nicht einmal realisiert, wo er lang lief, hatte sich einfach auf die Macht der Gewohnheit verlassen, dass er sicher nach Hause kam. Und jetzt stand er vor verschlossener Tür und suchte mit zittrigen Händen nach dem Schlüssel.
Er wusste, er hatte ihn eingesteckt, aber in welche Tasche? Sein Gehirn schien nicht mehr richtig zu arbeiten, es schien einen Schockstreik eingelegt zu haben. Nun gut, Reita mutete seinem Denkapparat auch einiges zu, schließlich musste er jetzt erst einmal den schönsten und überraschensten Moment seines Lebens verarbeiten und gleichzeitig einen blöden Schlüssel suchen.
Nachdem er sämtliche Taschen dreimal abgetastet hatte, fand er endlich das Gesuchte in der Hosentasche. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, beeilte sich, die Treppen nach oben zu steigen und schloss schließlich seine Wohnungstür auf. Innen zog er seine Schuhe aus und tappte ihm Dunkeln ins Wohnzimmer, wo er sich leicht benebelt auf das Sofa sinken ließ.
So saß er erstmal einige Minuten.
Es war vollkommen still, das einzige was er hörte, war sein rasendes Herz. Es klopfte schon die ganze Zeit, schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen. Und erst langsam realisierte er, was vorhin im Lokal passiert war.
Er hatte ihn geküsst.
Er hatte ihn wirklich geküsst, und zwar richtig.
War das wirklich geschehen? Reita schloss die Augen und dachte noch einmal zurück.
Nach der Probe…hatte er ihn angesprochen…im Lokal hatten sie…geredet, ja… und dann? Er hatte Aoi gesagt, er habe noch nie einen Mann geküsst. Und dann…hatte er ihn geküsst.
Nein, Moment. Aoi hatte IHN geküsst. Hatte das sogar vorgeschlagen.
Nachdem Reita in den letzten 20 Minuten an gar nichts mehr denken konnte und wie in Trance nach Hause gelaufen war, prasselten jetzt die Ereignisse auf ihn ein, so schnell, dass er so gut wie nichts verarbeiten konnte. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt und plötzlich hörte er wieder Aois Stimme…diese sanfte Stimme, die ihm noch den Verstand raubte!
Die Gedanken tanzten in seinem Kopf, er erinnerte sich an viele Dinge gleichzeitig, das Knistern der Kerze, die Tischdecke, die er die ganze Zeit umklammert hatte, Aois Hand in seinem Nacken, Aois Stimme, sein Parfüm, seine Augen, sein Blick, seine Haare, seine Lippen…
Alles und doch gar nichts kam ihm in den Sinn, er war total verwirrt. Aber auch überglücklich.
Nach einigen Minuten schließlich beruhigte er sich langsam. Er atmete wieder gleichmäßig und fand wieder in die Realität zurück.
Erst jetzt bemerkte er, dass er mit Straßenschuhen durch die Wohnung gelaufen war, also stand er auf, um seine Schuhe auszuziehen und aufzuräumen, außerdem sollte er seine Jacke ausziehen. Dann schaltete er das Licht im Flur an und ging in die Küche, wo er sich erstmal ein Glas Wasser einschenkte. Langsam bekam er wieder einen klaren Kopf.
„Wieso hat er das getan…?“, murmelte er leise, eine Frage an sich selbst und an Aoi…
„Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte, wie ich ihm zeigen kann, worauf ich hinaus will, aber er hat von selbst die Initiative ergriffen…“
Es hatte etwas beruhigendes, sich laut die Tatsachen zu erzählen. So wurde das alles wirklicher und auch etwas verständlicher, so bekam er wieder Ordnung in sein gedankliches Chaos. Reita lehnte sich mit dem Rücken an den Kühlschrank und schwenkte das Wasserglas leicht, so dass das Wasser im Glas leichte Wellen schlug.
„Auf einmal hat er gefragt…ob ich es an ihm ausprobieren will…so was fragt man doch nicht einfach so, also…heißt das…er mag mich auch… Er mag mich auch?!“ Zwischen Frage und Feststellung plädierte er.
