"Die Leiden des jungen Werther" von J. W. von Goethe

Kategorie: lektüre
Eingesendet: 04.02.2008
Wörter: 10700
Autor: Muhu
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"Die Leiden des jungen Werther" von J. W. von Goethe

Im Folgenden werde ich den Brief vom 12. August 1771 aus dem Werk „Die Leiden des jungen Werther“ von J. W. von Goethe unter dem Aspekt von Werthers Selbstmord interpretieren.

Dabei gehe ich zunächst auf die unterschiedlichen Positionen der beiden Protagonisten ein. Des Weiteren werde ich mich mit der Frage beschäftigen, warum zwischen Werther und Albert keine Verständigung möglich ist. Darauf folgt die Einordnung des Briefes in den Kontext des Romans und die Erläuterung weiterer Textstellen, in denen sich Werthers Selbstmord ankündigt.

Der Brief vom 12. August 1771 beginnt damit, dass Werther sich Alberts Pistolen ausleihen will. Während Albert ihm von einem Unfall erzählt, bei dem einem Mädchen der Daumen abgeschossen wurde, hält sich Werther plötzlich die Pistole an den Kopf. Albert reagiert entsetzt und so kommt es zum Gespräch zwischen den beiden.
Auch bei diesem Brief muss man berücksichtigen, dass die Situation aus der sehr subjektiven Sicht Werthers beschrieben wird. Das zeigt sich z. B. daran, dass Alberts Einwände relativ kurz gehalten sind und hauptsächlich Werther das Wort führt. Er lässt viele Argumente Alberts aus („Albert [...] wandte noch einiges ein, und unter anderem...“) und tut sie als ‚unbedeutende Gemeinsprüche‘ ab (S. 55, Z.25-27).
Dennoch wird deutlich, dass Albert eine eher konventionelle Meinung vertritt, die konform mit den Ansichten der Gesellschaft und der Kirche des 18. Jh. geht. Für ihn ist Selbstmord, egal aus welchen Gründen, etwas Lasterhaftes (S.54, Z. 13-15). Seiner Meinung nach sind Menschen, die Selbstmord begehen nicht ganz zurechnungsfähig und nah am Wahnsinn. Er nennt Selbstmörder töricht und einfältig, da „ein Mensch von Verstande“ der ‚die Verhältnisse besser überschauen kann‘, so eine Tat nie begehen würde. Da Albert, Werther für einen vernünftigen Menschen hält, kann er dessen Verhalten weder entschuldigen noch begreifen ( S. 59, Z.7-9). Der Wahnsinnige jedoch kann für seine Tat nicht verantwortlich gemacht werden, denn dieser ist ja nicht bei klarem Verstand. Auch betont Albert, dass Selbstmord nicht mit einer großen Tat verwechselt werden darf, sondern ein Zeichen von Schwäche ist, denn es sei leichter zu sterben, als sich dem Leben zu stellen (Z. 20-24).

Alberts Argumentation gleicht stark der, der Kirche zu jener Zeit. Diese sah den Selbstmord als eine Todsünde an, die es zu verurteilen galt. Generell war man der Meinung dass nur ein Mensch der wahnsinnig war einen Selbstmord begehen konnte, allerdings nicht für die Tat verantwortlich gemacht werden konnte, da er im Affekt handelte.
Albert sieht den Selbstmord aus der Sicht der Aufklärung, für die er vor allem ein Zeichen von Schwäche war. Da die Aufklärung das Nützliche und Vernünftige im Menschen sah, konnte man damals den Selbstmord nicht entschuldigen. Er war etwas Destrukives, das sich noch dazu dem ‚Verstand‘ zu entziehen schien.
Albert sieht sich selbst auch als einen „Menschen von Verstande“ und kann bzw. will deshalb nicht verstehen wie jemand, eine in seinen Augen törichte Tat, vollbringen kann. Deswegen weigert er sich auch strikt Werther zuzustimmen. Er gibt eindeutig die Sicht der Gesellschaft und der Kirche wieder, an der sich Werther mit seiner Leidenschaft und seinem Freiheitsdrang aufreibt.

