!!! *** Er *** !!!

Kategorie: Eigene Geschichten
Eingesendet: 02.10.2009
Wörter: 66432
Autor: JoniLL
Dokument melden:

!!! *** Er *** !!!

Der Wecker klingelte. Eine Hand schlug erst ein halbvolles Glas Wasser von einem Nachttisch, knipste aus Versehen das Licht an, traf den Schalter kein Zweites mal, sondern doch endlich sein Ziel. Stille kehrte zurück in das von einer schwachen Glühbirne erleuchtete Zimmer. Ein Mann stand auf, stieß die Jalousinen einen Spalt breit auf, rechnete damit jeden Moment erschossen zu werden und warf sich auf den Boden. Er zählte langsam bis zehn und lauschte. Seine Sinne waren gut, sie waren geschärft, darauf getrimmt auf jede kleinste Veränderung sofort zu reagieren. Er hörte die Vögel zwitschern, das verwirrte ihn etwas. Er stand wieder auf und sah durch den Spalt hinaus. Gleißendes Sonnenlicht fiel in seine Augen, er fühlte sich geblendet, kniff seine Augen zusammen und wartete bis seine Pupillen sich der Helligkeit angepasst hatten. Er sah eine Straße, einige Häuser in tadellosem Zustand, sah eine junge Familie vermutlich den Sonntagsspaziergang machen, er sah grüne Wiesen, leichte Berge, bewaldet mit Tannen. Er genoss den Anblick dieses schönen Tages. Er genoss den Anblick dieser Vollkommenheit und Gänze. Er hatte lange nichts ganzes oder gar schönes gesehen. Die Hauptfarbe seiner letzten acht Jahre war grau gewesen. Seine Hauptgefühle waren Angst, Grauen und Gewalt gewesen. Doch das war jetzt vorbei, gestern Nacht kam er zu Hause an. Raus aus einer Welt des Hungers, des Durstes, des Lärms, der schlaflosen Nächte. Raus aus der Kälte, der Not, der Trostlosigkeit. Raus. Raus aus der Hölle. Mit jungen zwanzig Jahren war er zur Armee gegangen. Er hatte einen Highschoolabschluss um den ihn wohl viele beneideten, hatte eine hübsche Frau gehabt und zwei Kinder. Fünf jahre lang führte er wohl das perfekte Leben, wie es schöner nicht sein konnte, doch dann bekam er einen Brief der alles verändern sollte. Die britische Regierung hatte Deutschland versprochen ihnen Truppen im Kampf gegen die auf Frankfurt anrückenden Russen zu schicken. Es sollte ein Häuserkampf werden, der kein Ende nehmen sollte. Um weiter nach Frankreich zu kommen mussten die Russen durch diese Stadt, alle anderen Wege waren versperrt. Die Dreierallianz zwischen Frankreich, England und Deutschland musste diese Stadt halten, es war die letzte Möglichkeit die Russen zurückzuschlagen. Alles war genauestens geplant gewesen. Doch man hatte die Russen unterschätzt und es wurde zu einem Stellungskrieg der sich nicht mehr gewinnen ließ. Für keine der beiden Seiten. Anfangs kümmerte man sich um die in der Stadt eingeschlossenen Truppen, doch als China sich in den dritten Weltkrieg einmischte und somit eine weitere, zu unberechenbarer Stärke entwickelte Partei hinzukam wurden die Soldaten nach und nach vergessen und man Richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die drohende Gefahr die mit Chinas Atombomben aus dem Osten anrollte. So kämpften in einer kleinen Stadt, abgeschnitten von der Außenwelt einige hundertausend Soldaten um ihr Leben, in einer Schlacht in der es keine Fronten mehr gab. Nur wenige überlebten die lange Zeit bis der Krieg zu Ende war, man sich geeinigt, einen neuen Frieden vereinbart hatte und man sich um die Reintegration der Soldaten kümmerte. Doch als er zurück nach Hause kam war nichts mehr wie vor seiner Abreise. Seine Frau hatte lange gewartet, doch als jahrelang nichts geschah hatte sie einen neuen Mann geheiratet. "Ich dachte du wärst tot!" Er selbst hatte sich so sehr verändert, dass ihn seine beiden Kinder, inzwischen waren sie vierzehn und sechzehn, nicht mehr erkannten. Das schmerzte ihn am meisten. Jetzt lebte er in seinem ehemaligen Haus als "Aufgenommener" in einem Zimmer, dass seine ehemalige Frau und deren Neuer ihm großzügigerweise zur Verfügung gestellt hatten. Er erwachte aus seinen Tagträumen, als ihm seine Blase ein drängendes Gefühl vermittelte. Auf dem Klo sah er sich um. Es sah noch genauso aus wie damals bevor er wegging, doch er erinnerte sich nicht mehr. Er bewunderte die blauen Fliesen auf dem Boden. Sie glänzten matt, es war keine einzige Blutlache darauf, sie waren kein bisschen verstaubt, nicht einmal schmutzig. Auch die Wand war tadellos weiß, ohne jegliche Einschusslöcher, die bizarre Muster bildeten, die man abends zählen konnte und bemerke wie sie jedes mal mehr wurden. Auch das sitzen auf einer Toilette fühlte sich seltsam an. Er verspürte nicht die Angst im Freien von plötzlicher Artillerie oder einem aufmerksamen Scharfschützen getroffen zu werden. Auch stand er nicht, er saß. Und dann entdeckte er den Spülknopf. Er hatte sich kurz dabei ertappt nach der Schaufel zu suchen mit welcher er seinen Ausschied zubuddeln konnte. Er klappte den Deckel wieder zu und sah in den Spiegel. Er erschrak. Seit acht Jahren hatte er sein eigenes Gesicht nicht mehr gesehen. Er war rasiert, wenn auch ungleichmäßig, sein Gesicht wies einige Falten auf und sowieso alles in allem sah er schrecklich aus. Der Krieg hatte ihn deutlich mitgenommen. Auf seiner rechten Seite entdeckte er eine lange Narbe an seinem Kiefer, er vermutete, dass sie von dem Streifschuss kam den er eines Morgen beim Öffnen der Jalousinen abbekommen hatte. Er war selbst ein Scharfschütze gewesen, er empfand keinen Hass auf den Russen der auf ihn geschossen hatte. Dieser tat genauso seinen Job wie er selbst. Er wusste nicht wie viele er getötet hatte, er hatte bei irgendwas mit 30 aufgehört zu zählen, aber es mussten unzählige sein, sonst wäre er nicht mehr am Leben. Damals hatte er noch geglaubt, die wenigen Überlebenden würden bei ihrer Rückkehr als Helden gefeiert und seine Familie würde ihn unendlich glücklich wieder bei sich aufnehmen und alles würde wieder schön werden. Ein normales Leben. Nur das hielt ihn all die Jahre bei Verstand, der Glaube an ein Leben nach dem Krieg. Doch auch diese Hoffnung schwand mit den Jahren. Zurecht, wie er feststellen musste als er, nachdem er und 4 seiner Kumpanen mit einem Helikopter aus der Stadt geflogen wurden zurück in seiner Heimat in einer Nacht und Nebelaktion in alte Militärlaster geladen und zu dem jeweiligen zuletzt angegebenen Wohnort gefahren wurden. Doch es hatte ihn nicht einmal wirklich mitgenommen. Sie alle waren viele Jahre mit Desinteresse überhäuft worden, was hätte sich schon ändern sollen. Geistesabwesend griff er zu seiner Zahnbürste. Er erwachte erst aus seinen Erinnerungen, als ihm bewusst wurde was er in seinen Händen hielt. Eine Zahnbürste. Samt Zahnpasta. Anfangs hatte er auch im Krieg eine Zahnbürste in seinem Gepäck, doch er verlor sie samt nahezu allen seinen Sachen bei einem plötzlichen Hinterhalt in den sein Trupp zwischen den Häuserkluften geriet und der anschließenden Flucht. "Lasst alles unnötige liegen, rennt lieber, tot nützt ihr eurem Land auch nichts mehr! Macht schon, lau-" Und dann war auch sein Sergeant tot. „Wie so viele.", dachte er, doch er verspürte keinerlei Gefühle, es war mehr eine nüchterne Erkenntnis. „Realist.“ Er fuhr sich mit der Bürste über die Zähne. Er genoss das leichte Brennen auf der Zunge, das das Menthol in der Zahnpasta verursachte. Nach einer Weile spuckte er, spülte seinen Mund mit Wasser aus und grinste in den Spiegel. Natürlich waren seine Zähne nicht mehr die Besten, doch eigentlich waren sie noch in relativ gutem Zustand, wenn man die Zeit ohne jegliche Pflege bedachte. Und dann kam auf einmal wieder diese eine Einstellung zum Tragen, die er hatte seit er wieder "zu Hause" war. Eine Einstellung, mit der man kein schlechtes Leben führen konnte, allerdings auch kein Gutes; er resignierte vor sich selbst, es war ihm eigentlich alles egal. Er blickte auf die dreckige Uhr an seinem Arm, zog 34 Minuten von der Anzeige ab und hatte nun beinahe elf. Er seufzte, ging zurück in sein Zimmer und wickelte sich in seine Decke.