„Ja…aber…er wirkte so gelassen…als ob es ihm gar nicht so viel ausmacht, mich einfach zu küssen…und dann geht er auch noch so aufs Ganze!“
Dabei strich er sich mit einem Finger über seine Lippen. Es kam ihm so vor, als könnte er Aois weiche Lippen immer noch auf seinen spüren, als hätte er immer noch den Geschmack seiner Zunge im Mund… Obwohl in dem Moment sein Herz ausgesetzt hatte und sein Verstand sich schon längst ins Jenseits verabschiedet hatte, war die Erinnerung an den Kuss gestochen klar. Ja, er konnte sich noch an alles genau erinnern, je mehr er darüber nachdachte, umso mehr kleine Details fielen ihm ein…
Eines stand fest, völlig gefühllos war der Kuss wirklich nicht. Aoi schien also wirklich Interesse an ihm zu haben, wenn auch vielleicht kein so großes wie Reita an ihm. Und das machte ihn jetzt zum glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt. Ihm wurde auf einmal ganz warm, alle seine Zweifel und Bedenken waren wie weggespült. Sein größter Wunsch hatte sich erfüllt…
Reita schwebte jetzt auf Wolke sieben. Er hüpfte zur Spüle, in die er das Glas stellte und tänzelte weiter in den Flur, wobei er lauthals „I feel good!!“, trällerte und durch eine schwungvolle Pirouette fast eine teure Blumenvase umgefegt hätte.
„Oh yeah!! Er hat mich geküsst, er hat mich geküsst, Welt, hörst du das?! GEKÜSST!!“
Er sprang noch eine Weile ausgelassen im Flur herum, Richtung Badezimmer.
Aber plötzlich hielt er inne: An seinem Telefon blinkte das Lämpchen für den Anrufbeantworter. Immer noch voller Euphorie drückte er auf den Knopf.
„Reita? Hier ist Uruha. Bist du nicht zu Hause? Oder gehst du nur nicht hin?! Versink jetzt bloß nicht in Depressionen, morgen ist Bandprobe! Und zwar schon eine Stunde früher, das Studio wird später nämlich noch für andere Zwecke verwendet. Also, sei pünktlich!“
Dann herrschte kurz Stille. Reita grinste über beide Backen – Depressionen?! Davon war er mehr als weit entfernt.
„Also…Reita. Ich weiß nicht, was mit dir los ist, und ich respektiere es auch, wenn du nicht darüber reden möchtest. Aber weißt du, was ich vermute? ...Es hat mit einem von uns zu tun. Hör mal, wenn das so ist, dann bitte ich dich, mit der betroffenen Person darüber zu sprechen. Es geht nicht nur um die Zukunft der Band, sondern auch um dich. Und deinen Zustand. Wirklich, Reita, es ist…wichtig, dass du…ja…glücklich sein kannst. Okay? Hm…na ja…dann, mach’s gut…komm morgen rechtzeitig…trink nicht zuviel Alkohol…hehe… na dann, tschüss!“
Es tutete kurz, dann piepste das Gerät.
Uruha war ja ein ganz schlaues Köpfchen, ihm entging ja gar nichts…
Reita musste schmunzeln. Es hatte sich ja jetzt zum Glück alles geklärt…oder?
Wenn er jetzt so darüber nachdachte, fand sein Höhenflug ein jähes Ende.
Was war denn jetzt? Was sollte er Aoi denn morgen sagen, wie sollte er ihm gegenübertreten?
Er konnte sich sicherlich nicht normal benehmen, aber Aoi würde sich womöglich vollkommen ungerührt zeigen. Sollte er versuchen, mit ihm alleine zu reden…?
Darüber würde er sich später Gedanken machen…
Seufzend öffnete er die Badezimmertür und betrachtete sich dann im Spiegel. Er sah müde aus, aber auch glücklich. Seine Ausstrahlung schien wieder wie früher zu sein…
Er fuhr mit der Zunge über seine Lippen, als würden da noch kleinste Partikel von Aoi zurückgeblieben sein. Vielleicht bildete er es sich nur ein, aber er hatte einen ganz, ganz leichten Geschmack von Aois Salat in seinem Mund…
Schließlich schüttelte er energisch den Kopf, um die Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. Er bildete sich schon Dinge ein… Aoi machte ihn wirklich noch konfus!