Das wird auch gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich, als Werther Albert vorwirft, er würde vorschnell über etwas urteilen, ohne die Gründe zu kennen. Generell stört Werther, dass Leute wie Albert alles bewerten und verurteilen müssen. Ihm ist wichtig sich in den Menschen hineinzufühlen, der ein Verbrechen begangen hat, was sicherlich etwas vollkommen Neues für die damalige Zeit war. Statt ein gesetzliches Urteil zu fällen, plädiert Werther sozusagen auf Mitleid für den Verbrecher. Dies ist typisch für Werther, der sich generell stark von seinen Gefühlen leiten lässt und sich gegen gesellschaftliche Zwänge, hier in Form von Gesetzen, auflehnt.
Als Albert von dem Wahnsinnigen spricht, der die Besinnungskraft verloren hat, fühlt Werther sich persönlich angegriffen, denn wie er selbst, in Zeile 5-8, S.55, sagt sind seine Leidenschaften nie weit vom Wahnsinn entfernt. Deswegen übt er auch so harte Kritik an den vernünftigen Leuten, die er als sehr überheblich darstellt und vergleicht sie spöttisch mit Pharisäern. Er verlangt sogar von den Weisen und Nüchternen sie sollen sich schämen (Z.16-17). Dass er sich ganz eindeutig von diesen nüchternen Menschen abgrenzen will, zeigt er, indem er sie, Albert eingeschlossen, mit ‚Ihr‘ anredet („Ihr sittlichen Menschen“; „Ihr vernünftigen Leute“; „Ihr steht so gelassen da“), denn nur so ist er in der Position sie anzuklagen und ihr Verhalten zu kritisieren. Werther ist stolz auf seine Leidenschaft, er ist der Meinung, dass Wahnsinn Außerordnentliches schafft, Verstand dagegen nur Mittelmäßiges. Als Albert Werthers Vortrag, damit unterbricht, er würde wieder alles überspannen und hätte mit dem Gesagten unrecht, kränkt das Werther zutiefst, denn er redet „aus ganzem Herzen“ (S.55, Z.25-28). Generell wird in diesem Brief sehr deutlich, dass Werther nicht wie Albert distanziert und allgemein spricht, sondern von seinem eigenen Schicksal. Indirekt geht es um seine Gefühle zu Lotte, an denen er zu Grunde geht (S.57, Z.7-8), denn er vergleicht sich mit dem unglücklichen Mädchen, dass sich aus Liebeskummer ertränkt (S.58, Z.12-23). Werther für den auch schon zu diesem Zeitpunkt Selbstmordgedanken nichts Neues sind, identifziert er sich mit der Figur des Selbstmörders. Deshalb versucht er Albert die Gefühle und Beweggründe eines Selbstmörders nahezubringen und den Selbstmord gewissermaßen zu verteidigen.
Sein Beispiel des unterdrückten Volkes, das sich gegen den Tyrannen auflehnt, kann man auch als Metapher für Werthers Schicksal sehen, der sich von den gesellschaftlichen Konventionen erdrückt fühlt und den Selbstmord als Befreiung sieht.
Werther betont außerdem, dass Selbstmord kein Zeichen von Schwäche sei, er vergleicht ihn eher mit einem „bösartigen Fieber“, von dem man nicht geheilt werden kann. Der Mensch könne nur einen gewissen Grad an Leid ertragen, bis er daran zugrunde ginge. Auch hier zeigt sich wieder deutlich, dass Werther von sich selbst spricht. Auch er leidet an seiner unglücklichen Liebe wie an einem Fieber von dem er nicht geheilt werden kann bzw. will. Genau wie das unglückliche Mädchen will er nicht hören, dass er warten soll bis sich seine Verzweiflung gelegt hat. Er nennt das auch eine „Krankheit zum Tode“, denn er weiß innerlich, dass sie für ihn mit dem Tod enden wird.

Eine Verständigung zwischen Werther und Albert ist vor allem deshalb nicht möglich, weil sie nicht auf der gleichen Ebene kommunizieren. Werther ist emotional involviert, denn er spricht von seinem persönlichen Schicksal. Albert, der nicht besonders feinfühlig ist, versteht nicht, dass Werther eigentlich über sich spricht und kann deshalb auch dessen Beispiele nicht nachvollziehen (S.56, Z.10-11). Er redet, wie er es immer tut, mit Vernunft und einer gewissen Distanziertheit. Das wiederum bringt Werther noch mehr in Rage (S.55, Z.25-28) und so geht keiner wirklich auf den anderen ein. Ein weiterer Grund für das Kommunikationsproblem der beiden ist, dass zwei völlig unterschiedliche Weltanschauungen aufeinanderprallen.
Werther als Freigeist vertritt die Ideale des Sturm und Drang, Albert dagegen mit seinem bürgerlichen Pflichtbewusstsein vekörpert die Grundsätze der Aufklärung. Eine Übereinstimmung ist bei diesen total gegensätzlichen Lebensentwürfen fast unmöglich, was in den doch deutlich spürbaren Spannungen während des Gesprächs zum Ausdruck kommt. Albert tadelt Werther für seine unmoralische Einstellung und schaut ein wenig auf ihn herab (S.55, Z.18). Werther wirft Albert seine Voreingenommenheit (S.54, Z.5-12) und seine Überheblichkeit (S.55, Z.1-5) gegenüber Menschen vor, die ihre Leidenschaften ausleben. Diese versteckten Anschuldigungen verhindern natürlich, dass es zu einem Gedankenaustausch kommt und ‚sie gehen auseinander ohne den anderen verstanden zu haben`.

