Bildinterpretation (Rembrandt - Die Blendung Simsons)
Also, ich habe mich für das Bild „Die Blendung Simsons“ von Rembrandt entschieden, das er 1636 gemalt hat. So, als erstes erzähl ich euch etwas genauer, wer Simson ist und seine biblische Geschichte, damit ihr das überhaupt verstehen könnt.
Simson war ein Mann mit außerordentlichen Kräften. Man konnte ihn nicht überwältigen, nur mit Hilfe einer Frau. Seine Geschichte wird im alttestamentlichen „Buch der Richter“ erzählt. Simson selbst zählt auch zu diesen Richtern, den Anführern Israels.
Damals wurde Israel gerade von den Philistern unterdrückt. Vor Simsons Geburt erschien seinen Eltern ein Engel, der ihnen sagte, was Jahwe, Jahwe war der Gott der Juden, also was der mit Simson vorhatte. „Der Knabe wird ein Geweihter Gottes sein von Mutterleibe an; und er wird anfangen, Israel zu erretten aus der Hand der Philister. Sein Haar darf nie geschnitten werden.“ Also das heißt so viel wie, dass Simson quasi als Held geboren wird. Die Philister waren ja die Unterdrücker Israels. Hab ich euch ja vorhin schon gesagt.
Aber Simson verliebt sich dann ausgerechnet in ein Philistermädchen und erbittet sie zur Frau. Also im Alten Testament steht, dass Jahwe selber Simson gelenkt habe, denn Jahwe wollte Streit zwischen dem Volk Israel und der Besatzungsmacht. Simson hat den Streit durch ein Rätsel provoziert. Er versprach den 30 Begleitern seiner Braut 30 Gewänder, wenn sie es lösten. Die Begleiter zwangen dann die Frau Simson nach der Lösung zu fragen. Simson schwieg, bis dann die Frau zu letzten Mittel greift und sagt: „Du … hast mich nicht lieb.“
Als Simson später merkte, dass man ihn betrogen hatte, geriet, der Geist des Herrn über ihn. Er ging hinab nach Askalon, Askalon war eine Stadt der Philister, erschlug dort 30 Philister und nahm ihre Gewänder und gab Feierkleider denen, die das Rätsel erraten hatten.
Die Bibel erwähnt drei Frauen in Simsons Leben. Das gerade eben war die Geschichte der ersten Frau. Die zweite Frau, war eine Hure in Gaza: Simson besucht sie, die Philister wollen ihm am kommenden Morgen am Stadttor auflauern, er aber erhebt sich um Mitternacht, reißt die beiden Torflügel des Stadttors samt Pfosten aus der Erde und trägt sie – seinen Feinden zum Hohn – hinauf auf einen Berg.
Die dritte Frau wird als einzige mit Namen genannt: Delila. Simson liebte sie, Delila aber wurde von den Philisterfürsten bestochen. Sie sollte herausfinden, worin das Geheimnis Simsons Stärke liege. Zur Belohnung sollte sie von jedem 1100 Silberstücke bekommen. Dreimal bekommt sie die falsche Antwort, bis sie genau wie die erste Frau beteuert an seiner Liebe zu zweifeln. Dem kann Simson nicht widerstehen. „Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft von mir.“ Als Simson dann schläft, lässt sie jemanden die sieben Locken seines Hauptes abschneiden. Dann ergriffen ihn die Philister und stachen ihm die Augen aus. Warum Jahwe diese Niederlage zugelassen hat, wird im Buch der Richter nicht erklärt. Doch es kommt zur Umkehr. Der blinde Simson wird bei einem Fest der Philister vorgeführt. Seine Haare aber sind schon nachgewachsen und er betet zu Jahwe um seine alte Kraft. Er erlangt sie zurück, stemmt sich zwischen zwei Säulen, bringt sie zu Fall und das Gebäude zum Einsturz, opfert sich und tötet Tausende von Israels Feinden.
So, das war also die Geschichte Simsons.