Es war ein typischer Sonntagmorgen in der Stadt. Im Vergleich zu sonst waren nicht sehr viele Menschen unterwegs und die meisten sammelten sich vor einer der Kirchen. Der Pfarrer stellte noch schnell den Kelch für das Abendmahl auf den Altar und öffnete dann, wie immer pünktlich um zehn Uhr die Pforte zur Kirche. Er lächelte als er in all die Gesichter sah, die meisten kannte er persönlich. Er machte seinen Job gerne, auch wenn es nicht sein Hauptberuf war. Von dem was er als Pfarrer verdiente hätte er nicht leben können, wie er es sich vorstellte, also hatte er nebenbei auch einen anderen Beruf angenommen. Er fand nicht, dass das in irgendeiner Art und Weise gegen die Kirche verstoß. Die Menschen strömten an ihm vorbei in die Kirche und grüßten ihn. Er grüßte gewohnt freundlich zurück und sah in den schönen Himmel. Die meisten die zu ihm Sonntags in die Kirche kamen hatte er früher schon als Konfirmanden gehabt und erkannte jeden einzelnen an seiner Stimme. Der Himmel war blau, einige wenige leichte Wolken bedeckten ihn, was ihn, wie er fand, aber nur noch schöner machte. Aus den Häusern auf der gegenüberliegenden Straßenseite stiegen feine Dampffahnen auf und er sah etwas blitzen. Dann Panik. Dann Blut. Dann noch mehr Panik, noch mehr Blut, mehr Panik, mehr Blut, Panik, Blut, Panik, Schwarz.
Ob seine nächsten Wege zu Gott führten weiß nur er allein. Sein Körper jedenfalls bekam als nächstes eine weiße Plastikplane geschenkt. Später würde er aufgeschnitten und dann noch später begraben werden.
Die Polizei war schnell angerückt, konnte jedoch weder etwas finden, noch jemandem helfen. Etwas später, sogar noch nach den Polizeipsychologen und der Spurensicherung kam ein schlecht gelaunter Detectiv Jones an den Tatort. "Eigentlich sollte es Opferort oder so heißen!", murmelte er als er sich das Blutbad das sich ihm bot ansah. "War der Tatort nicht ganz woanders?" Jedenfalls sah es für ihn nicht so aus als ob man hier noch irgendeine Spur vom Täter finden würde. Er glaubte auch nicht, dass er jemals diesen Ort betreten hatte. "Hey, Colin, na, siehst ja noch richtig verschlafen aus! Gestern wie gewohnt einen Drauf gemacht?" Jim Hawkins, der Pathologe kam, wenn man bedachte wo sie sich befanden, skurril fröhlich und mit wehendem weißen Kittel auf ihn zumarschiert. "Für Sie immer noch Detectiv Jones. Jedenfalls im Dienst, alter Knabe." Die beiden arbeiteten schon nahezu ihr ganzes Berufsleben zusammen und über die Jahre wurden sie zu Freunden, trotz ihrer unterschiedlichen Arten. Oder gerade deswegen. Colin sah sich um. Anderen wäre bei dem Anblick vermutlich schlecht geworden und bei einigen der jüngeren Kollegen von der Spurensicherung erkannte er durchaus einige Probleme mit dem Darmtrackt. "Schon irgendwas herausgefunden, Jim?" "Im Dienst Hawkins?" "Es reicht. Irgendwelche Zeugen?" "Wir haben noch niemanden befragen können. Die Ärzte lassen noch niemanden zu ihnen. Die Kugeln haben wir noch nicht gefunden, aber aus der Größe der Einschusslöcher heraus würde ich auf ein richtig großes Kaliber tippen. Ein Gewehr. Die Durchschlagskraft muss enorm sein. Und es war wohl ein Profi. Insgesamt fünf Schüsse. Der Erste ging diesem armen Schwein in den Schenkel. Viel Blut, weißt du. Dann traf es wohl ihn hier. Der Arme wollte ihm wohl helfen in all der Panik. Glatter Kopfschuss. Ebenso bei den andern Beiden. Dieser hier war der Pfarrer. Ihm hat sein Gott scheinbar nicht sehr geholfen. Der letzte Schuss traf dann wieder sein erstes, noch verwundet am Boden liegendes Opfer, ebenfalls in den Kopf. Bis auf den Ersten war das bei allen der Fall." Jim zog bei allen vier Opfern die Plane wieder über den Kopf und sah hinauf zu Jones. Dieser war viel gewohnt aber in die zerfetzten Gesichter dieser Leichen zu schauen war auch für ihn keine leichte Erfahrung. "Ein Scharfschütze?" "Vermutlich, Detectiv, vermutlich." Er beschloss sich die nah und gut gelegenen höheren Gebäude anzusehen. Für ihn kamen vier in Frage, doch er fand keine Spuren. Auch die anderen Beamten fanden nichts und bis die Spurensicherung alle vier Häuser nach Schmauchspuren und, oder Fingerabdrücken abgesucht haben würde, würden noch einige Tage vergehen. Es war ein mieser Tag für ihn gewesen und als er am Abend in sein Bett fiel, fühlte er sich schlechter denn je. Er hasste es. Vier Tote, keine Spuren, keine Motive. Und auch die Zeugenbefragungen am späteren Nachmittag hatten nichts ergeben. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Er stand noch einmal auf, holte sich eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank und setzte sich vor den Fernseher. Es kamen gerade Nachrichten über Mord. Nach einer Weile schlief er ein.

Als Jones seinen Wagen am nächsten Morgen auf seinem privaten Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Präsidiums zum stehen brachte, wäre er am liebsten einfach wieder umgedreht. Der Eingang war belagert von Paparazzi und ehrenhaften Journalisten, welche mit allen, ihnen möglichen, Mitteln versuchten, Neuigkeiten über den Fall zu erfahren. Und ausnahmsweise war es keine Lüge wenn sie ihnen antworteten, dass es noch keine weiteren Erkenntnisse gebe. Er setzte die wichtigste Miene auf, die ihm bei seiner Müdigkeit möglich war und schritt so schnell es ging ohne rennend auszusehen auf die Schar von Fotografen, Kameramännern und Journalisten zu. Mit ein wenig Körperarbeit, einigen gemurmelten "Ich kann jetzt nicht!", und "Kein Kommentar, verschwinden sie von hier!", gelang es ihm die wenigen Stufen hinauf zu der gläsernen Doppeltür in recht guter Zeit zu meistern. Oben angekommen empfing ihn eine Reihe Beamten, die damit bemüht waren die Schar von Neugierigen außerhalb des Gebäudes zu halten. Der Blick des Detectiv fiel auf den Aufzug und eine blinkende 4 signalisierte ihm, dass es für ihn schneller ginge, wenn er die Treppe nehmen würde. Im dritten Stock lief er dem Polizeipräsidenten direkt in die Arme. Sein Name war Francis Carto, aber alle nannten ihn Bird, was vermutlich an seinem immer grimmigen Gesichtsausdruck lag, welcher durch eine nach unten gebogene, an einen Schnabel erinnernde Nase verstärkt wurde. "Ah, da sind sie ja endlich!", Bird sah auf seine Armbanduhr. "Wie immer unpünktlich!" "Morgen, Mr. Carto. Gibt's auch mal was Neues?" Er hatte sich mit der Zeit angewohnt die nie aufhören wollenden Vorwürfe Birds einfach zu überhören. "Das fragen Sie am Besten die neue Sonderkomission, welche in 302 nur noch auf Sie wartet." "Alles klar, danke. Und wenn ich ihnen auch mal etwas sagen darf; sorgen sie mal besser dafür, dass der Polizeisprecher dem ganzen Trubel vor unserer Tür ein Ende macht und einen Pressetermin festlegt. Sonst haben wir wohl bald keine gläsernen Eingangstüren mehr." Bird schnaubte aus und setzte seinen Weg ins Irgendwo fort.
Jones sparte sich das Klopfen und öffnete schwungvoll die Tür zu 302. Es war erstaunlich wie schnell es in einem Raum, in dem es eben noch nach einem fröhlichen Kaffeekränzchen ausgesehen hatte, still werden konnte, sobald der die Ermittlungen leitende Detectiv eintraf. "Machen sie einfach weiter, ich bin ganz Ohr!" Er setzte sich ans Ende des Tisches und sah in die Runde. "Guten Morgen, Jones!" "Jim Hawkins war der einzige der in diesem Moment nicht nach Worten suchte. "Morgen, Hawkins. Was Neues aus der Pathologie?" "Naja, nicht wirklich. Das Einzige was ich dazu sagen kann ist, dass ich gestern mit meinen Vermutungen wohl richtig lag." "Na, das ist doch schon mal was. Und was ist mit ihnen, Herr Leiter der Spurensicherung?" Es war nicht zu verkennen, wie schlecht es um Jones Laune stand. Und nun begann er mit dem, was er an sich hasste, aber es nicht ändern konnte; er ließ seine Wut an seinen Untergebenen aus und testete an ihnen seine Macht. "Ähm, Sir, mein Name ist Brown. Simon Brown." Der noch sehr junge und jetzt verunsicherte Leiter der Spurensicherung sah hilfesuchend in die Runde. "Sicher einer dieser Männer mit einflussreichen Eltern, sonst hätte dieser Waschlappen diesen Job sicher noch nicht in der Tasche!", dachte Jones verbittert und erinnerte sich an seine hart erkämpfte Karriere. "Das ist ja schön für sie, Mr.", er ließ eine eiskalte Pause, "Brown." "Colin, hör auf damit, wir können nichts für deine schlechte Laune und deinen Kleinkrieg mit Bird!" "Detectiv Jones, Jim. Jones. Verstanden? Aber es gibt wichtigere Dinge. Gestern Morgen ist ein vierfacher Mord begangen worden, wir haben keinerlei Spuren und Sie machen hier KAFFEEKLATSCH!?" Er war aufgestanden und hatte mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Jetzt war seine Wut einem kleinen bisschen Mitleid gewichen und er sah auf seine beschämt nach unten blickenden Kollegen herab. Nur einer sah zu ihm nach oben; Jim Hawkins. Entsetztes Staunen war in seinem Gesicht geschrieben und den Detectiv überkamen leichte Schuldgefühle. "Entschuldigung." Er setzte sich wieder auf seinen Platz. "Also wo waren wir stehen geblieben? Ah, ja, die Spurensicherung. So, Mr. Brown, haben sie schon was gefunden?" Sanfte Sachlichkeit ersetzte nun die Wut und Provokation in seiner Stimme und man konnte das allgegenwärtige Aufatmen beinahe hören. "Nun ja, meine Leute haben die Kugeln gefunden, aber noch keine Projektile dazu entdecken können. Auf dem ersten Haus das wir durchsucht haben, haben wir Schmauchspuren auf dem Dach gefunden, aber diese sind viel zu alt, als um zu diesem Fall zu gehören. Zu den drei Anderen kann ich noch nichts sagen, wir dürften aber bis Morgen damit fertig sein. Das war's" "Danke." "Und, Sir?" "Was ist denn noch?" "Sehen sie uns doch bitte als ihre Mitarbeiter, und lassen sie ihre Wut nicht an uns aus. Wir alle hier sind jetzt ein Team." Colin kniff die Lippen zusammen um nicht erneut zu platzen. Er atmete kurz durch und sagte dann: "Okay." Jim stand auf und gab seinem Freund eine kurze Einführung in die neue Sonderkommission. Sie trug den Namen "Kirchenmord" und sollte bis zur vollständigen Auflösung des Falles bestehen. Außerdem hatte sie eine hohe Prioritätsstufe und bekam viel Unterstützungsgelder vom Staat, sowie auf Anfrage so viele Beamte wie nötig werden würden. Jones persönlich jedoch arbeitete lieber mit den Leuten die er kannte und mit den für sein Revier zuständigen Beamten. Es herrschte unangenehmes Schweigen, nachdem Jim sich wieder hingesetzt hatte und schließlich erhob einer der Anwesenden Beamten seine Stimme. Er war vielleicht Mitte zwanzig und sah noch sehr unerfahren aus. "Und was sollen wir jetzt tun?" "Die Klappe halten und mich nachdenken lassen! Wir haben praktisch nichts. Vier Tote, einer von ihnen war Pfarrer, alles waren Männer. Bis auf den ersten Schuss, welcher in den Schenkel des ersten Opfers ging, traf jeder Weitere in den Kopf. Keinerlei Spuren am Tatort, noch keine Funde in der näheren Umgebung. Keiner will etwas gesehen oder gehört haben. Wir gehen davon aus, dass es ein Scharfschütze war, wissen ansonsten aber nichts. Wir haben keine Motive. Also, unser weiteres Vorgehen: Hawkins, Sie finden heraus was für eine Waffe zu den Kugeln gehört. Mr. Brown, Sie und ihre Leute suchen weiter nach Spuren, auf allen in Frage kommenden Häusern. Sullivan,", Der wohl älteste Polizist im Raum hob gelangweilt seinen Kopf, "Sie überprüfen die Identität der Opfer und informieren gegebenenfalls die Verwandten. Von allen Übrigen erwarte ich, dass sie jeden, ich betone jeden, in einem Umkreis von fünfhundert Metern um die Kirche Wohnenden als Zeugen befragen. Je nach eigenem Bemessen auch mehr. Und, sie, wie ist ihr Name?" Er nickte den jungen Polizisten an. Dieser schreckte eingeschüchtert auf. "Te-te-Terry Clayton." "Na los!", Jones klatschte auffordernd in die Hände. "Wir brauchen Ergebnisse, sonst zerreibt uns die Presse zu Sand! Worauf warten sie noch?" Es wurde laut im Zimmer 302, als mehrere Stühle gleichzeitig zurückgeschoben wurden und jeder versuchte so schnell wie möglich aus dem Raum zu kommen. "Halt, Sie nicht, Clayton, Sie kommen mit mir."