Nachdenklich fuhr er sich übers Haar, das links in sein Gesicht hing. So hatte er also die ganze Zeit ausgesehen… Unglücklicherweise entdeckte er erst jetzt, dass die Schminke an seinem rechten Auge leicht verschmiert war…dabei hatte er sich heute Morgen doch soviel Mühe gegeben, um abends für Aoi hübsch zu sein… Schon wieder Aoi. Ja, er bekam ihn nicht mehr aus seinem Kopf, dachte von früh bis spät an ihn, und jetzt, wo sie sich geküsst hatten, würde das mit Sicherheit noch schlimmer werden.
Er duschte sich schließlich und ging, nachdem er sich einen Schlafanzug angezogen hatte, ins Schlafzimmer. Es war noch nicht so spät, normalerweise wäre er länger aufgeblieben, aber er war jetzt nicht imstande, etwas anderes zu tun als an Aoi zu denken…
Er setzte sich an den Bettrand und ließ seinen Blick zum Fenster schweifen.
Außen war es ganz dunkel, nur das Licht der Straßenlaternen erhellte das kleine Zimmer, in dem er saß, ein wenig. Wie gespenstische Schatten wanderten kleine Inseln aus Licht über die weißen Wände, wenn ein Auto unten vorbeifuhr.
Nachts war alles so anders. Die Farben schienen zu verblassen, die Konturen unscharf zu werden, außerdem war es viel stiller als am Tag.
Das einzige, was Tag und Nacht gleich war, waren seine unbeschreiblichen Gefühle für Aoi.
Innerlich hoffte er so sehr, dass Aoi das gleiche für ihn empfand. Dass er ihn morgen mal beiseite nehmen würde und ihm sagen würde, dass er es ernst gemeint hätte.
Vielleicht würden sie sich erneut küssen…
Reitas Herz machte einen Satz und er wurde wieder rot.
Nun, vielleicht muss auch ich den ersten Schritt machen…dachte er sich, während er in den Kissen versank und langsam die Augen schloss.
~*~*~*~
Der Gitarrist war in der Küche gerade mit dem Dosenfutter seines Hundes beschäftigt, als das Telefon klingelte.
Er strich dem wartenden Tier entschuldigend über den Kopf, trat dann hinaus in die Diele und angelte nach dem drahtlosen Apparat, den er dann mit in die Küche nahm.
„Moshi moshi?“, sprach er mit rauer Stimme in den Hörer und es wurde deutlich, dass er erst vor kurzem die behagliche Wärme seines Futons verlassen hatte.
„Oi, Aoi!“
„Um... Ruki...“, murrte der Schwarzhaarige nur, beugte sich dabei herab und gab seinem Tier das lang ersehnte Futter, auf welches es sich auch sofort stürzte, was Aoi mit einem sanften Lächeln bemerkte.
„Du bist ja wach... Ich wollte dir eigentlich sagen, dass wir heute früher Bandprobe haben. Uruha meinte ich solle dich anrufen, aber du warst gestern abend nicht mehr zu erreichen.“
„Du hast mir aufs Tonband gesprochen.“
Ein nervöses Lachen ertönte am anderen Ende der Leitung, dann einige unterdrückte Flüche, die Aoi geflissentlich überhörte.
„Warum rufst du an, Ruki?“, fragte er dann den Sänger, nippte dabei an seinem Kaffee und zog die Morgenzeitung ein wenig näher zu sich heran.
Wenn Ruki wieder einmal eine seiner Anwandlungen hatte und ihm ein Ohr abkauen wollte, dann hatte er wenigstens etwas in greifbarer Nähe um sich von der penetranten Stimme des Sängers abzulenken.
„Du warst wohl erst spät zu Hause...“
Eine Feststellung.
Wenn auch eine, die eher nach einer Frage klang.
„Kann sein.“, gab Aoi unberührt zurück und überflog die erste Seite der Zeitung, stellte dabei aber fest, dass ihn keine der Schlagzeilen interessierte.
„Und du warst mit Reita weg.“
„Ja.“
Wieder blockte er ab.
Innerlich musste er seinem Sänger aber durchaus zugestehen, dass er Mumm und vor allem Durchhaltevermögen besaß. Denn nicht jeder hielt es lange mit Aoi aus, wenn dieser sich unnahbar und vollkommen ungerührt gab.