Dem Brief vom 12. August 1771 geht unmittelbar die Ankunft von Albert voran. Dieser hat eine feste Anstellung bei Hofe bekommen und Werther wird klar, dass er bleiben wird und damit die unbeschwerte Zeit mit Lotte ein Ende hat (S.49, Z.24-26). Alberts Anwesenheit, lässt Werthers Leidenschaft in Melancholie umschlagen (S.50, Z.27-31), die letztendlich im Selbstmord enden wird. Auffällig hierbei ist, dass er schon im Brief vom 8. August von einem Unglücklichen schreibt, „dessen Leben unter einer schleichenden Krankheit langsam abstirbt“, was er später auch im Gespräch mit Albert beschreibt. Dies ist also der Beginn seiner ‚Krankheit zum Tode‘.
Doch Hinweise auf Werthers Selbstmordgedanken finden sich schon viel früher, z. B. im Brief vom 22. Mai 1771, wo er von der Sinnlosigkeit und Eingeschränktheit des menschlichen Daseins schreibt und dem ‚süßen Gefühl der Freiheit diesen Kerker zu verlassen wann er will‘(S.14, Z.2-4). Es ist also nicht nur Werthers unglückliche Liebe zu Lotte, die ihn in den Selbstmord treibt. Es ist auch das Leiden an seinem starken Selbstverwirklichungs- und Freiheitsdrang, den er nicht ausleben kann (S.11, Z.2-7).
Ein anderer Aspekt von Werthers Selbstmords ist der Wunsch von den Hinterbliebenen, insbesondere Lotte, betrauert zu werden, was sich im Brief vom 26. Oktober (S.102, Z.11-14) andeutet. Er stellt sich vor wie es wäre, wenn er sich umbringen würde, dass er eine Lücke in Lottes Leben reißen würde. Auf der einen Seite gefällt dieser Gedanke dem doch sehr egozentrischen Werther, auf der anderen Seite bemerkt er schnell die Vergänglichkeit des Menschen (Z.14-19) und verfällt wieder in Melancholie. Werther mit seiner sehr instabilen und sensiblen Persönlichkeit, ist generell besonders anfällig für depressive, selbstzerstörerische Gefühle, die er nicht kontrollieren kann und die ihn letztendlich zugrunde richten.
Einen weiteren Hinweis auf seinen Selbstmord findet man auch im Brief vom 16. März, nachdem er aus der Adelsgesellschaft verwiesen wurde. Diese harte Zurückweisung hat ihn so verletzt, dass er den Wunsch verspürt sich von all dem zu befreien, „sich zu Atem zu helfen“, sich sozusagen endgültig über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegzusetzen und sich die „ewige Freiheit“ zu verschaffen (S.85; Z.32-33).

Abschließend kann man sagen, dass Werther auch schon vor seiner unglücklichen Liebe zu Lotte eine gewisse Todessehnsucht fühlte. Das Scheitern an der Gesellschaft, sein unerfüllbarer Selbstverwirklichungsdrang und seine Leidenschaft, die sich schließlich gegen ihn selbst richtet führt letztendlich zur „Krankheit zum Tode“ und damit zum Suizid.

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Kommentare

  • unbekannt
    Tue, 10 Jan 2012 22:08:41 GMT Ein Lob ;-) von Leser 1 (Gast)

    DANKE DAFÜR !

  • unbekannt
    Tue, 15 Nov 2011 22:42:02 GMT Danke von (Gast)

    Hilft mir jedenfalls sehr weiter. Danke

  • CrazyHeartz
    Thu, 17 Feb 2011 16:38:05 GMT ausführlich!!! von CrazyHeartz

    Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wofür du diesen text hier überhaupt
    reinstellst... aber ja, du hast "die leiden" wirklich gut und ausführlich
    beschrieben!!

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