Einige Minuten verschwiegener Autofahrt später stiegen Jones und Clayton aus. Außer rotem Flatterband, brauner Flecken auf dem Boden und Kreideskizzen erinnerte nichts mehr an das, was am vorherigen Tag passiert war. Zwei Polizisten standen noch am Flatterband um dafür zu sorgen, dass niemand den Tatort betat. Als Jones auf die Kirche zumarschierte hob Einer schnell das Band hoch. "Sir." "Danke sehr." Im Eingang, etwa an der Stelle an der der Pfarrer gestanden haben muss blieb er stehen und sah sich um. "Was tun Sie denn da?" Clayton gesellte sich neben ihn. "Ich denke nach. Über Motive, mögliche Standorte des Täters, irgendetwas das uns weiterbringt." "Und für was, wenn ich fragen darf, haben Sie mich mitgenommen?" "Ich will dass Sie mir helfen und ich will dass Sie lernen." "Lernen!?" "Lernen." Der Detectiv starrte weiter in die Ferne. Clayton unterdessen trat nervös von einem Fuß zum andern und wusste nicht so wirklich was der Detectiv von ihm verlangte. Er war Polizist. Er war es gewohnt Befehle zu erhalten und diese dann so gut und so schnell wie möglich auszuführen. Motive, Standorte und irgendetwas das uns weiterbringt hatte der Detectiv gesagt. Motive... Gab es nicht auch so etwas wie motivlose Mörder? "Sir... Ich habe nachgedacht und gibt es... ich meine gibt es nicht auch Morde ohne Motiv?" Er fühlte sich als schrumpfte er unter dem Blick der ihn nun traf. "Wenn es ein Mord ohne Motiv war, dann wäre es wohl irgendein psychisch Kranker gewesen. Und dann auch noch einer der intelligenten Sorte. Gefährlicher geht es wohl kaum. Mit dieser Vorstellung will ich gar nicht erst anfangen! Nein. Es MUSS irgendein Motiv da sein. Auch wenn es keines von der üblichen Sorte ist." Clayton wuchs wieder, als er erkannte, dass der Detectiv scheinbar immer so schaute und nicht immer so war, wie er ihn in Raum 302 kennengelernt hatte. Er wusste nicht was er sagen sollte, also brachte er nur ein leises "Aha." zustande. "Versetzen Sie sich in den Täter. Sie schnappen sich ihr Scharfschützengewehr, gehen auf eines der Häuser hier und erschießen willkürlich vier Menschen. Was geht in ihnen vor? Was bringt sie dazu? Haben sie es geplant? Oder war es ein spontaner Wutanfall?" "Ähm, Sir, ich weiß es nicht. Es tut mir Leid, sagen Sie's mir." "Denken Sie ich weiß das? Es sind zu viele Fragen offen. Und bei den meisten von ihnen sieht es nicht so aus als ob sich in nächster Zeit etwas daran ändern würde. Wir wissen ja nicht einmal ob es geplant war. Ob es bestimmte Leute waren die hier starben, oder ob er willkürlich Kugeln durch ihre Köpfe jagte." "Sir, sie reden die ganze Zeit von "Er" und "Ihm"... Woher wissen sie denn, dass es ein Mann war?" "Zwei Dinge: Zuerst hören Sie ganz schnell mit dem Sir auf. Mein Name ist Colin, die meisten nennen mich aber einfach Jones. Und dann merken Sie sich Eines: Ich bin länger Detectiv als Sie auf der Welt sind. Mir ist durchaus bewusst, dass es auch eine Frau gewesen sein könnte. Und mit solchen schlauen Sprüchen aus dem Fernsehen kommen sie bei mir nicht weiter, dass wir uns verstehen! "Er" oder "Ihm", wie sie es so schön sagten, steht für "den Täter" an sich, und bedeutet noch lange nicht "der Mann"! Und jetzt lassen Sie uns fahren, wir machen Feierabend, hier finden wir im Augenblick ja doch nichts mehr raus." Diese überraschende Wendung verunsicherte Clayton erneut. "Okay... mein Name ist Terry. Aber... Ich habe jetzt eigentlich noch 2 Stunden Dienst..." "Den sparen sie sich, auf meine Verantwortung. Morgen wartet ein härterer Tag auf Sie als auf ihre Kollegen. Aber sagen Sie dem Rest der Soko bescheid, das nächste Meeting ist Donnerstag!" "Sir? Ich meine Jones... Was bedeutet Soko?" "Sonderkommission, wie haben sie sich bloß durch die Polizeischule gemogelt? Schönen Abend noch!" "Moment mal, Sie nehmen mich nicht mit?" "Clayton, ich fahre nach Hause, wollen Sie mit zu mir oder was!?" Der junge Polizist resignierte. Enttäuscht über etwas das er nicht wusste drehte er sich um und meinte: "Nein, natürlich nicht, wie sollte ich denn dann den Anderen Bescheid sagen." Doch der Detectiv saß schon längst in seinem Wagen und konnte von dem, was Clayton gesagt hatte, nichts mehr gehört haben. Terry kam sich vollkommen überrollt vor. Hilflos stand er da und wusste nicht so recht was er tun sollte. Einer der Beamten am Flatterband erweichte sich für ihn und fuhr ihn mit dem Dienstwagen zurück ins Revier.

