Ich heiße Hanna Schmitz und wurde im Oktober 1922 in Hermannstadt geboren. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in Siebenbürgen. Ich wurde zwar unterrichtet und wurde gebildet, aber lesen und schreiben brachte mir niemand bei. Bereist mit 17 Jahren zog ich nach Berlin. Das war 1939. Ein Jahr später arbeitete ich bei Siemens. Durch gute Arbeit sollte ich befördert werden. Für diesen Job war es aber von Nöten lesen und schreiben zu können. Ich hätte diese Arbeit so gern angenommen, aber mein Analphabetismus hinderte mich, so trat ich im Herbst 1943 in die SS ein und wurde 1944 Aufseherin in Auschwitz. Die Menschen taten mir sehr Leid, besonders die Kinder. Ich wollte helfen und nahm die Schwachen und Kranken zu mir, weil diese nicht mehr gut arbeiten konnten und das bedeutete, dass sie schon bald in den Transport mussten. Das einzige, was ich verlangte (verlangte ich es überhaupt?) war, dass die Mädchen mir vorlesen sollten. Dafür versorgte ich sie und versuchte für sie, den letzten Monat erträglich zu machen. Zur Zeit des Kriegsendes, im Mai 1945, hielt ich mich in Kassel auf. Als der Krieg endlich zu Ende war, war ich immer an verschiedenen Orten und übte unterschiedliche Arbeiten aus. Ich konnte nie lange an einem Ort verweilen. Ich wusste nicht, dass ich nicht vor der Stadt, dem Ort selbst, weglief, sondern vor mir selbst und meiner Schwäche, Analphabetin zu sein. Wenn mich die Realität wieder einholte, und das geschah relativ schnell, zog ich wieder um. Ich zog 1959 nach Heidelberg und ich hielt es dort 9 Jahre aus. In Heidelberg arbeitete ich als Straßenbahnschaffnerin. Eine wirklich langweilige Arbeit, die nur aus Routine bestand. Aber was sollte ich anderes tun?
Im Frühjahr/Sommer 1959 hatte ich die Affäre mit Michael. Ich fand ihn sich übergebend auf dem Gehweg. Er sah so hilflos aus. Ich half ihm und fühlte mich gut dabei. Diesmal war ich nicht die Schwächere. In unserer Affäre war ich oft diejenige, die den Ablauf bestimmte. Anfangs bestimmte ich, wie wir uns liebten und später auch wann wir uns liebten. Endlich konnte ich selbst über etwas entscheiden und es wurde nicht über mich entschieden. Ich fühlte mich stark. Die Routine in unseren Treffen sollte erreichen, dass dies auch so blieb. Doch dann wollte Michael aus dieser Routine ausbrechen. Wir machten eine Fahrradtour. Ich überließ ihm das Lesen von Schildern und das Aussuchen von Gasthöfen. Er verstand es nicht, aber er tat es gern. In diesen Moment fühlte ich mich zwar nicht schwach, aber es war mir unangenehm. Eines Morgens war ich alles andere als stark. Ich fühlte mich klein und schwach wie ein Wurm. Michael hinterließ mir eine Nachricht, die ich nicht verstehen konnte. Ich war traurig und wütend auf ihn, weil er mich in diese Situation gebracht hatte. Vor lauter Wut schlug ich ihn mit dem Gürtel. Es war nicht wirklich gegen ihn gerichtet, sondern gegen meine Schwäche. Ich wollte ihn gar nicht schlagen, aber die Verzweiflung war so groß wie lange nicht mehr. Dieser eine Zettel zeigte mir die nackte Realität. Zwar war Michael bei mir und ich war nicht allein, aber ich war einsam, sowie es mein ganzes Leben lang war.
Oft, nachdem wir uns geliebt hatten, stellte Michael mir komische Fragen über meine Vergangenheit. Ich wollte ihm nichts erzählen. Die Angst war zu groß, dass ich mich an alles erinnerte oder dass Michael mein Geheimnis herausfinden könnte. Ich wich ihm immer aus, indem ich ihn als kleines „Jüngchen“ abstempelte und ihn als klein und dumm abtat. Mit der Zeit merkte ich, dass er sich immer weiter von mir abwendete. Die Macht über ihn glitt mir aus den Händen. Er hatte an Selbstbewusstsein dazu gewonnen.
Unsere Affäre endete jedoch abrupt, da ich ein neues Jobangebot hatte, wofür ich aber nicht qualifiziert war. Ich musste wieder einmal vor mir selbst flüchten und verließ Heidelberg, die Heimatstadt von Michael Anfang August im Jahre 1959. Die Frage ist, was Michael gefühlt und gedacht hat, dass ich ihn einfach verlasse. Er konnte ja nichts dafür, aber das wusste er nicht. Ich bin nicht wegen ihm gegangen. Meine Blockade hinderte mich auch daran, ihm die Wahrheit zu sagen.