Und vor allem dann nicht, wenn man etwas von ihm erfahren wollte und er sich zu keiner aufklärenden Antwort herabließ.
Allerdings musste Aoi aber auch sagen, dass Ruki dann wiederum nicht so viel Mut besaß, als das er ihn direkt gefragt hätte, was zwischen ihm und dem Bassisten vorgefallen war.
Denn heimlich geprobt hatten sie mit Sicherheit nicht.
Soviel war anscheinend auch dem Sänger klar.
„Komm, Aoi, sag’s mir.“
„Was soll ich sagen?“, stellte Aoi sich dumm und kraulte seiner Katze den Rücken, welchen sie ihm daraufhin entgegenstreckte und leise zu schnurren begann.
„Aoi! Jetzt spann mich nicht so auf die Folter! Baka!“, rief Ruki schließlich ins Telefon, was den Gitarristen dazu veranlasste den Hörer weit von sich zu strecken.
Ruki hatte eine sehr schrille Stimme, wenn er wütend war.
„Wir sehen uns später.“
Mit dieser letzten Bemerkung legte Aoi auf und den Hörer neben sich auf den Tisch.
Wenig später trat er in die Kälte des frühen Morgens hinaus, dicht gefolgt von seinem Hund, der ihn diesmal zur Bandprobe begleiten würde.
Denn dank der Zeitverschiebung und Aois Unlust früher aufzustehen hatte er heute morgen keine Zeit mehr den Hund auszuführen, weswegen er kurzerhand beschlossen hatte ihn mitzunehmen. Uruha würde das mit Sicherheit aufregen, da er den Hund als Störung empfinden würde, aber das war Aoi egal.
Schließlich war das nicht sein Problem.
„Heute geht es zu den anderen.“, murmelte er seinem Hund ins Ohr, ehe er dessen Halsband losließ und sich das Tier eilends in Bewegung setzte und die Straße hinaufflitzte.
„Ohayo!“
Sein Ruf hallte in dem weitläufigen Raum wieder und kündigte seine Anwesenheit in unnötig hoher Lautstärke an.
Uruha und Kai wandten sich zu ihm um und grüßten ihn zurück, ehe sie sich wieder daran machten die Anlage einzustöpseln und richtig einzustellen.
Aoi stellte währenddessen seinen Koffer ab und holte seine Gitarre daraus hervor, sowie die dazugehörenden Kabel. Wenn es um die Verstärkung des Sounds ging hatte er einfach immer alles dabei.
„Sag mal Aoi, musstest du den hier unbedingt mitbringen?“
Der Gitarrist sah auf und zuckte lediglich mit den Schultern, als er Uruhas empörten Blick bemerkte, der seinem Hund galt.
„Wenn wir früher anfangen müssen, dann muss der Hund eben mit.“, gab er nur zur Antwort, schnipste mehrmals mit den Fingern um die Aufmerksamkeit des Tieres für sich zu gewinnen und rief es dann zu sich.
„Auch wenn es Spaß macht und ich dich durchaus verstehen kann, solltest du Uruha heute nicht ärgern. Hörst du?“
„Oi! Aoi, seit wann bist du denn unter die Hundeflüsterer gegangen?“
Aoi maß den gerade Hereinkommenden Ruki mit einem abschätzigen Blick, ehe er seinen Arm hob, mit einem Finger auf ihn deute und dann „Fass!“, rief, was seinen Hund dazu bewegte auf den Sänger zuzurennen.
Dieser verjagte sich, rannte im Raum umher, ehe er hinter Kais Rücken Schutz suchte.
„Pfeif ihn endlich zurück!“, kreischte er aufgebracht, drehte sich um Kai herum, dabei immer dem Hund ausweichend, der ihn schwanzwedelnd betrachtete und jedem seiner Schritte folgte. „Der schaut schon so gierig, der hat was gegen mich!“
„Reg dich ab endlich ab, Ruki. Bring ihn lieber in den Nebenraum, sonst bekommt er noch einen Hörsturz, wenn wir anfangen zu spielen.“
„Ich? Warum denn ich? Das ist deine Töle, Fucker!“
„Ich mach’s.“, bot Kai sich schließlich in diplomatischer Weise an, packte den Hund am Halsband und brachte ihn nach nebenan, wobei das Tier gar nicht glücklich darüber wirkte.