Die nächsten beiden Tage vergingen für den Detectiv quälend langsam. Er hatte beschlossen vorerst mit dem Jungen alleine weiter zu ermitteln. Sie waren hunderte Täterprofile durchgegangen und hatten mögliche Motive aufgestellt, jedoch alle wieder verworfen. Jones ernüchterndes Fazit am Abend vor dem nächsten Meeting war simpel: Sie hatten nichts herausgefunden und waren keinen Schritt weiter. Mal wieder. Man müsse auf die Ergebnisse der Anderen warten. Nun saß er auf seiner Couch vor dem Fernseher, trank Kaffee und schrieb eine Vermisstenmeldung. Seit einigen Tagen hatte sich sein Hund nicht mehr blicken lassen. Es kam schon öfter mal vor, dass er für ein bis zwei Tage nicht nach Hause kam, aber so lange war er noch nie weg gewesen. Jones musste grinsen. Welch Ironie, dass ausgerechnet der derzeit ranghöchste Ermittler dieser Gegend nun dasaß und die Bevölkerung praktisch bei der Suche nach seinem Hund um Hilfe bat. Diese Vorstellung war ihm einerseits peinlich, aber auf seltsame Art und Weise erheiterte sie ihn auch. Er stand auf, stellte einige Kopien her und beschloss die Zettel nicht mehr heute auszuhängen. Zu kalt, zu nass. Morgen.
Es war noch nicht einmal richtig hell, als der Detectiv Clayton wie abgemacht an dessen Haus abholte. Gemeinsam fuhren sie zum Präsidium, vor dem ausnahmsweise keine Herde Reporter stand. Diesmal nahmen sie den Aufstuhl. "Aaah, Jones, wie schön, dass sie sich auch mal wieder blicken lassen!" Colin kam es vor als habe Bird nur auf ihn gewartet. "Ich, im Gegensatz zu ihnen betreibe Ermittlungen auch dort wo man nass werden kann. Aber sie ermitteln ja sowieso nicht mehr seit sie jetzt Polizeipräsident sind. Ich erinnere mich durchaus noch an unsere Zeit auf der Polizeischule." "Ja, ja, man hat damals schon gesehen wer es zu etwas bringen würde. Nur bei ihnen bin ich wirklich überrascht. Wären Sie nicht so erfolgreich, ich schwöre es ihnen, wären Sie ,wenn es nach mir ginge, schon lange nicht mehr hier." "Das habe ich mir fast gedacht, ich weiß nur nicht was sie so an mir stört. Sobald ich auch diesen Fall abgeschlossen habe werde ich so oder so gehen. Aber nicht ohne Nachfolge, ich will ja nicht, dass sie den mit dem meisten Geld auf meinen Stuhl setzen. Ich will mich schließlich auch nach meiner Amtszeit noch sicher in dieser Stadt fühlen!" "Wenn Sie diesen Fall erfolgreich abschließen, mein Lieber, wenn! Wie man hört haben Sie ja noch nicht sehr viele Ergebnisse, ich bin schon gespannt was sie nachher den Reportern auf der Pressekonferenz erzählen." "Was? Die ist heute? Warum hat mich keiner informiert!?" "Wie schon gesagt, sie lassen sich ja kaum hier blicken. Drei Uhr mein Freund, drei Uhr!" Dieser Punkt ging ausnahmsweise eindeutig auf Birds Konto. Jones kam sich imens verarscht vor. Man hatte ihn ins offene Messer laufen lassen. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass die Anderen viele positive Ergebnisse haben würden. Seine Laune stürzte erneut in eine sehr tiefe Schlucht. "Jones, erinnern sie sich, wir können alle nichts dafür." "Sie können wirklich nichts dafür, Sie waren ja die ganze Zeit bei mir!" "Ich bitte sie nur darum ihre Laune nicht wieder an uns auszulassen." "Ich sehe, Sie sind mutiger geworden, das freut mich. Ich möchte, dass sie sich neben mich setzen. Im Moment vertraue ich nur ihnen und Hawkins." "Danke, Sir." "Sir?" "Jones." Clayton freute sich. Anfangs hatte er beinahe schon Angst vor dem grimmigen, alten Detectiv gehabt, aber so langsam fing er wirklich an ihn zu mögen. Man musste lernen mit ihm umzugehen und durfte keine Scheu zeigen. Dann kam man doch recht gut mit ihm um. Stolz über etwas, das er sich mal wieder nicht erklären konnte, lief er ein wenig hinter, aber trotzdem neben Jones her und diesmal öffnete er die Tür. Einige Polizisten sahen ihn grimmig an. "Ach was, Terry Clayton, du bist auch mal wieder hier? Wir dachten schon wir müssten eine Fahndung nach einem Polizisten in die Wege leiten." "Ich... Ich war mit ihm... Also ich durfte... Ich habe..." Jones klatschte ihm auf den Rücken und zischte ihm ins Ohr: "Haltung, Clayton!" "Ich, ähm, ich war mit Detectiv Jones unterwegs." "Clayton, kommen sie mal mit!" Jones ergriff diesen am Ellenbogen und schleifte ihn mehr, als ihn zu führen, hinter sich her. Krachend fiel die Tür ins Schloss und der Detectiv ließ den Arm des verdutzt dreinblickenden Polizisten wieder los. "Entschuldigung! Aber sie dürfen sich sowas von solchen niederen Polizisten nicht gefallen lassen!" "Aber..." "Nichts aber!" "Doch! Die sind alle älter als ich, die sind alle länger im Dienst, ich bin kein bisschen höher gestellt als die!" "Clayton, sie begreifen aber auch gar nichts! Das ist mein letzter Fall, ich will ihn zu Ende bringen und wenn ich gehe, dann nehmen Sie meinen Platz ein! Versteh's doch endlich! Du bist mein Nachfolger! Deshalb nehme ich dich doch überall hin mit. Deshalb sollt du lernen. Und deshalb hast du verdammt nochmal streng zu sein!" Clayton sah ihn mit großen Augen an. Er hatte so etwas in der Richtung schon befürchtet. Er hatte Angst davor, er hatte Angst zu versagen. "Detectiv... Ich kann das nicht." "Du kannst und du wirst! Sie müssen nur an sich glauben. Später müssen sie Disziplin wahren, sie dürfen sich nichts gefallen lassen. Sie können alle suspendieren lassen wenn sie wollen, aber das müssen sie denen auch deutlich machen." "Jetzt?" Clayton wurde bleich. "Nein, jetzt gehen wir da rein und lassen uns die Ergebnisse zeigen. Und Clayton?" "Ja, Sir? -Jones" "Kommen sie in Zukunft ohne Uniform, in etwa so wie ich. Das hebt sie hervor, sie sind jetzt mein Nachfolger, sie lassen sich ab sofort nichts mehr gefallen. Nennen sie mir einen Namen und eine Begründung und ich lasse suspendieren wer auch immer sich mit ihnen anlegt!" "Ja, Sir." Der junge Polizist war überrumpelt worden. Er konnte an nichts anderes mehr denken als an das, was ihm der Detectiv soeben offenbart hatte. Und er fürchtete sich vor dem, was kommen mochte. Verschwommen nahm er wahr, wie Jones die Tür zu 302 öffnete und er ihm wie ein Köter hinterher lief. Jones setzte sich an das selbe Ende des Tisches, an dem er auch schon beim ersten mal gesessen hatte. "Jetzt, Clayton, machen sie schon.", flüsterte er dem hilflos im Raum stehenden Clayton zu. Dieser erwache aus seinem Schockzustand und rief sich alles zurück in sein Gedächtnis. Neben ihn setzen, hatte Jones gesagt. Auf seiner linken Seite saß Hawkins, auf der rechten der Leiter der Spurensicherung. "Oh-nein, ausgerechnet auch noch ein ranghoher Kollege Jones.", dachte er verzweifelt, erinnerte sich an das was ihm der Detectiv gesagt hatte, an seine bevorstehende Aufgabe und fasste sich ein Herz. "Hey, Sie!" Gespielt selstbewusst sah er Mr. Brown an. Dieser jedoch reagierte nicht mal. "Mr. Brown, war das nicht ihr Name?" Jetzt drehte er sich um und sah ihm direkt in die Augen. Claytons Selbstzweifel wuchs wieder und er sah hilfesuchend zu Jones. Dieser nickte ihm anerkennend und zustimmend zu und zwinkerte. "Er ist auf deiner Seite! Jetzt mach schon!", dachte er sich selbst Mut zu und sagte dann: "Sie sitzen auf meinem Platz." Gelächter brach aus. Brown sah ihn spöttisch an. "Ich bin der Leiter der Spurensicherung und vor mir steht ein-", er musterte die Uniform des jungen Polizisten, "ein Polizist ohne jegliche Auszeichnung und fordert mich auf für ihn den Platz zu räumen?" Erneutes Gelächter. Diesmal sogar noch lauter. Jones stand auf, schlug auf den Tisch und sah finster in die Runde. "Mr. Brown, würden sie meinem Kollegen wohl bitte ihren Platz geben?" "Wie bitte?" Clayton kam einen Schritt näher. "Ich denke sie haben den Detectiv schon verstanden." "Aber... Sonst ist ja gar kein Stuhl mehr frei." Clayton sah zu Jones und wog ab, ob er seine nächsten Worte wirklich aussprechen sollte. Sein Adrenalin siegte. "Tja, wie wäre es dann wenn sie sich einen holen würden?" Er sah zum Detectiv und erkannte, wie dieser in sich hineinlachte. Dann sah er in die anderen Gesichter. Sie sahen ihn verdutzt und erstaunt an. Langsam erhob sich Brown, aufgewacht aus einem Schockzustand, entstanden aus einer Situation, die er sich nicht einmal hätte träumen lassen, schob seinen Stuhl zurück und lief ins Nebenzimmer. Clayton setzte sich, spürte unter dem Tisch einen tritt von Jones und hörte wie er flüsterte. "Nicht übel. Sehen sie, ich bin immer auf ihrer Seite, ich lasse sich nicht im Stich." Clayton nickte abwesend und langsam kam in ihm anstelle von Angst und Furcht Stolz zum Vorschein. Er hatte es geschafft. Die Feuerprobe war bestanden, in Zukunft würde man Respekt vor ihm haben. Ihm wurde klar, wie viel Einfluss und Macht es verlieh, jemanden wie Jones auf seiner Seite zu haben. Kurz darauf kam Brown wieder, im Schlepptau einen Stuhl der unbequemen Sorte und eine Fahne der Wut hinter sich wehend, setzte er sich an eine freie Stelle. Jones erhob sich. "Haben wir jetzt alles geklärt?" Er wartete keine Antwort ab. "Schön. Dann können wir uns ja jetzt vielleicht dem aktuellen Fall widmen und unsere Differenzen vorerst beiseite schieben. Wer möchte anfangen?" Er setzte sich wieder. "Jones, ich muss mit dir reden!", zischte ihm Hawkins ins Ohr, stand dann auf und begann mit seiner ersten Runde um den Tisch. "Meine Aufgabe bestand darin, die Kugeln einer Waffe zuzuordnen. Da wir bereits vermutet hatten, dass es sich bei dem Täter um einen Scharfschützen handelt, war das nicht weiter schwer. Unsere Vermutungen haben sich bestätigt. Es handelt sich hierbei um eine militärische Waffe des Typs M24. Sehr modern. Das Problem welches sich daraus für uns ergibt ist nur, dass das wiederrum bedeutet, dass wir es hier wohl mit einem Profi zu tun haben. Die Waffe besitzt auf 2500 Meter eine beeindruckende Treffgenauigkeit von 90%. Soll heißen: Wir haben ein viel zu kleines Gebiet abgesucht." Er setzte sich wieder hin. Mit dem Vortrag Hawkins war wieder Sachlichkeit in den Raum zurückgekehrt. "Mr. Brown", nichts in Jones' Stimme deutete noch auf das hin, was eben vorgefallen war. "Haben Sie und ihr Team Neuigkeiten für uns?" Man regelrecht spüren, wie Brown mit sich rang und versuchte die Demütigung zu verdrängen. "Wir haben", er schluckte, "Wir haben nichts, was sich mit unserem Fall in Verbindung bringen ließe. Aber da wussten wir ja auch noch nicht, dass sie den Umkreis viel zu klein eingegrenzt haben, wir machen uns umgehend an die Arbeit, ehe das Wetter noch mehr Spuren zerstören kann!" Mit wehendem Umhang sprang er auf und verließ eilig den Raum. Das knallen der Tür hallte eine Weile in den leeren Fluren nach und erst als nichts mehr zu hören war, kehrte das Leben in 302 zurück. "Der Mann hat noch Motivation!", versuchte sich Jones mit einem Scherz, merkte aber fast noch im selben Moment, wie unpassend es gewesen war. Er versuchte einmal wieder einen der sich häufenden missglückten Momente zu überspielen und fragte: "Hat denn irgendjemand hier irgendwas, das uns irgendwie weiterbringen könnte?" Ein Murmeln erfüllte die bedrückende Stille des Raums und obwohl man kaum etwas verstand, wurde sofort klar, dass es ein allgemeines "nein" war. Jones war enttäuscht. Jones war beunruhigt. Jones war verzweifelt. Er erinnerte sich an die ihm bevorstehende Aufgabe und sah auf die Uhr. Es blieben ihm gerade einmal fünf Stunden. Er fühlte wie alle Blicke auf ihm ruhten, wie alle darauf warteten, dass er neue Anweisungen gab, dass alle darauf warteten zu hören, wie es weitergehen würde. Er wusste es nicht und endlich sagte er: "Okay, Sie erwarten, dass ich Ihnen sage, wie es weitergehen soll. Ich muss sagen, ich habe keine Ahnung! In fünf Stunden findet im Rathaus eine Pressekonferenz statt, das einzige was ich ihnen sagen kann ist: Werte Journalisten, sie können wieder gehen und schreiben sie einfach, dass die Polizei keinerlei Spuren hat und das Einzige das sie wissen ist, dass es sich bei dem Täter wohl um einen gut ausgebildeten Scharfschützen handelt, der wahllos auf Menschen schießt, aber machen sie sich keine Sorgen! Die Polizei hat derzeit keine Hoffnung auf baldige Erfolge, doch das ist kein Grund zur Beunruhigung." Bestürzung stand in den Gesichtern der Polizisten im Raum. "Naja... Sie müssen es ja nicht so drastisch ausdrücken... Vielleicht sollten sie ihnen alles sagen was wir wissen. Nicht mehr und nicht weniger." Jones war überrascht, dass sich überhaupt einer der Anderen, abgesehen von Hawkins und Clayton, um seine Situation kümmerte. "Sullivan, richtig?" "Ja, Sir. Ich sollte die Verwandten benachrichtigen und die Identität der Opfer überprüfen. Dabei habe ich nebenbei Nachforschungen angestellt, ob es Verbindungen zwischen den Opfern gab. Zwei von ihnen waren offenbar miteinander befreundet, sonst nichts." "Gute Arbeit, Mr., aber das hilft uns kein bisschen weiter. Das macht eher alles noch viel schlimmer, jetzt ist es wohl sicher, dass jemand in unserer Stadt wahllos auf Menschen schießt." "Aber das können sie den Journalisten erzählen. Sagen sie, dass es sich um einen Scharfschützen handelt, es keine Verbindungen zwischen den Opfern gibt und wir mehr nicht sagen könnten, um die laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden." "Das könnte klappen, danke Mr. Sullivan. Aber wie sollen wir jetzt weitermachen? Ich warte auf Vorschläge." Schweigen breitete sich aus und ratlose Blicke wurden ausgetauscht. Das Ticken der Uhr wurde lauter, schwoll an, wurde unerträglich. "Im Grunde genommen haben wir nur eine Chance, befragen sie Zeugen in einem größeren Umfeld. Auf geht's!"