Im Frühjahr saß ich auf der Anklagebank im Gericht. Ich war Angeklagte in einem Prozess wegen meines NS-Verbrechens.
Das Leben in der Gesellschaft war mir ohnehin fremd. An die gesellschaftlichen Normen und an die Moral hielt ich mich nie. Ich kannte die Regeln des Gerichts nicht. Ich wusste nicht, wie ich mich zu verhalten hatte und wie ich mich aus der hohen Bestrafung befreien sollte, ohne zuzugeben Analphabetin zu sein. Alles fängt doch mit dem Stolz an. Man hat eine Schwäche und will diese nicht zugeben. Damit die Schwäche nicht auffliegt, muss man sie vertuschen. Man verstrickt sich leicht in Missverständnisse, Hilflosigkeit und Unmündigkeit. Trotz alle dem versuchte ich stark zu wirken, was vielleicht als Hochmütigkeit aufgenommen wurde. Ich war angespannt, innerlich und körperlich, da ich nicht wusste, was mich erwartete.
Michael sah mich an. Ich fühlte seinen Blick in meinem Nacken. Als ich mich einmal umdrehte, sah ich seinen Gesichtsausdruck. Gleichgültigkeit spiegelte sich wieder. Mein Blick zeigte das Selbe. Ich fragte mich, ob er weiß, dass ich Analphabetin war. Und ich fragte mich, ob er mir helfen würde. Nicht, dass ich es wollte, dazu war ich viel zu stolz.
Im Gerichtssaal wurde alles so gedreht, wie es gebraucht wurde. Ich wurde manipuliert, indem mir gezielte Fragen gestellt wurden. Von den anderen angeklagten ehemaligen Aufseherinnen fühlte ich mich verraten. Sie logen, dass sich die Balken biegen. Und ich, die immer die Wahrheit über den Ablauf der Bombennacht sagte, wurde hart bestraft. Es war jedoch immer noch meine eigene Schuld. Jetzt weiß ich, wie ich mir hätte helfen können. Im Nachhinein verstehe ich selbst kaum noch, dass ich meine Schwäche nicht preisgegeben hab. Der Preis dafür war meine Freiheit.
Ich wurde für das was ich getan hatte zur Rechenschaft gezogen und erhielt die lebenslange Freiheitsstrafe. Aber was macht das schon, wenn man innerlich nie frei war, dann tut das auch nichts mehr zur Sache. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Der Richter, der Staatsanwalt und alle anderen außer den ehemaligen Aufseherinnen waren bei den Geschehnissen nicht dabei. Sie konnte die Stimmung, die Situationen nicht nachvollziehen. Wie auch? Ich spürte, dass über ihnen eine Betäubung lag, je mehr sie sich mit der NS-Zeit beschäftigten. Nicht das Urteil der Opfer, sondern das des Gerichts zählte und so kam ich 1966 für 18 Jahre ins Gefängnis. Michael schickte mir ab und zu Kassetten, auf die er Aufnahmen von Büchern spielte. Ich war ihm sehr dankbar. Mit Hilfe der Kassetten lernte ich schließlich lesen und später auch schreiben. Es kostete mich viel Kraft und Mut. Um Michael zu zeigen, wie weit ich es allein geschafft hatte, schreib ich ihm immer kleine Briefchen. Was zurückkam, war aber immer nur eine weiter Kassette. Ich hab mir von ganzem Herzen gewünscht, dass er mir etwas Persönliches zurück schreibt. Solange ich auch wartete, der Fall traf nie ein.
Im Sommer 1984 erhängte ich mich, weil das Leben nichts mehr für mich übrig hatte. Was hatte ich noch, wofür es sich zu leben lohnte? Ich saß meine Schuld im Gefängnis ab, aber den Opfern brachte dies nichts. Ich saß 18 Jahre lang eine Strafe, die mir von den Falschen aufgebrummt wurde, ab. Mit Hilfe von Michaels Kassetten konnte ich das Lesen lernen. So las ich einige Bücher über KZs. Erst jetzt wusste ich bewusst, wo ich gearbeitet hatte und was ich tat. Die Schuldgefühle und das Mitgefühl übermannten mich, sodass ich wenigstens dem letzten Opfer mit Geld ein schöneres Leben bereiten wollte. Mein Leben war verlebt. Wo sollte ich hin? Ich hatte keine Familie und keine Freund. Keine Stadt, in der ich mich zu Hause fühlte. Meinen größten Wunsch hatte ich mir erfüllt.
Diskussion
Dein Kommentar
Was hältst du von dem Dokument Der Vorleser - Hanna Schmitz Rollenbiografie? Sag uns eines Meinung!
Kommentare
unbekannt
Mon, 12 Mar 2012 12:09:02 GMTnomnomnom
von
Shyundrak (Gast)
Sehr gut :p
echt gut
echt gut