„Und wo ist Reita?“, mischte sich schließlich Uruha in das allgemeine Chaos ein und sah dabei auf seine Armbanduhr.
Die einzige Antwort die er von seinen Bandkollegen bekam bestand aus einem einfachen Schulterzucken.
„Na toll!“, brummte der Gitarrist und sah zu seinem Kollegen herüber, doch auch Aoi konnte nur den Kopf schütteln.
Der Schwarzhaarige hatte sich auch schon gefragt wo ihr Bassist abgeblieben war, aber wahrscheinlich hatte er nur mal wieder verschlafen und würde jeden Moment vollkommen zerzaust durch die Tür gestürmt kommen.
„Wir fangen einfach schon mal an.“, bestimmte Uruha dann schließlich und gab Kai ein Zeichen, der daraufhin seine Drumsticks in gewohnter Manier einmal herumwirbeln ließ, ehe er sie dreimal gegeneinander schlug und somit den Takt angab.
Aoi hängte sich schnell seine Gitarre um und fiel dann in das Spiel von Uruha mit ein, gab Ruki mit einem Kopfnicken noch ein Zeichen, ehe dieser sich nach vorne abwandte und das Lied nun auch gesanglich anstimmte.
Und wie schon am Tag zuvor hallten die Klänge von „Hanakotoba“ durch den Raum, erfüllten diesen zur Gänze, auch wenn es heute nicht ganz vollständig war.
Aoi bemerkte sofort das der Bass fehlte.
Das Lied klang irgendwie hohl und so, als ob ihm etwas ganz entscheidendes fehlte.
Reita...
Es fehlte eben einfach Reita.
Seine ganze Präsenz war wie weggewischt und Aoi fühlte wie sich dieser Gedanke tief in sein Herz bohrte. Wie ein Glassplitter, dem man ihn unerbittlich hineingerammt hatte.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, dass ihn da ergriff und er wusste nicht zu sagen woher es auf einmal kam. So intensiv und so... erschreckend klar...
So hatte er sich noch nie in seinem ganzen Leben gefühlt.
Und dabei war es doch nur... nur... weil Reita fehlte...
Aber war es wirklich nur ein „nur“?
War das wirklich alles?
Er bezweifelte das sehr stark, denn es bestand absolut kein Vergleich zu dem was er empfand, wenn einer der anderen aus der Band zu spät kam.
Wenn er einmal zurückdachte...
Es war nun schon gut ein Jahr her, als Uruha zu einer ihrer Proben einmal zu spät kam.
Etwas was vorher und auch nachher nie passiert war.
Ihr Gitarrist war immer die Pünktlichkeit in Person. Das Ganze nahm er sehr ernst und er war derjenige der sie immer wieder vorantrieb und keinerlei Schwächen innerhalb der Band duldete, wenn diese nicht gerade aus einem sehr triftigen Grund entstanden waren.
Damals hatte sich die gesamte Band verrückt gemacht.
Kai hatte nervös auf einem seiner Drumsticks herumgekaut, während Ruki wie ein Tiger im Käfig auf und ab gelaufen war und ihnen die furchtbarsten Szenarien ausgemalt hatte.
Uruha hatte einen Autounfall, lag im Krankenhaus, oder jemand hatte ihn überfallen, ihn niedergeschlagen und nun lag er blutend irgendwo in einer Ecke, konnte nicht mehr um Hilfe rufen und starb einen einsamen Tod.
Irgendwann war Aoi soweit gewesen aufzustehen und Ruki eine zu verpassen, damit dieser endlich aufhörte so etwas zu sagen und ihn damit nervös zu machen.
Ihn und all die anderen.
Der Bassist war kreidebleich im Gesicht gewesen, hatte unentwegt auf die Uhr gestarrt und dann wieder auf die Tür gesehen und sie über jede einzelne verstrichene Sekunde informiert.
Ihm hätte Aoi damals auch beinahe eine reingehauen.
Doch schließlich war Uruha mit exakt zwölf Minuten und Sechsundzwanzig Sekunden Verspätung bei ihnen eingetroffen und hatte sich dafür entschuldigt, dass er so spät gekommen war. Er war auf dem Weg zur Probe in einen Unfall hineingeraten und musste warten bis die Polizei die Straße wieder freigemacht hatten.
Ihm selber war nichts geschehen.