Es machte "pak", als er den Reißnagel in die Rinde des Baumes vor ihm schlug. Er war schon einige Zeit unterwegs und verteilte die Zettel mit dem Bild seines Hundes an Laternen, Werbesäulen und Bäumen. Jones genoss die frische und kühle Luft, als sich seine Naselflügel blähten und die Luft in seine Lunge strömte. Er blieb stehen, sah in den Himmel und begann sich um sich selbst zu drehen. Der Himmel war in tiefes Blau getaucht, nur ein wenig Licht der bereits verschwundenen Sonne kroch noch mühsam über den Horizont. Wie ein Tuschefass, direkt über ihm umgefallen, floss das dunkle Innere zäh an einer riesigen Glaskuppel herunter und bald würde es auch das letzte Hell mit drückender Schwärze ersticken. Doch irgendjemand, dem ziemlich langweilig gewesen sein musste, hatte einiges Glitzer genommen und es von unten an die Kuppel gestreut, sodass nun viele kleine Punkte das Licht der Städte reflektierten und bizarre Muster im Firmament glänzten. Jones hatte sich nie für Sternkunde interessiert und keine Ahnung wie Sternbilder aussahen. Er kannte nur die Namen. Großer Wagen, kleiner Wagen, großer Bär und wie sie alle hießen. Jetzt meinte er da den großen Wagen erkennen zu können. Oder war er doch eher dort? Und war hier nicht ein Hase? Gab es dieses Sternbild überhaupt? Er suchte nach dem Mond, konnte ihn aber nicht finden, er war vermutlich hinter einer Wolke. Und dieser Stern dort, warum blinkte er so? Aber nein, das war wohl ein Flugzeug, es bewegte sich. Oder stand es doch still? Er riss sich los, rieb seinen schmerzenden Nacken und setzte seinen Weg durch die spärlich beleuchteten Straßen außerhalb der Innenstadt fort. Nach einer Weile machte es wieder "pak" und dumpf hallte es durch die hohlen Schatten der Nacht. Einige Nebelschwaden traten ihm mit voller Wucht ihrer Eiseskälte ins Gesicht und Jones rückte seinen Schal noch etwas höher. "Pak". In seinem geistigen Auge ließ er den Tag noch einmal Revue passieren. Wieder "pak". Doch diesmal verwischte die Realität. Die Welt wurde zu einem Spiegelbild in einem See, dessen Oberfläche durch sanften Wind in Bewegung geraten war. Die Stille im Samtteppich der Schwärze metamorphierte zu einem irren Kreischen, wurde immer schriller, bis es sich schließlich bei einem tinitusartigen Piepton stabilisierte. Zur selben Zeit war ähnliches mit dem "pak" passiert. Die manchmal etwas eigenwillige Realität hatte wohl beschlossen das "pak" so lange nachhallen zu lassen, bis es zu einem beim Einschalten eines Mikrophons entstehenden "klick" wurde. Und plötzlich waren da nicht nur Töne die verrückt spielten, plötzlich waren da auch Menschen. Eine wobende Masse an Journalisten, mit ebenso penetranten wie farbenfrohen Mikrophonen und Kameras. Aber noch etwas stimmte nicht mit dem Bild. Die richtige Mischung an Raum und Zeit war durcheinander geraten und bildete nun einen Strudel aus Verzerrung, der alles, wie durch eine zu stark gewölbte Lupe betrachtet, hin zu Jones krümmte. Es war ein ebenso groteskes, wie bedrohlich wirkendes Schauspiel. Jones trat ein, zwei Schritte zurück, doch die Masse schob sich ebenso rücksichtsvoll wie eine mehrere Meter hohe Lawine weiter vor. Stimmen, verzerrt, als ob ein verrückt gewordener Tontechniker an den Hebeln für etwas wie "Monstersound" und "Stimme geht durch Flugzeugturbine" herumspielte, hämmerten erst wie Rammböcke gegen sein Trommelfell um sich dann wie mehrere tausend Pfeilspitzen in seine Wahrnehmung zu bohren. Alles Fragen, auf die er keine Antworten geben durfte, wollte oder wie meistens konnte. Jones stand jetzt in der letzten freien Ecke des kleinen Raums, wollte etwas sagen, schreien, irgendetwas tun, doch seine einzelnen Körperteile schienen aufgrund der offenbaren Hilflosigkeit der ihnen übergeordneten Obrigkeit die Moral verloren und Fahnenflucht begangen zu haben. Er öffnete den Mund, bewegte seine Zunge, formte seine Lippen, doch der Luft in seinem Inneren schien es unmöglich durch die bereitstehenden Stimmbänder hindurch nach außen zu gelangen. Die Worte blieben im förmlich im Hals stecken. Die strudelnde Masse an Verzerrtem kam immer näher, rückte vor, schien nun sogar an der Decke und den Wänden zu sein und füllte schließlich sein gesamtes Blickfeld aus. Aber war da nicht auch noch etwas anderes? Es schien hier fremd und unrealistisch zu sein, was aber nur dazu führte, dass es stetig mehr Aufmerksamkeit geschenkt bekam, bis es endlich immer realistischer wurde, der Raum verblasste, sich aufzulösen begann, noch einmal tief einatmete, um dann wie eine Seifenblase zu platzen. Oder sogar noch etwas plötzlicher. Da war es wieder. Mit der Pünktlichkeit der Deutschen Bahn legte das Gehirn seine Analyseergebnisse vor. Seiner Meinung nach klopfte etwas mit sanftem Nachdruck auf die zu seinem Körper gehörende Schulter. "He, Sie!" Jones öffnete die Augen, was andere Betrachter eher als leichtes Zittern der Lider wahrgenommen hätten. "Geht es ihnen gut?" Er gab sich einen Ruck und stand nicht auf. Er gab sich noch einen Ruck, diesmal etwas fester, bewegte ein Bein, einen Arm und es gelang ihm sogar seine Augen so zu öffnen, dass auch die eben erwähnten Betrachter zufrieden Nicken würden. Ein letzter Ruck und er stand auf zwei Beinen, wackelig wie ein Anfänger auf Stelzen. "Sir... Geht es ihnen gut? Okay, eine unnötige Frage. Aber brauchen Sie noch irgendwie Hilfe? Sagen Sie's ruhig, okay? Ich helfe gerne. Ich kann Sie auch nach Hause fahren, wenn Sie das wollen, okay? Ich parke hier gleich um die Ecke, es ist wirklich nicht weit. Ich-" Jones unterbrach ihn. Dieser Strom an viel zu schnell gesprochenen Wörtern war das letzte was er gebrauchen konnte. "Nein, nein, machen Sie sich keine Umstände, ich komme zurecht, danke." Der ältere Mann vor ihm schien es gewohnt zu sein unterbrochen zu werden. "Okay, wenn Sie sich sicher fühlen, dann geh ich jetzt mal weiter." Jones atmete auf, lief weiter und nuschelte noch schnell ein "Ja, ja, danke nochmal." in die Nacht.