Jetzt fragt man sich natürlich, warum Rembrandt dieses Bild gemalt hat. Rembrandt hat fünf Szenen aus Simsons Leben gemalt. Alle Simson-Bilder malte er zwischen 1628 und 1641, er hat sich also über ein Jahrzehnt mit diesem Muskelmann beschäftigt, mit einem „Auserwählten“, der sich hauptsächlich durch Kraft und Rabaukenhaften Eigensinn auszeichnete. Von Intelligenz oder Spiritualität ist in der Bibel nicht die Rede. Dieses Jahrzehnt, in dem sich Rembrandt mit Simsons Geschichte befasste, lag in der ersten Hälfte seines Lebens. Es könnte sein, dass er als junger Mann von den übermenschlichen Kraftakten fasziniert war. Rembrandt war calvinistisch erzogen. Wisst ihr was calvinistisch bedeutet? Nein? Dann erläutere ich das mal: Also es ist nicht so leicht zu erklären: Die calvinistische Lehre ging davon aus, dass Sparsamkeit, Fleiß und harte Arbeit Formen moralischer Tugend darstellten und wirtschaftlicher Erfolg ein Zeichen Gottes Gnade sei. Dieser Calvinismus hatte auch gesellschaftliche Auswirkungen. Da er sich begünstigend auf Wirtschaft und Handel auswirkte, kam dem Calvinismus eine bedeutende Rolle in der Abschaffung des Feudalsystems und der Einführung des Kapitalismus zu. Wenn ihr nichts mit dem Begriff Feudalsystem anfangen könnt ist das nicht weiter schlimm. Aber das jetzt auch noch zu erläutern würde einfach zu lange dauern, denk ich. Das Feudalsystem ist einfach ein System, das abgeschafft wurde. Bis zum frühen 17. Jahrhundert bekannten sich die protestantischen Gruppen vieler Länder zum Calvinismus. Da dies in den Niederlanden sehr verbreitet war, Rembrandt war Niederländer, war er auch davon begeistert. Schließlich wurde die calvinistische Lehre zur niederländischen Orthodoxie erhoben.
Also das ist also der Calvinismus und Simson passte perfekt ins calvinistische Weltbild:
Jahwe war in Simsons Volk der eigentliche Führer und Machthaber. Jahwe nahm Simson seine Kraft und gab sie ihm zurück. Ähnlich alttestamentarische Vorstellungen predigte auch Calvin: Gott regiert, durch die Bibel verkündet er seinen Willen, Gott bestimmt auch Sitten und Politik. Wer ihm nicht gehorcht, wird wie Simson bestraft, und zwar ähnlich grausam. Gott war für den französischen Reformator nicht ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit, sondern ein harter Herr. Calvin predigte die Pflicht zur Intoleranz bei der Durchsetzung seiner Sitten- und Kirchenordnung. Wer ihr nicht folgte, wurde zum Tode verurteilt. Über 50 Todesurteil gehen auf Calvin zurück.
Noch in anderer Hinsicht passte Simson gut ins calvinistische Weltbild. Der Reformator predigte die Prädestination, das ist die Vorherbestimmung des Menschen. Auch Simson war ein Geweihter Gottes von Mutterleibe an. Nimmt man die Prädestination nicht nur für Auserwählte, wie Simson es war, in Anspruch, dann war auch Delila nicht nur eine geldgierige Verräterin, sondern ein Instrument Gottes.
Ja das ist wohl so der Anlass aus dem Rembrandt dieses Bild malte.
So kommen wir jetzt mal mehr zum Bild an sich. Die Helme, die Rembrandt seinen Philistern gibt, waren 1636 im Kampf kaum noch üblich, sie ähneln dem so genannten „Burgunder-Helmtopf“, der ein Jahrhundert früher getragen wurde. Er ist auf vielen Werken Rembrandts zu sehen. Warum er diese Helme malte ist nicht genau geklärt, aber wahrscheinlich gehörten sie einfach zu seinem Kostümfundus. Historische Genauigkeit war zu Rembrandts Zeiten ohnehin nicht unbedingt das Ziel der Künstler, wenn sie „Historien“ malten.
Grausamkeit, wie Rembrandt sie darstellt, gehörte damals viel mehr zum Alltag als im heutigen Mitteleuropa. Sie wurde auch immer wieder gemalt, besonders in Rom, in Neapel, in Spanien, meist am Beispiel von Märtyrern, die auf der Folterbank gestreckt, die gesteinigt, gerädert oder erschlagen wurden. Die Darstellung des Martyriums gehörte zu Propaganda der Gegenreformation. Die Heiligen sollten verherrlicht, die Priester auf ihren möglichen Tod vorbereitet werden.