Er hatte einfach nur einige Meter vom Unfall entfernt anhalten und warten müssen.
Das war alles.
Und wenn Aoi sich auch einigermaßen sicher sein konnte, dass Reita nichts schlimmes auf seinem Weg hierher passiert war, so konnte er dieses unterschwellige Gefühl der Angst nicht vertreiben.
Es war nichts passiert...
Es war nichts passiert...
Er hat verschlafen, zu lange gefrühstückt, oder er war einfach nur mal wieder zu langsam, weil er in seinen Tagträumen versunken war, redete Aoi sich selber zu und konnte innerlich doch nur den Kopf über sich selbst schütteln.
So bange war ihm schon seit jenem Tag vor einem Jahr nicht mehr gewesen.
„Gomen!“
Aoi hob den Kopf, sah Reita schwer atmend in der Tür stehen, wie er sich die Seite hielt und ihnen einen entschuldigenden Blick zuwarf.
„Ich hab... den Wecker... überhört...“, gab er japsent als Erklärung ab, trat dabei einige Schritte vor, ließ die Tür langsam ins Schloss sinken und wand sich aus dem Gurt seiner Tasche, in der er stets seinen Bass mit sich zu tragen pflegte.
Ein befreites Lächelns stahl sich auf Aois Gesicht und er strich sich einmal durch die Haare.
Es war ihm nichts geschehen...
„Reita! Na endlich!“, seufzte Ruki ins Mikrofon und man konnte ihm ansehen wie ihm ein schwerer Stein vom Herzen fiel.
Er hatte nur verschlafen...
„Schön das Dornröschen auch wieder dabei ist.“, grinste Uruha und winkte Reita zu sich, forderte ihn so auf sich ein wenig zu beeilen. Ganz Uruha eben.
Alle Sorgen waren umsonst gewesen...
„Ohayo, Reita. Wir machen weiter, steig gleich einfach mit ein.“, begrüßte auch Kai ihr Mitglied und schlug erneut die Takte mit seinen Drumsticks vor.
Er ist hier...
Jetzt wäre Aoi gerne zu Reita herüber gegangen um ihm eine runterzuhauen.
Aber dieses mal um ihm zu sagen wie viele Sorgen er sich um ihn gemacht hatte.
~*~*~*~
„Und mit dieser modische Designeruhr erhalten Sie natürlich ein Accessoire, das seinesgleichen sucht! Das goldene Ziffernblatt rundet das gesamte…“
Reita gähnte nur genervt. Immer der gleiche Schrott im Fernsehen.
Wer sich so eine hässliche Uhr zulegt, der ist doch komplett verrückt oder vom Kaufrausch besessen, dachte er sich und schaltete um.
Aber weder die spannende Dokumentation über das Leben der Amöben noch die Talkshow mit einem männlichen Doppelgänger von Kumi Koda, der Reita aus seltsamen Gründen an Uruha erinnerte, konnten ihn begeistern. Aber im Moment war er für gar nichts zu begeistern, aus dem einfachen Grund, dass nur noch einer in seinem Kopf herumschwirrte. Aoi hier, Aoi da. Selbst das Fernsehen konnte ihn nicht ablenken.
Innerlich machte er sich Vorwürfe, er hatte eigentlich nach der Bandprobe noch mit Aoi reden wollen, aber blöderweise hatte ihm letztendlich einfach der Mut gefehlt. Er hatte sich nicht mal von Aoi verabschieden können, war einfach beinahe panisch aus dem Raum gestürmt, statt Aoi zu bitten, noch mal mit ihm irgendwo reden zu können…
„JAA!! JAAA!!“
Reita schreckte auf, in einem Sender lief eine Werbung, in der viele, viele Menschen lauthals herumschrieen. Anscheinend irgendein tolles Billigangebot soll vermarktet werden.
Grummelnd schaltete er schließlich die Flimmerkiste aus, die verwirrte ihn nur noch mehr, anstatt abzulenken. Doch jetzt war es so still hier in der Wohnung, nur das Ticken der Uhr an der Wand war leise zu hören. Oh, und ein Wasserhahn tropfte. Den sollte er sich mal genauer anschauen…aber nicht jetzt… Seufzend lehnte er sich im Sofa zurück und betrachtete das Regal, in dem seine unzähligen DVDs standen. Sollte er sich einen Film anschauen?