Er dachte nichts. Als ihm auffiel, dass er an nichts dachte, dachte er daran, dass er eben nichts gedacht hatte und seufzte innerlich als ihm bewusst wurde, dass er damit wieder begonnen hatte zu denken. Doch dieser Bruchteil einer Sekunde, in der seine Wahrnehmung sich wieder bewusst eingeschaltet hatte und wahrnahm, dass er einfach nur da war, vegetierte und nicht dachte, war unbeschreiblich, aber irgendwie gut gewesen. Er versuchte zurück in dieses pflanzliche Dasein zu kommen, doch je mehr er es versuchte, desto mehr Gedanken kamen ihm.
Alles war schwarz, er wollte die Augen öffnen und als es nicht gelang merke er, dass er sie die ganze Zeit geöffnet hatte. Er drückte auf die Lichtanzeige seines verhassten Weckers. Das trüblich blaue Licht blendete ihn. Er kniff die Augen zusammen, schob die Bettdecke von sich und schwang seine Beine über den Bettrand, verharrte kurz und fuhr sich mit seinen Händen über das Gesicht hoch zu seinen verstrubbelten Haaren. Er zwang seine Freiwilligkeit ihm zu sagen, dass er Lust hatte aufzustehen, stand auf und lief zu seinem Fenster. Ein leicher Ruck genügte, um dieses zu öffnen, die Jalousinen aufzustoßen und den kühlen Atem der Nacht zu genießen. Auf sonderbare Art und Weise zog ihn die Dunkelheit an und nur wenige Minuten später stand er vor seiner Wohnung. Es fröstelte ihn, er fühlte sich allein, aber auch frei. Er wusste, er würde nie mehr Angst davor haben müssen erschossen zu werden, nie mehr Angst haben die Deckung zu verlassen, er würde vor gar nichts mehr Angst haben müssen. In Gedanken versunken begann er zu laufen, einfach nur zu laufen, ohne Ziel, immer weiter durch die dunklen Gassen der Vorstadt. Er dachte über das nach, was er noch eben empfunden hatte. Er fühlte sich stark und als er weiter überlegte, schloss er dieses Gefühl darauf zurück, dass er den Krieg überlebt hatte. Er hatte alles überlebt und er wusste, solange man kämpfte hatte man nicht verloren. Und wenn er verlieren würde, da war er sich sicher, dann wäre er tot. Denn verloren hatte man erst dann, wenn man aufhörte zu kämpfen. Und das würde er nur wenn er tot sei. Und wenn er tot sei, so dachte er weiter, dann würde es ihn auch nicht mehr interessieren ob er verloren hatte oder nicht, denn Tote fühlen nichts. Also konnte er ja nur gewinnen. Er lächelte siegessicher, auch wenn er gar nicht wusste, um was er genau kämpfte. Eine Katze huschte dicht vor ihm über die schmale Gasse und zum ersten mal seit einigen Minuten sah er sich um. Sein Atemdampf vermischte sich mit dem Nebel, er drehte sich um. Kein Ende der Straße. Kein Anfang. Nur rechts und links schwarze, bedrohlich wirkende Häuserwände, die wie steil aufragende Klippen den schmalen Weg säumten. Die wenigen Laternen bildeten spärliche, im Nebel wobende Lichtflecken, trugen aber nicht wirklich dazu bei die Straße zu erhellen. Er ging weiter. Heißer Dampf aus einem Gulli. Das unnatürliche Hallen seiner Schritte. Der Gestank des auf dem Boden verteilten Mülls. Umgekippte oder überquillende Mülltonnen. Eine Bewegung? Oder hatten ihm seine Einbildung und der Nebel einen Streich gespielt? Nein, da war etwas, ganz sicher. Ein Knistern. Er starrte in die verschwommene Dunkelheit. Es war nichts zu erkennen und ohne weiter nachzudenken, stellte er den Kragen seines Mantels auf, was ihm ein Gefühl von Sicherheit vorspielte, und ging übertrieben selbstbewusst auf die Stelle zu. Ihm stockte der Atem, er hatte nicht damit gerechnet wirklich auf etwas zu stoßen. Er kniete sich hin und stieß das Bündel Decken, Kleidung und Zeitung an. Die Decken flogen ihm ins Gesicht, ein Hund begann zu knurren und als er sich von dem Knäul an Stoff befreit hatte starrten ihn vier Paar große Augen an. "Cindy! Jetzt halt doch mal die Klappe!" Das eine Augenpaar wurde freundlicher und das andere, welches kurz zur Seite geschaut hatte betrachtete ihn nun wieder voller Neugier. "Bist du ein Pädo oder so?" Vor ihm saß ein Mädchen, er schätzte es nicht älter als siebzehn. Es hatte, so weit es die Dunkelheit erkennen ließ, dunkle Haare und ein schmales, dünnes Gesicht. Die Situation verwirrte ihn und erst jetzt drang die Frage schleichend in sein Ohr. "Ähm, wie... wie bitte?" "Na, ob du ein Pädo bist, Kinderficker oder so!" Es sah ihn nach wie vor aus großen, freundlichen und neugierigen Augen an. "Ich denke nicht." Das Mädchen lächelte. "Das ist mir inzwischen auch klar, sonst hättest du wohl kaum so lang gewartet." "Was machst du denn hier draußen? Es ist doch kalt und... Naja, sollten Kinderchen wie du um diese Uhrzeit nicht in ihren Bettchen liegen? Du bist doch höchstens sechzehn!" Es sah ihn entgeistert an. "Erstmal... Du kannst aufhören so zu reden, ich bin kein Kleinkind mehr und", es lächelte, "Ich bin vierzehn. Darf ich vorstellen. Das ist Cindy." Sie hob ihren misstrauisch dreinblickenden Hund auf ihren Schoß. "Und um deine andere Frage zu beantworten, ich bin ein Kind, das wohl ins Heim gehört, es dort aber nicht aushält und stattdessen lieber ein perspektivloses Leben auf der Straße führt." Ihr Lächeln war verschwunden, stattdessen hatte sie ihren Kopf auf den Rücken ihres kleinen, zotteligen Hundes gelegt. Er wusste nicht warum, aber er spürte das Mitleid mit dem kleinen Mädchen vor ihm wachsen. "Und wie ist das gekommen, dass du ins Heim gehörst?" "Setz dich doch, die Zeitung ist nicht unbedingt bequem, aber sie hält trocken von unten und behält die Wärme." Er wusste nicht warum er ihrem Angebot nachkam, aber er drehte sich um und lehnte sich neben sie an die Hauswand. "Meine beiden Eltern sind gestorben. Meine Mutter war sehr krank und als mein Vater deswegen aus dem Krieg nach Hause hätte geflogen werden sollen, wurde sein Hubschrauber abgeschossen. Er war in Frankfurt, weißt du, gegen die Russen. Auf jeden Fall starb kurz nach meinem Vater auch meine Mutter, andere Verwandte habe ich hier nicht. Ich wurde ins Heim gesteckt, aber ich bin abgehauen. Ich weiß selbst, dass das dumm war, also spar dir jeden Kommentar." Ein ungutes Gefühl regte sich in ihm. "In welchem Battalion kämpfte dein Vater, weißt du das?" Sie zog eine Grimasse." "Er hatte die Helmnummer 01. Auf seiner Jacke war ein roter Löwe auf blauem Grund gewesen. Warum fragst du das?" Er wurde bleich. Roter Löwe auf blauem Grund. Die Red Lions, er war einer gewesen. Auch bei ihm war der Untergrund blau gewesen. Blau war die Farbe der Scharfschützen gewesen. Er erinnerte sich noch genau, wie er sich für seinen alten Kameraden gefreut hatte, dass wenigstens er nach Hause durfte, und wie der Helikopter keine hundert Meter von ihm entfernt in die Luft ging. Wie dunkle Wolkenfetzen huschten ihm die Bilder schemenhaft durch den Kopf. Die Stimme des Mädchens riss ihn aus seinen Erinnerungen. "Wie heißt du?" Er zögerte. "Mein Rufname war null sieben." Er hoffte das Mädchen würde sich nicht allzu gut mit der damaligen Heeresorganisation auskennen. "Und du? Wie heißt du?" Das Lächeln kehrte zurück in ihr Gesicht und verwandelte sich sofort in ein Grinsen. "Auf der Straße ruft man mich Hehdu. Aber bei meinen Freunden war ich immer Lucky Lilla." Keiner der Beiden dachte daran nachzuhaken, dachte daran den richtigen Namen in Erfahrung zu bringen, für sie beide genügte zu wissen, wie sie den anderen ansprechen sollten. "Du hast mich gefragt warum ich hier draußen bin. Aber wieso bist du's?" Er zog eine Grimasse. "Ich weiß es nicht.", sagte er nach einer Weile, "Es war nur so ein Gefühl. Vielleicht mag ich ja die Nacht, ich stand am Fenster, dann war ich draußen und dann war ich hier." Sie sah ihn mit großen Augen an, er wusste es nicht zu interpretieren, wahrscheinlich schaute sie immer so, wenn sie zuhörte. Sie redeten noch lange, saßen noch lange beisammen in der Kälte, eingepackt in mehrere Decken. Inzwischen wurde es langsam wieder hell und Licht quälte sich durch den nach wie vor dichten Nebel. "Verdammt! Was für einen Tag haben wir heute?", er sprang auf. "Sonntag, wenn mich nicht alles täuscht. Warum denn?" "Du bist sicher müde, du musst mal schlafen!" Sie setzte zu einer Antwort an, sah aber schnell, dass es zwecklos war und sah ihm auch dann noch verwundert hinterher, als er schon lange aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Frank Graham war nicht unbedingt die Person, bei der man von Schönheit sprechen würde. Er stand aus seinem alten Sessel auf, ging herunter in die Küche und machte eine der vielen braunen Schranktüren auf. Es dauerte eine Weile bis er alle Gläser vor sich auf den Herd gestellt hatte, dann zückte er einen Schlüssel, schloss das in dem Schrank versteckte Geheimfach auf und nahm das Gewehr. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es bereits neun war, "Höchste Zeit zu gehen!". Krachend fiel die Tür hinter ihm zu.

