Ich heiße Michael Berg und bin 1943 im Juli geboren. Meine Familie stammt aus dem gehobenen Bürgertum. Mein Vater ist Professor für Philosophie. Und jetzt ein kleines Rechenrätsel: Als ich 16 war, war meine Mutter 46 Jahre alt. Außerdem habe ich vier Geschwister, eine jüngere Schwester, eine ältere Schwester, die Germanistik studierte und drei ältere Brüder. Oster 1949 wurde ich endlich mit 6 Jahren eingeschult. Ich freute mich riesig, wer würde das nicht? Wie es bei jedem Kind nun mal ist, wurde ich älter und ich kam in die Pubertät. Mit 15 Jahren lernte ich Hanna kennen und wir begannen eine aufregende, aber auch für mich schmerzhafte Affäre. Dank Hanna schaffte ich es 1959 in die Obersekunda, also die 11. Klasse. 1962 erhielt ich mein Abitur. Ich entschloss mich im selben Jahr noch Rechtswissenschaft in Heidelberg zu studieren. Einen wirklichen Berufswunsch hatte ich nie, so schlug ich diesen Weg ein. Wir lernten nicht nur Theorie, sondern sollten diese auch praktisch anwenden. Ende Juni im Jahre 1966 beobachtete ich Prozesse gegen ehemalige Nationalsozialisten welche aktiv an Ermordungen und Aufbau des Nazi-Deutschlands teilgenommen hatten. Und so beobachtete ich auch den Prozess gegen Hanna, die früher Aufseherin im KZ war. Ich setzte mich sehr mit dieser Zeit auseinander. So richtig fassen konnte ich sie nie. Auch, dass ich zweimal in KZs fuhr, das erste Mal war ich 1966 beim KZ Struthof-Natzweiler im Elsaß, ließ meine Vorstellungskraft nicht sonderlich wachsen. Im selben Jahr im Sommer zog ich mit 23 aus meinem Elternhaus aus. Es folgte ein Skiurlaub in Österreich und ein halbes Jahr später hatte ich mein Studium endlich abgeschlossen und begann mit dem Referendariat. 1968 ging ich meine erste feste Bindung ein, die jedoch nur 5 Jahre hielt und somit 1974 die Scheidung folgte. Sie hieß Gertrud und sie war ebenfalls Studentin und wurde Richterin. Wir bekamen unsere Tochter Julia, bei der Scheidung war sie 5 Jahre alt. 1969 wurde ich Rechtsgeschichtler an der Uni und später an einer Forschungseinrichtung. 1974 bis 1984 sprach ich Hanna alle paar Wochen oder Monate Bücher auf Kassetten und schickte ihr diese. Ich hörte damit auf, als sie 1984 entlassen werden sollte. Ich wurde aufgesucht und gefragt, ob ich mich nicht nach der Entlassung um Hanna kümmern könnte, da ich ihre einzige Kontaktperson war. Zuerst hatte ich ein merkwürdiges Gefühl bei der Sache, aber natürlich nahm ich an, schließlich fühlte ich mich für Hanna verantwortlich. Ich suchte ihr eine Wohnung und einen Job. Im Sommer 1984 traf ich sie das erste Mal nach 18 Jahren wieder. Es war nichts Besonderes. Als Hanna sich erhängte, erfüllte ich ihr ihren letzten Wunsch und trat eine Reise nach Boston und New York an und überbrachte dort Hannas Nachricht an die letzte Überlebende, für die Hanna früher verantwortlich war. 1995 versuchte ich meine Geschichte mit Hanna aufzuschreiben.
Heute, 1995, stelle ich mir viele Fragen. Ich frage mich, wieso Hanna Selbstmord begonnen hat, ob ich schuld an ihren Tod bin und was damals sonst noch alles schief gelaufen ist. Es kann sein, dass ich keine Antworten finden werde, wie sehr ich auch über die Vergangenheit nachdenke. Aber versuchen muss ich es, sonst könnten diese Fragen mich bis an mein Lebensende verfolgen.