Er ließ den Blick über das Regal schweifen… Da standen lauter Actionfilme… Speed and Faoist, Aoi’s running, Aoi Action, Fighting Aois, …
Moment mal… Solche Filme gab’s doch gar nicht!! Er hatte schon Halluzinationen!
“Ach verdammt!“, rief er schließlich laut und stand auf.
Es war doch jetzt einfach am besten, zu Aoi zu gehen und mit ihm zu reden. Schließlich konnte es doch nicht einfach so bleiben! Sie hatten sich geküsst, ja, geküsst, und jetzt sollte die Geschichte so im Nichts enden?? Nein, das durfte nicht sein… Wie gern hätte er Aois Lippen nocheinmal auf seinen gespürt…
Er lief im Wohnzimmer auf und ab und grübelte, ob er jetzt gleich losgehen sollte oder sich vielleicht erst per Telefon ankündigen sollte. Nein, dann fand Aoi am Ende noch irgendeine Ausrede, um ihn nicht treffen zu müssen… Er sollte jetzt einfach losgehen, bei Aoi klingeln und klar sagen, dass er reden wollte! Das war doch nicht so schwer…
Gerade als er sich dazu entschlossen hatte, loszugehen, klingelte es an der Tür. Wer das wohl war, fragte er sich…
„Hallo, Rei-Rei!“
Reita klappte der Mund auf. Da stand ein breit lächelnder Aoi und schüttelte ihm einfach so die Hand. War das etwa wieder eine Halluzination?? Nein, dafür fühlte er sich zu echt an!
„Na, ganz sprachlos? Dabei bin ich extra hergekommen, weil ich mir dachte, du armer Kerl leidest hier, weil du doch soo gern mit mir reden würdest, aber ich nicht da bin. Also bin ich gekommen, um dich aus deiner Misere zu befreien!“
Dabei grinste er so dreist, dass Reita fast sauer wurde.
„Willst du mich verarschen??“, knurrte er den Schwarzhaarigen an, doch Aoi wuschelte ihm durchs Haar und drängelte sich an ihm vorbei in die Wohnung.
„He, ich bin wohl noch rechtzeitig gekommen? Wolltest du gerade gehen?“, fragte er, während er seine Schuhe auszog.
„Warum?“
„Weil du schon Straßenschuhe anhast! Wohin wolltest du?“
„Ich? Ich wollte…zu dir…“, murmelte Reita etwas zerknirscht und zog auch seine Schuhe wieder aus. Dann schaffte er es, den grinsenden Aoi ins Wohnzimmer zu bringen und bot ihm etwas zu Trinken an.
„Hab diesmal sogar Tee da. Muss ich dann aber extra für dich kochen!“
„Nein wirklich? Wie galant.“, meinte Aoi.
„Ich nehme mal an, das heißt „Jaa, Reita mach mir Teeee“ oder?“
„Du hast es erfasst! Aber bitte mach ihn nicht wieder lauwarm wie damals bei-„
„Ja, schon gut! Ich werde mich bemühen!“
Brummelnd marschierte er in die Küche und machte Tee. Dabei fragte er sich, warum Aoi wohl wirklich gekommen war. Auch, um zu reden? Hatte er sich bei der Bandprobe auch einfach nur nicht getraut, ihn anzusprechen? Aber jetzt wirkte er so gelassen, gar nicht nervös oder so…
Im Gegensatz zu ihm, gerade hatte er fasst die Tasse fallen lassen, bloß weil er Aoi kurz husten gehört hatte.
„Oh man…mich hat’s ja total erwischt…“, murmelte er leise, während er samt Tee wieder zurück ins Wohnzimmer kam. Dort schaute sich Aoi gerade sein DVD-Regal an. Als er Reita bemerkte, drehte er sich zu ihm um.
„Du, sag mal, wie viele DVDs hast du eigentlich?“
„Uff, frag mich was Leichteres! Nicht genug!“
Sie grinsten sich an und irgendwie schien es Reita, dass die Anspannung, die vorhin noch geherrscht hatte, aus ihm wich.
„Setz dich, hier ist dein Tee. Wie gewünscht nicht zu kalt, Monsieur!“, flötete er und stellte die Tasse auf den kleinen Tisch vor dem Sofa, dann setzte er sich neben Aoi und sah ihn erwartungsvoll an.