"Manchmal ist nichts wie es scheint!" Jones sah das doppelt gefaltete Papier in seinen Händen verwundert an. Er stand vor seiner Haustür, eigentlich war er auf seinem gewohnten Weg zum Präsidium gewesen, doch dann lag da dieser braune Pappkarton, über den er beinahe gestolpert wäre. Darauf war ein Umschlag mit dem Zettel befestigt gewesen, den er jetzt auffaltete, um zu schauen, ob noch mehr geschrieben war. "Nichts.", sagte er zu sich selbst und sah sich um. Er fragte sich, ob er den Karton jetzt schon öffnen sollte, oder später und betrachtete ihn genauer. Es war weder eine Anschrift darauf zu entdecken, noch seine Adresse. "Offenbar persönlich abgeliefert, klingt nach nichts Gutem.", dunkle Vorahnungen trieben seine Neugierde und Drang nach Gewissheit voran. Er ging in die Hocke, schob eine Hand unter die Pappe, legte die andere an eine Kante und ging noch einmal ins Haus. In dem Radio, er hatte mal wieder vergessen es auszuschalten, kamen gerade die Verkehrsnachrichten. "Na immerhin schon eine Ausrede.", er öffnete eine Schublade, griff nach einer großen Küchenschere, wollte gerade zurück in den Flur gehen, als sich etwas in sein Gehirn drängte und ihn noch einmal umdrehen ließ. Er blinzelte, als ob der rote Abdruck seiner Hand am Griff der Schublade dadurch weggehen würde, ließ die Schere fallen und starrte entgeistert auf seine Handfläche. Seine Hautrillen bildeten ein bizarres Muster in dem vorherrschenden Rot und schienen sich zu bewegen. Er hob die Schere auf, rannte zu dem Karton in seinem Flur, zerriss die Pappe und hielt inne. "Ich hasse Montage!", war alles was ihm einfiel und hob den kopflosen Körper seines Hundes auf den weißen Boden. Er war noch warm, das Fell war blutverklebt und das rote Nass füllte schnell die Fugen zwischen den Fliesen. Jones war nicht sonderlich entsetzt. Er war schlimmeres gewohnt. Dennoch fühlte er einen stärker werdenden Hass auf den Täter, wusste nicht so recht was zu tun war, wusch sich die Hände, wechselte den Anzug und fuhr zur Arbeit.
Wenige Minuten später öffnete er wild entschlossen die Tür zu seinem Büro, wo ihn seine Sekretärin bereits erwartete. "Wo waren sie denn die ganze Zeit?" "Hören Sie morgens kein Radio!?" Die junge Frau überhörte die gewohnten Sticheleien gekonnt und redete unbeirrt weiter. "In ihrem Zimmer wartet jemand auf Sie. Ein junger Polizist. Er meinte es sei dringend." Colin hielt inne, warf einen Blick auf die Tür zu seinem Zimmer und runzelte die Stirn. Es war an der Zeit pensioniert zu werden, langsam wurde er zu alt für diesen Job. Konnte er nicht einmal morgens in sein Büro kommen, gemütlich einen Kaffe trinken, langweilige Akten durcharbeiten und irgendwelche Kollegen zu ominösen Verdächtigen schicken? "Danke, Beth." "Wie jeden Morgen gern geschehen. Und wenn ich das mal so sagen darf: Sie sehen gar nicht gut aus heute." "Noch schlimmer als sonst?" "Anders.", rief sie ihm hinterher, als er bereits die Tür hinter sich schloss. Beth entschied, erstmal einen Kaffe zu machen, setzte gemütlich das Wasser auf, ging zurück zu ihrem Tresen und sah mit einem nicht sonderlich überrascht wirkenden Lächeln zu, wie Jones' Tür aufflog, zwei Polizisten mit wehenden Mänteln herausrannten und keine zwei Sekunden später auch die Bürotür übertrieben heftig ins Schloss fiel.
"Wann?", brachte Jones gepresst und schwer atmend hervor. "Ja Gestern halt.", Clayton verstand nicht, wieso sein neuer Vorgesetzter so außer sich war. "Und wieso hat mich keiner informiert? Ich bin der Leiter in diesem Fall!" Er wurde wütend. Er war der Leiter dieser Sonderkommission und er hätte nach den Notärzten der Erste sein müssen, der informiert worden wäre. "Keine Ahnung. Ich hab's heute Morgen in der Zeitung gelesen. Und Sie waren nicht in ihrem Büro. Dann habe ich mich ein wenig für Sie schlau gemacht.", zum ersten Mal fühlte er sich sicher wenn er mit dem Detectiv sprach, doch seine Selbstsicherheit verschwand schon bei seinen nächsten Worten. "Sie sagten doch, ich solle ihr Nachfolger werden. Und dann dachte ich, wenn Sie nicht da sind, kann ich ja zumindest innerhalb unserer Reihen ein wenig ermitteln. War das ir-", der Detectiv unterbrach ihn. "Sie sind Gold wert! Also?" Clayton hasste diese Angewohnheit von sich alles was positiv war in Frage zu stellen und er hasste sich dafür, dass er sich fragte ob es Ironie war. "Zugegeben, ich weiß auch nicht viel. Eigentlich so wie das letzte Mal. Viel Blut, vier Tote, fünf Schüsse. Vorgehensweise offenbar genau wie letzten Sonntag. Also der selbe Täter. Aber eine andere Kirche." Jones' Wagen heulte auf, als er den Motor anwarf und mir quietschenden Reifen vom Parkplatz raste. "Welche Kirche?" "Ähm, die ist hier ganz in der Nähe - die Marienkirche. Aber die Aufräumarbeiten sind doch schon erledigt!" Colin drückte aufs Gas, als ob die Kreidezeichnungen und die dunkelroten, fast braunen Flecken weglaufen könnten, wenn er nicht schnell genug da wäre. Clayton hatte gelernt, dass Widerrede sinnlos war und hielt seinen Mund. "Hmm, nichts zu erkennen, waren Sie gestern dabei?" Clayton winkte ab und zuckte mit den Schultern. "Ich habe es Ihnen doch schon gesagt. Es gibt nichts mehr zu sehen. So lagen die Leichen", er deutete mit einem Kopfnicken grob in die Richtung der weißen Umrisszeichnungen vor dem Eingang. "Der einzige Unterschied bis jetzt ist, dass der Pfarrer nicht unter den Toten war." Wortlos liefen sie zurück zum Auto, doch der Jones fuhr nicht los. "Aus wessen Seite stehen Sie?" Er sah seinen jungen Kollegen nicht an und starrte stattdessen mit trüben Augen aus der verdreckten Windschutzscheibe. "Ich verstehe nicht. Ich denke mal ich stehe auf der Seite des Rechts, der Justiz und der Wahrheit, oder nicht?" Terry blickte erwartungsvoll und verwirrt zu dem plötzlich gealtert scheinenden Mann. "Ich meine, stehen Sie zu mir, auch wenn die Zukunft vielleicht Tage bringt, in denen Wahrheit und Recht mehr und mehr zur Sache des Blickwinkels und der eigenen Meinung werden?" Es begann zu regnen und dicke, auf der Scheibe zu Kreisen zerplatzenden Tropfen, unterstrichen auf abstruse Art und Weise die im Auto herrschende Stimmung. "Ich... Ich weiß nicht. Aber ich denke schon, oder? Sie haben ja nichts unrechtes getan, ich bin auch nicht blind und ich weiß es nicht, aber mir kommt es so vor, als würde in unserem Revier ein Machtkampf herrschen, in dem alle Mittel recht sind. Deshalb wollen Sie doch auch mich unbedingt als Nachfolger, oder nicht? Damit nicht jemand ihren Posten übernimmt, der nur dahin kommt, weil er Geld oder einflussreiche Eltern hat." "Ganz recht, kleiner." Der Regen schwoll an. "Es hat sich so viel geändert. Ich habe hart gearbeitet bis ich das erreicht habe, wo ich jetzt bin und ich habe schlicht und ergreifend keine Lust mehr auf all die Scheiße hier, die ganzen Leichen, die ganzen Ermittlungen. Und ich werde gehen, du hast recht und ich will mich sicher fühlen wenn ich weg bin. Ich will meine letzten, alten Tage gemütlich verbringen, ohne Angst vor irgendwelchen Racheakten haben zu müssen. Und dafür sollst du sorgen! Aber schau dir das an. Ich bin nicht sonderlich beliebt bei den jungen, schnell aufsteigenden Kollegen, die von Bird, der korrupten Ratte, gefördert werden, weil ich ihnen nicht traue und man wirft mir vor die Fälle alleine zu bearbeiten, aus irgendeiner Ruhmgier oder was weiß ich! Man hat mich nicht informiert. Man will mich weg haben. Ich soll gehen und ich werde gehen, aber ich will dich hinterlassen und die sollen nicht bekommen was sie wollen! Es geht hier um mehr, als nur den Fall." Clayton wusste nicht, was der Detectiv nun von ihm erwartete, irgendein Versprechen vielleicht? Ein Schwur ihm treu zu bleiben, komme was wolle? Der Motor sprang an, es war dunkel geworden, obwohl es noch nicht einmal Mittag war und die Scheibenwischer gaben ihr Bestes, die Sicht trotz des anschwillenden Regens einigermaßen frei zu halten, während Jones seinen Wagen schweigend zu sich nach Hause manövrierte. Direkt vor seinem Eingang brachte er das Auto zum Stehen und rannte zusammen mit Clayton durch ein kleines, gusseisernes Tor den schmalen Weg zu seiner Haustür hinauf. Auf der letzten Stufe der kleinen Treppe wartete eine neue Überraschung auf ihn. Da lag wieder ein Pappkarton, diesmal aber kleiner und Jones ahnte was darin war. "Oh, ein Paket. Würden Sie es für mich reintragen?", er zückte die Schlüssel und ließ keinen Zweifel daran, dass das mehr als nur eine Bitte gewesen war. Die Tür öffnete sich und gab die Sicht auf einen erschlafften Hundekörper und eine Menge getrocknetes Blut frei, dass sich gut von den weißen Fliesen abzeichnete. "Sir... Colin... Ist das ihr...", er brach ab, als er das Blut, das durch den durchgeweichten Karton in seinen Händen seine Arme herunterlief, sah und warf ihn erschrocken von sich. Das durchgeweichte Bündel Pappe flog wie in Zeitlupe durch den Flur, landete wenige Meter vor den entgeistert dreinblickenden Polizisten, die zusahen, wie die Pappe aufriss und ein Hundekopf mit zwei Nägeln in den Augen und einer schlapp heraushängenden Zunge herausrollte und sich schließlich der allgemeinen Stille anpasste und liegen blieb. Claytons Missgeschick machte die Situation grausamer und widerlicher als sie hätte sein müssen und während Jones sich bedächtig, als sei er gefährlich, dem Kopf näherte, drehte sich Terry's Magen um und entleerten sich in eine Hecke vor der Haustür. "Clayton! Nun machen Sie doch endlich die Tür zu!", brachte Colin unter einiger Anstrengung keuchend hervor. "Oder wollen Sie, dass es die ganze Stadt sieht?" Der junge Mann spuckte aus, atmete tief durch und versuchte den Geschmack des Gebrochenen zu ignorieren, als er die Haustür hinter sich schloss und vorsichtig über den Körper des toten Tieres sprang. "Er hat ihm Nägel in die Augen geschlagen!" Clayton war entsetzt. "Das sehe ich auch, Mann!" "Wer glauben Sie hat das getan?" Terry wollte sich gerade neben Jones setzen, als dieser aufstand und in die Küche ging. "Ich weiß es nicht. Hier, waschen Sie sich ihre Hände.", der Detectiv deutete wedelte mit dem Handtuch in seinen Händen in Richtung des Waschbeckens und setzte Wasser auf. "Vielleicht unser Kirchenmörder. Oder gar jemand bei uns aus der Abteilung, der möchte, dass ich den Fall abgebe. Vielleicht aber auch jemand ganz anderes." Er lehnte sich zur Seite und sah aus der Küche in den Flur. Dann zog er die Tür zu. "Irgendwie müssen wir die Schweinerei da draußen los werden, ohne, dass jemand was merkt." Terry runzelte die Stirn. "Ohne, dass jemand was merkt? Sie haben doch nichts verbrochen, es war ein Verbrechen an Ihnen... Oder?" "Darum geht's doch gar nicht! Aber wenn es wirklich jemand aus unserer Abteilung gewesen sein sollte, dann müssen wir sichergehen, dass es sonst niemand erfährt. Ich habe keine Lust, den Fall ablegen zu müssen, wegen angeblicher Befangenheit! Außerdem muss ja-", das Pfeifen des Wasserkochers unterbrach ihn. "Kaffe oder Tee?" "Wasser?" Jones hatte noch nie Leute verstanden, die Wasser ohne Beigeschmack tranken. "Äh- klar." Er griff über sich in den Schrank, holte ein Glas heraus und- "Mit oder ohne?" "Ohne." -füllte es mit Wasser aus dem Wasserhahn. Sich vorkommend wie ein Spießer reichte er Clayton das Glas, sie tranken beide ihre Gläser und Tassen aus und gingen in den Flur. "Also gut.", Jones atmete noch einmal durch. "Ich gebe ihnen Schrubber und Putzwasser und ich packe das", er machte eine flüchtige Handbewegung in Richtung des geköpften Hundes, "das... die Überreste ein!" Sie sahen sich an, bissen die Zähne zusammen und machten sich an die Arbeit.