Als ich 15 war fing alles an. Ich lernte Hanna kennen, indem ich vor ihre Tür kotze. Das hatte nicht den Grund eines zuvor langen Abends, denn Alkohol durfte ich sowieso nicht trinken, da ich Gelbsucht hatte. Die Gelbsucht war der Grund für diese peinliche und erniedrigende Situation. Ich befand mich außerdem mitten in der Pubertät. Hanna war die Erste, die in mir sexuelles Verlangen entfachte. Ihre Haltung und Bewegungen waren es, die mich in den Bann zogen. Mein Verlangen stand anfangs in Kontrast zu meinen anerzogenen moralischen Werten. Ich versuchte, mein Verlangen logisch herzuleiten und zu rechtfertigen. Ich wollte mich durch Rationalisierung von allen Gefühlen entfernen. In der Beziehung zu Hanna war ich körperlich stets unterlegen und Hanna die dominante Handelnde. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste ist, dass ich ihr geistig, was das Lesen und Schreiben betrifft, überlegen war. Wenn ich mit Hanna Streit hatte, war ich immer derjenige, der die Schuld auf sich lud und seinen Standpunkt wechselte. Ich war Hanna sexuell hörig und gefährdete meine autonome Existenz. Durch die immer währende Betäubung (Abwehrmechanismus des Ichs) konnte ich meine Konflikte mit Hanna nie austragen. Der Standpunkt, dass ich Hanna nicht verlieren konnte und wollte, war immer der Selbe. So neigte ich dazu, mich ihr anzupassen und unterzuordnen. Ich fühlte mich jedoch teilweise wirklich schuldig, was aber auch an meiner extremen Selbstkritik liegen könnte. Meine Familie spielte für mich keine sehr große Rolle, teilweise deswegen, weil ich durch Hanna und durch das Erwachsenwerden selbstständiger wurde. Mein Vater hielt uns Kinder immerzu auf körperlicher und emotionaler Distanz. Wenn ich mit ihm reden wollte, musste ich mir einen Termin holen. In ihm fand ich keinen Gesprächspartner. Meine Mutter war zwar immer liebeswürdig, aber auch mit ihr konnte ich nicht reden. Zu meinen Geschwistern hielt ich mich immer auf Distanz und zwischen uns herrschte Rivalität. In Hanna fand ich einen Menschen, der mir alles gab, was mir zuvor fehlte. Durch sie fühlte ich mich sicher, ich fühlte mich wohl in meinem Körper, in der Schule hatte ich Erfolg und ich wurde von den Lehrern respektiert. Umso schlimmer wurde es um mich, als sie mich ohne ein Wort verließ. Ich schwamm und ertrank letztendlich in Schuldgefühlen, weil ich vermutete, dass sie gegangen war, weil ich sie gegenüber meinen Freunden verraten hatte. (Ich hatte unter den Schwierigkeiten in unserer Beziehung sehr gelitten und wendete mich zusehend von ihr ab. Meinen Freunden erzählte ich nichts von Hanna. Ich weiß selbst nicht wieso, peinlich war sie mir nicht.) Eine Folge von Hannas Verschwinden war auch, dass ich den Kontakt zu meinen Mitmenschen vermied. Ich zog mich von meinen Freunden und meiner Familie zurück, weil ich unter der Angst litt, erneut verletzt zu werden. Schon so viel hatte Hanna mir angetan. Einerseits war ich in manchen Situationen sehr kalt und zeigte Desinteresse, andererseits war ich oft auch sehr empfindlich und sensibel. Ich entwickelte von Zeit zu Zeit einen Abwehrmechanismus, der vorerst auch wirkte. Ich sah Hanna im Gerichtssaal wieder und ich fühlte nichts. Innerlich war da nur noch Leere. Ich hatte sie aus meinem Leben verdrängt, jedoch erschütterte das Wiedersehen diese Verdrängung. So richtig konnte ich mich keinem Menschen mehr öffnen. Es wurde zwar immer besser und ich ging die Beziehung zu Gertrud ein, jedoch trennten wir uns bereits nach 5 Jahren Ehe. Ich fühlte, dass etwas nicht stimmte. Immerzu verglich ich Gertrud mit Hanna und ich stellte fest, dass es nicht so war, wie es sein sollte. Hanna verfolgte mich sogar in der Beziehung zu Gertrud, denn ich ließ Gertrud Sachen tun, die mich an Hanna erinnerten. Es war auch immer so, dass es die Frauen wenig interessierte, was ich in der Vergangenheit getan hatte. Es wäre eine Chance gewesen, die Vergangenheit zu verarbeiten. Seit ich die schwache Seite an Hanna im Gerichtsaal kannte, fühlte ich mich für sie verantwortlich, aber eine Beziehung konnte und wollte ich nicht mehr zu ihr eingehen. Zu gern hätte ich ihr geholfen, jedoch war dies moralisch nicht vertretbar, da ich sie erneut verraten hätte. Ich ergriff Partei für Hanna und ich spürte meine emotionale Anteilnahme, die ich so nicht wollte und die nicht vorgesehen war. Ich griff nicht in den Prozess ein. Es war nicht schlimm für mich, es erleichterte mich sogar, mich nicht mit diesem Thema auseinander setzen zu müssen. Ich war verwirrt und ich konnte Hannas Bild nicht eindeutig fassen. Die Bilder vermischten sich alle. Ich wollte verstehen, aber dann konnte ich nicht genüge verurteilen und wenn ich verurteilte, konnte ich nicht verstehen. Um diese Mauer zu überwinden, hätte ich wieder fühlen müssen. Auch die innerliche Betäubtheit hinderte mich. Ich redete erst nachdem Hanna 18 Jahre in Haft war wieder mit ihr. Ich fand den Mut zuvor nicht. Zuerst schickte ich ihr alle paar Wochen Kassetten, auf denen Aufnahmen vom Vorlesen waren. Dies war die einzige Verbindung zwischen uns und es war auch eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit ihr, die aber nicht zu Erfolgen führten. Aus Schuldgefühlen und weil ich mich für Hanna verantwortlich fühlte, suchte ich ihr eine Wohnung und einen Job. Auch aus Schuldgefühlen erfüllte ich ihr ihren letzen Wunsch und spendete ihr Geld an ein Institut für Analphabetismus.
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Kommentare
unbekannt
Mon, 21 May 2012 15:08:38 GMTMein Kommentar:
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Christian (Gast)
QUATSCH!!!! No go!!
gut das eine schwester + eine schwester + drei brüder fünf ergibt...?
sind es jetzt 4 oder 5 ?