Doch der Schwarzhaarige genehmigte sich erstmal einen großen Schluck Tee, er schien die Tasse ewig zu halten. Reita wurde wieder etwas unruhiger, rutschte ein wenig hin und her. Als sich Aoi wieder zurücklehnte und ihn ansah, fing sein Herz an zu rasen.
„Hey…du bist ganz rot, Rei-Rei!“
„Was?! Ich…also, nein, ich…äh….“
Erschrocken legte er die Hände auf seine Wangen und spürte, dass diese total warm waren. Mist, das war ja direkt peinlich… Doch Aoi nahm ihn an den Handgelenken und zog die Hände runter.
„Mach das nicht, dann sieht man dein schönes Gesicht nicht! Wo es doch eh schon ständig von der Nasenbinde versteckt wird!“, sagte Aoi ziemlich leise und sah ihm tief in die Augen.
Reita schluckte ein wenig. Meinte der das ernst?
„Bist du nun zum Reden gekommen oder um dir mein Gesicht anzuschauen?“, konterte er schließlich und sah kurz weg.
„Also eigentlich…bin ich gekommen, weil ich etwas machen wollte, ohne das ich keine ruhige Minute mehr habe…“, flüsterte sein Gegenüber. Zu Reitas leichtem Entsetzen rutschte er bis auf wenige Zentimeter zu ihm heran, sodass Reita seine Wärme fast spüren konnte. Bestimmt war er jetzt knallrot. Immer, wenn Aoi ihm so nahe war, fühlte er sich wie in einer anderen Welt…
„Du willst etwas machen? Und das wäre…?“, fragte er mit trockenem Hals.
„Das…“, kam die Antwort.
Reita sah Aoi näher kommen, so nah, dass ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Und dann berührten sich ihre Lippen. Ganz leicht, erst zaghaft, doch schließlich entwickelte sich ein leidenschaftlicher Kuss daraus. Er zog Aoi näher an sich heran, der rutschte ihm fast auf den Schoß. Es war ein unglaubliches Gefühl, das sich nun in ihm breit machte. Als sie sich kurz voneinander lösten, fing er sogar ein bisschen an zu zittern. Selbst Aoi schien etwas unsicher zu sein, seine Coolness schien etwas wegzuschmelzen. Sie sahen sich eine Weile an, keiner wusste so recht, was er sagen sollte.
„Nun…ich…“, unterbrach Aoi schließlich die Stille.
„Sag nichts! Es ist schon in Ordnung so…“, murmelte Reita und lächelte ein wenig.
Aoi lächelte zurück, drückte ihn fest an sich und murmelte ein leises Liebesgeständnis in sein Ohr. Die schönsten Worte die Reita sich nun vorstellen konnte…
Sie küssten sich wieder, sehr lange… Langsam schienen sie ihr Zeitgefühl zu verlieren, aber das war nicht wichtig. Nichts war wichtig, außer…
Für Reita waren es die bisher schönste Zeit seines Lebens.
Sein ganzes Gehirn schaltete auf Durchzug, seine Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum. Nur drei Buchstaben: Aoi. Er spürte ihn, nur noch ihn, ihm wurde ganz heiß.
War das ein Traum?? Selbst wenn, er wollte um keinen Preis der Welt aufwachen. Nicht jetzt. Nein, bitte nicht jetzt! Es soll für immer so bleiben!! Für immer…und ewig…
Diskussion
Dein Kommentar
Was hältst du von dem Dokument Hanakotoba? Sag uns eines Meinung!
das ist die schönste geschichte die ich jee gelesen hab!! die worte haben mich
richtig gefesselt, ich habe mit reita und aoi mitgefühlt ... einfach nur wow!
richtig klasse!!!
echt super geschrieben...
bloß dass du von einer echten band schreibst verwirrt ein bisschen
Kumpel, schön geschrieben ist es ja, aber wie wär's mit Absätzen?
Wirkt ein wenig abschreckend in dieser Form.
ich find die total gut
das ist die schönste geschichte die ich jee gelesen hab!! die worte haben mich
richtig gefesselt, ich habe mit reita und aoi mitgefühlt ... einfach nur wow!
richtig klasse!!!