| Kategorie: | lektüre |
|---|---|
| Eingesendet: | 01.05.2007 |
| Wörter: | 5091 |
| Autor: | Spechtigirl91 |
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Interpretation "Saisonbeginn" Spechtshorn, den 22.02.07
Die Geschichte lebt beim ersten Lesen von der Spannung, die Langgässer erzeugt, indem sie die Inschrift des Schildes erst ganz am Ende der Geschichte enthüllt. Das Erzählte läuft auf diese Pointe zu. Erst rückblickend, am Ende der Geschichte und beim Wiederlesen wird deutlich, wann die Geschichte sich ereignet, und was hinter dem Geschehen steckt: Die Geschichte spielt in der Nazizeit und thematisiert die Judendiskriminierung. Langgässer verwendet die auktoriale Erzählhaltung: Der allwissende Erzähler kennt ein Geheimnis (die Aufschrift des Schildes) und verheimlicht es dem Leser bis zum Schluss.
Die auktoriale Perspektive wird auch an der Vorbereitung der Pointe deutlich: Langgässer schildert zu Beginn die Idylle des Frühlingstags in den Bergen. Dabei übertreibt sie jedoch wie die Fremdenverkehrswerbung: Die Wiesen stehen in "Saft und Kraft", die Trollblumen "platzen vor Glück", der Himmel strahlt in "unwahrscheinlichem Blau". Hier weckt die Autorin das Misstrauen des Lesers gegenüber der Idylle: Das alles ist zu perfekt, um wahr zu sein. Im Nachhinein erkennt der Leser, dass er durch das Fragwürdige an dieser Idylle auf die bittere Pointe vorbereitet wurde.
Abschreckendes Beispiel
Der Titel der Geschichte, "Saisonbeginn", stammt aus der Jägersprache und spielt auf den Beginn der Judendiskriminierung und -verfolgung an. Die drei Arbeiter stellen das Schild auf, damit ankommende jüdische Touristen gleich am Ortseingang umkehren. Vielleicht sehen die unerwünschten Besucher den gekreuzigten Jesus als abschreckendes Beispiel. Denn die Kreuzinschrift INRI bedeutet ja "Jesus aus Nazareth, König der Juden".
Die Bedeutung der Inschrift ist den Bewohnern des Dorfes jedoch nicht mehr klar. Sie haben verdrängt, dass Jesus Jude war. Dadurch, dass nun der gekreuzigte Jude Jesus und das Juden-unerwünscht-Schild nebeneinander stehen, werden die Kreuzigung und die Judenverfolgung in der Nazizeit in Parallelität gesetzt. Der Kurort in den Bergen ist ein modernes Golgatha, eine Hinrichtungsstätte: Beide Orte sind abgelegen, befinden sich auf einem Hügel. Ein Totenkopfschild weist zusätzlich auf die Parallele hin.
Die vergessene Botschaft
Die Geschichte zeigt den Widerspruch zwischen christlicher Botschaft und Judenverfolgung. Das Schild ist wie eine Verhöhnung des leidenden Jesus: Er wird zwar verehrt, aber seine Liebesbotschaft wird nicht verfolgt. Zu seinen Schmerzen am Kreuz kommt die Verhöhnung durch das Schild, auf das er sehen muss.
In der Reaktion der Dorfbewohner auf das Schild schildert Langgässer auch, die Reaktion vieler Deutscher auf die Judenverfolgung: Die meisten sind gleichgültig, bestenfalls verunsichert. Einige betätigen sich als Mordhelfer, nämlich die Kinder, die am leichtesten zu verführen sind: Sie betrachten es als Ehre mitzuhelfen. Die drei Arbeiter haben die gleiche Funktion wie die römischen Soldaten, die Jesus ans Kreuz nagelten. Sie führen einen Befehl aus - den der Kurverwaltung oder des Bürgermeisters - sind aber gleichzeitig offenbar zufrieden mit ihrer Aufgabe: Sie sind "Hitlers willige Vollstrecker".
"Saisonbeginn" enthält auch Hinweise auf eine Verbindung zwischen Geschäftsinteressen der Dorfbewohner und der Judendiskriminierung. Der Ort hofft auf "den Vorzug dieses Schildes und seiner Inschrift", hofft, dass die Juden fernbleiben und dafür umso mehr reiche, regimetreue Autobesitzer anreisen: "Das Geld würde anrollen."
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