Es war schon spät, als sich der in die Jahre gekommene Detectiv in seinen vergilbten braunen Sessel setzte. Die Sonne war längst untergegangen und Colin ließ sich noch einmal die Bilder des Tages durch den Kopf gehen. Sein Hund. Blut. Terry, wie er mit ihm zusammen schweigend im stärker werdenden Regen ein Loch gräbt. Dreck, Regen, Nässe, Schlamm, Kopf, Körper, Gestank, Übelkeit, Trauer, Wut, Tod.
Er hoffte nur, dass sein junger Kollege stark und still bleiben würde, aber er vertraute ihm. Er mochte es, allein zu sein. Es war so ruhig, wenn man allein war, so... - ruhig? Er starrte in die Flamme einer Kerze, nicht weit von ihm auf einem kleinen Beistelltisch. Sein Blick verschwamm, das Licht breitet sich aus, ließ keine Formen mehr in seiner Mitte erkennen und er hörte in die Stille. Uhren tickten. Viele Uhren. Colin hob seinen Blick und sah aus dem Fenster. Nun, genau genommen sah er tiefe Schwärze, als wären die Fenster Löcher in die Weiten des Alls und als er versuchte dennoch draußen etwas zu erkennen sah er sich. Er saß in einem alten, braunen Sessel und sah sich in die Augen, er wollte die Uhrzeit auf der Uhr hinter sich zu lesen, doch je weiter man von der kleinen Kerze wegsah, desto weniger spiegelte sich in dem schwarzen Fenster. Sein Blick fiel zurück zu dem kleinen Tisch. Ein Glas Rotwein stand neben der Kerze und je länger er es ansah, desto schlechter wurde ihm, doch auf sonderbare Art und Weise zog in das tiefe Rot an. Sein Gehör meldete sich zurück, um zu melden, dass das Ticken der Uhren lauter wurde. Und tatsächlich, die Uhren wurden lauter, unregelmäßiger, verwischten zu einem einzigen Ton, nur unterbrochen von regelmäßgem Ticken, schärfer als die Realität. Als die Realität? Besitzt die Realität eine schärfe? Überhaupt eine spezielle Form? Was ist Realität? Ist Realität nicht eher relativ und somit nicht mehr real? Seine Gedanken schwiffen ab, ebenso wie sein Blick, der nun das Pendel einer der Uhren an der Wand gegenüber fixierte. Es schwang hin und her, schien langsamer zu werden, hin und her, schien größer zu werden, hin und her, bis es begann sein gesamtes Blickfeld zu füllen, ihn zu sich zu ziehen, bis der Detectiv plötzlich in einem leeren Raum stand, farblos, auf merkwürdige Art und Weise aber dennoch vorhanden und nur das Pendel noch da war, gebietend über Raum und Zeit, gebietend über ihn, gebietend über Fun... - Fun? "-ny, I find it kind of sad, the dreams in which I'm dying are the best I've ever had, I find...", das Klingeln seines Handys weckte ihn aus seinen wirren Träumen, bestehend aus Pendeln, "Ja, bitte?", Enge, "Terry... was gibts?", und Tod. "Tot!? ... Bist du dir sicher? ... Ja klar komm ich sofort! Warte da - ... Was, wieso? ... Egal! Ich fahr jetzt los, bis gleich! ... Nein sollst du nicht! Warte einfach nur bis ich da bin!"

Anmerkung des Einsenders: An dieser Stelle ist natürlich noch lange nicht Schluss, aber wie doof muss man sein, wenn man ein ganzes Buch hier reinschreibt, was jeder rauskopieren kann^^

Und auch etwas schade finde ich, dass bewusst gesetzte Absätze und Leerzeilen einfach von Magistrix gelöscht werden... Aber nunja...

Greets,
Joni

Diskussion

Dein Kommentar

Was hältst du von dem Dokument !!! *** Er *** !!!? Sag uns eines Meinung!

  1. (freiwillig, wird nicht veröffentlicht)

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.
Feedback