Es bestand aber wohl im Barock – abgesehen von Kirchenpropaganda und Lebenswirklichkeit - auch ein Bedürfnis, Menschen zu sehen, die gequält und erniedrigt werden. Ein Bedürfnis, das schwer zu erklären ist. Vielleicht war es eine Reaktion auf die noch viel zahlreicheren Gemälde voll verzückter Einsiedler, eine Reaktion auf die allzu vergeistigte und verklärte Darstellung der Menschen.
In keinem seiner anderen Gemälde hat Rembrandt körperlichen Schmerz so realistisch dargestellt. Er wählte genau den Moment, in dem der Dolch ins Auge dringt. Im Schmerz verkrampft sich nicht nur das Gesicht, sondern der ganze Körper bis zum Fuß. Den Kopf Simsons hat Rembrandt in den Vordergrund gelegt, er rückt so den Akt der Verstümmelung ganz nah an den Betrachter heran. Der Verrat oder der Triumph Delilas über Simson wurde im 16. und 17. Jahrhundert häufig gemalt; dargestellt wurde aber meistens die Gefangennahme, nicht die Blendung, nicht die blutige Tortur. Rubens zum Beispiel, drei Jahrzehnte älter als Rembrandt, nahm Simson und Delila zum Anlass, zwei herrliche, dramatisch nach vorn gebeugte Körper zu präsentieren; zwar hebt im Hintergrund einer der Krieger den Dolch, aber in Delilas Gesicht ist nichts von dem drohenden Schrecken zu erkennen. Rubens gibt ihr eher ein vergnügtes Lächeln. Es scheint als sähe sie einem kleinen Streich zu. Zu Rubens’ Figur passt der Ausdruck „Weiberlist“, mit dem Delilas Tat früher oft bezeichnet wurde – ein Wort, das nach heutigem Sprachgebrauch allzu harmlos erscheint. Nicht wegen einer List ist die Geschichte von Simson aktuell geblieben, sondern weil sie vom Kampf der Geschlechter erzählt, von der Rache des körperlich schwachen Geschlechts am starken Mann. Dass der Aspekt des Geschlechterkampfes von Rembrandt mitbedacht wurde, dafür gibt es mehrere Hinweise. Simson liegt am Boden, Delila steht weit über ihm. Der dunkle Spieß des vorne überstehenden Soldaten verdeckt präzise den Schnittpunkt der beiden Diagonalen, die den Aufbau des Bildes bestimmen: genau die Stelle, wo Simsons Geschlechtsteile zu denken sind. Das wichtigste Indiz: Im Buch der Richter steht, dass Delila einen der wartenden Philister herbeiruft, damit dieser dem Schlafenden die „sieben Locken seines Hauptes“ abschneide, die ihm seine Kraft verliehen – auf dem Gemälde von Rembrandt hat sie es selbst getan, denn sie hält Schere und Haar. Das ist allerdings keine Erfindung Rembrandts. Auch Rubens gab Delila die Schere in die Hand. Die Maler wichen ab von der genauen Darstellung der biblischen Geschichte, um zu verdeutlichen, worum es ihnen ging.
Dieses großartige Gemälde wird merkwürdigerweise in den Werken über Rembrandt wenig beachtet, und wenn, dann eher mit negativer Tendenz. Dabei ist es, allein schon vom Format her (205cm x 272cm), das größte Bild, das er bis dahin gemalt hat. Aber auch das spricht angeblich gegen ihn. Rembrandt, so wird unterstellt, habe sich verführen lassen, statt dem eigenen Weg zu folgen, einem Weg, der mehr ins Innere des Menschen führe als zum brutalen Realismus und äußerer Dramatik. Aber auch auf der Blendung erfährt man viel über die innere Verfassung der Beteiligten. Das gilt nicht nur für Simson, sondern ebenso für den Soldaten im Vordergrund wie für Delila. In Gesicht und Bewegung offenbaren beide widersprüchliche Gefühle: Furcht und Aggressivität bei dem Soldaten, Triumph, Entsetzen und inner Distanz im Gesicht der zurückblickenden Delila. Mit den aufgerissenen Augen Delilas hatte Rembrandt aber auch noch anderes im Sinn. Eine der Regeln für das Malen von „Historien“ lautete, der Maler müsse sich in die dargestellten Personen hineinversetzen. Simson, der sich aufbäumende Koloss, wäre dann Rembrandt, der seine eigene Erblindung erlebt und mit dem Augenlicht seine Kraft verliert.
Zweifellos hat Rembrandt Angst davor gehabt, seine Sehfähigkeit zu verlieren gefürchtet. Es gibt keine schriftlichen Beweise, aber aus einer Zeichnung von seinem Vater lässt sich schließen, dass dieser an seinem Lebensende erblindet ist. Der Maler hat also das Nachlassen des Augenlichts miterlebt. Wenn nicht in der Familie, dann doch in der Nähe, denn Augenerkrankungen waren häufig und die Heilmittel wenig wirksam. Außerdem hat Rembrandt oft Blinde gemalt: den alten Homer, Jakob, der seine Enkel segnet, blinde Geigenspieler, blinde Bettler, Blinde, die von Christus Heilung erhoffen. Am häufigsten malte er die Geschichte von Tobias und seinem blinden Vater. Nach der biblischen Erzählung heilt der Sohn seinen Vater, indem er ihm Fischgalle auf die Augen streicht. Dieses hatte ihm Raphael geraten, der Erzengel. Es war also ein Wink von oben. Rembrandt jedoch zeigt seinen Sohn hinter dem Vater stehend und mit einem Instrument in der Hand: Mediziner meinen, es handele sich um eine Operation des grauen Stars. Das Gemälde, auf dem Tobias seinem Vater das Augenlicht zurückgibt, entstand im selben Jahr wie „Die Blendung Simsons“, 1636.
Aber nicht nur in diesem Jahr haben ihn Augen und Sehen besonders beschäftigt. Er war fasziniert von dem Körperorgan und seinen Funktionen. Gleichzeitig empfand er aber wohl auch so etwas wie Tabuscheu. So porträtierte er seine Mutter als betende Prophetin Hannah, ihre geschlossenen Augenlieder sind genauso minuziös mit kleinen und kleinsten Fältchen gemalt wie die alte Gesichtshaut; das Gesicht wirkt, als seien die Augen zugewachsen. Oder Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern will, seine Hand liegt auf dem Gesicht des Sohnes, sie verdeckt den Blick des Opfers. Oder das erstaunliche Selbstporträt, das Rembrandt um 1628 malte: Der Maler verschattete die eigenen Augen so stark, dass sie fast unsichtbar sind. Es gibt also viele Beispiele, die bestätigen, dass Rembrandt sich sehr mit der Sehfähigkeit beschäftigt hat. Dadurch wird auch verständlich, warum er nicht, wie Rubens, die Gefangennahme Simsons gemalt hat, sondern die Blendung. Es ging ihm nicht nur ums Alte Testament, ums calvinistische Weltbild, um Geschlechterkampf, er malte auch ein Bild über das Sehen: Die weit aufgerissenen Augen Delilas erblicken die getöteten Augen Simsons, die fast blendende Helle draußen wird zum kaum mehr durchdringbaren Dunkel im Inneren des Raumes.
Michelangelo da Caravaggio hat als erster starke Hell-Dunkel-Kontraste gemalt, niederländische Maler brachten die Manier nach Norden. Sie wurde eingesetzt, um Dramatik ins Bild zu bringen und Wichtiges hervorzuheben. Bei Rembrandt scheint noch etwas anderes hinzuzukommen: das Erlebnis des Sehens selber, die Erfahrung von Macht und Ohnmacht des Auges.
Dass bei ihm keineswegs immer im Hellen das Wichtige sein muss, macht sein Selbstporträt deutlich. Stirn, Augen und Mund, die für das Erkennen eines Menschen entscheidend sind, bleiben im Dunkeln. Der Betrachter kann die Augen noch so aufreißen, er wird wenig erkennen. Nacken, Ohr und Wange, relativ uncharakteristisch, sind dagegen gut ausgeleuchtet. Nicht um das eigene Gesicht ging es Rembrandt hier, sondern um das Hinsehen. Es ist – wie „Die Blendung Simsons“ – ein Augenbild.
Anmerkung des Einsenders:
Ich habe den Text für ein Referat benutzt, d.h. dass ich mich ab und zu so ausgedrück habe als ob ich zu den Zuhörern spreche. Das sind aba nur ein paar sätze, die man unter umständen auch leicht abändern kann.
Diskussion
Dein Kommentar
Was hältst du von dem Dokument Bildinterpretation (Rembrandt - Die Blendung Simsons)? Sag uns eines Meinung!
Kommentare
Tue, 11 Sep 2007 22:10:23 GMToh mein gott
von
LeoAsja
@#$% is des lang^^
um welche analysemethode handelt es sich da? du hast dich wie es scheint nur auf
die bildobjekte bezogen, aber nicht auf farb- formfunktion etc. ??