Der Vorleser - Fiktives Interview mit Hanna und Michael

Kategorie: lektüre
Eingesendet: 16.07.2008
Wörter: 6416
Autor: try
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Der Vorleser - Fiktives Interview mit Hanna und Michael

Fragen an Hanna

Wie kamen deiner Meinung die Konflikte zwischen dir und Michael zu Stande?

Antwort: Das Hauptproblem war, dass ich mich ihm gegenüber nicht öffnen könnte. Hätte ich zugegeben, dass ich nicht lesen und schreiben konnte, wer weiß, vielleicht wären die drei größten Konflikte nicht entstanden. Als wir eine Fahrradtour machten, übernachteten wir in einem Gasthof. Als ich morgens aufwachte, war ich alleine und ich fand diesen Zettel. Ich konnte das Geschriebene nicht lesen. Die Situation ist für mich alltäglich, aber diesmal war niemand da, der mir helfen konnte und ich war mit meinem Problem allein. Dass ich damit allein war, das ist nichts Neues. Schließlich habe ich niemanden von meiner Schwäche erzählt. Der Unterschied liegt darin, dass ich mit meinen Gedanken alleine war und mir das, was ich nicht kann, bewusst wurde. Ich hab mir sogar vorgestellt, dass auf deinem Zettel steht, dass Michael mich verlässt. Ich konnte ein paar einfache Wörter nicht lesen. Es machte mich fertig. Wie immer versuchte ich meine Schwäche zu vertuschen und ließ den Zettel verschwinden. So konnte ich so oder so nicht wissen, was geschrieben war. Dann machte ich Michael an, wo er doch gewesen war und wieso er nichts gesagt hatte. Die Tarnung war perfekt. Das Problem war nur, dass Michael nicht wusste, dass ich den Zettel verschwinden ließ. Der andere Konflikt war in der Bahn. Wie fast jeden Tag verübte ich meinen langweiligen Job, weil ich nichts anderes konnte. Es war eine Demütigung, die ich mir selbst auferlegte. Dann kam Michael. Aber anscheinend war ich ihm peinlich. Jedenfalls bekannte er sich nicht zu mir und stieg in den anderen Wagen ein. Durch diese Entscheidung wuchs die Einsamkeit immens. Woher sollte ich wissen, dass er zu mir wollte und nur darauf wartete, dass ich ihn anspreche, verliebte Blicke austausche? Wir spürten zum selben Zeitpunkt die Ablehnung des anderen, die nur Einbildung war und wie erwähnt aus einem Missverständnis entstand.

Wieso hast du deinen Analphabetismus nicht zugegeben?

Antwort: Ich weiß worauf diese Frage hinaus läuft. Er wäre ja so viel einfacher im Leben gewesen. Ich wäre nicht zur SS gegangen, hätte weniger Probleme im Alltag und keine Konflikte mit Michael gehabt, ich hätte mich verstanden gefühlt und ich wäre nicht so einsam gewesen. Wenn man es von außen betrachtet, sieht alles so klar und einfach aus. Doch haben Sie mal Erfahrung mit so etwas gemacht? Alles fängt doch mit dem Stolz an. Man hat eine Schwäche und will diese nicht zugeben. Damit die Schwäche nicht auffliegt, muss man sie vertuschen. Man verstrickt sich leicht in Missverständnisse, Hilflosigkeit und Unmündigkeit. Oder man will sich diese Schwäche selbst nicht eingestehen, dann läuft man vor sich weg und ist mit sich nicht im Reinen. Ich bin immer wieder umgezogen, doch die Vergangenheit oder eher gesagt, die brutale Gegenwart hat mich überrannt. Der einfache Satz „Ich kann nicht lesen und schreiben.“ ist zwar nur ein Satz, aber diesen auszusprechen ist eine schwere Hürde. Ich weiß grad nicht, was mich mehr Energie gekostet hätte, den Analphabetismus zuzugeben oder zu versuchen damit zu leben. Irgendwann wurde es mir doch zu viel. Die Menschen (ver-)urteilten über mich, dabei wussten sie nicht mal, wer ich bin und was mich wozu gebracht hat. Ich war am Schluss doch stärker als alle dachten. Ich befreite mich selbstständig aus der Unmündigkeit. Es war ein Schritt zur Aufklärung.

Warum bist du bei deiner Urteilsverkündung in SS Uniform erschienen?

Antwort: Vorneweg muss ich sagen, dass ich nicht provozieren wollte. Über mich wurde geurteilt, obwohl niemand auch nur ein wahres Bild von dem, was passiert war, vor Augen hatte. Ich trug diese Uniform, mehr tat ich doch nicht. Ich konnte nichts anderes tun. Sah ich wirklich aus wie ein Monster? Konnten sie sich wirklich vorstellen, dass ich alles plante, gezielt ausführte? Ein letztes Mal trug ich diese Uniform. Dann wollte ich sie nie wieder tragen. Es war ein Abschied aus meinem alten Leben.

Was waren die Gründe dafür, dass du Selbstmord begangen hast?

Was hatte ich noch, wofür es sich zu leben lohnte? Ich saß meine Schuld im Gefängnis ab, aber den Opfern brachte dies nichts. Ich saß 18 Jahre lang eine Strafe, die mir von den Falschen aufgebrummt wurde, ab. Mit Hilfe von Michaels Kassetten konnte ich das Lesen lernen. So las ich einige Bücher über KZs. Erst jetzt wusste ich bewusst, wo ich gearbeitet hatte und was ich tat. Die Schuldgefühle und das Mitgefühl übermannten mich, sodass ich wenigstens dem letzten Opfer mit Geld ein schöneres Leben bereiten wollte. Mein Leben war verlebt. Wo sollte ich hin? Ich hatte keine Familie und keine Freund. Keine Stadt, in der ich mich zu Hause fühlte. Meinen größten Wunsch hatte ich mir erfüllt.

Fragen an Michael

Wieso hast du vor Hanna immer kapituliert und dich entschuldigt, ob du etwas dafür konntest oder nicht?

Antwort: Ich hatte Angst, dass aus einem kleinen Streit ein großer Streit werden könnte. Ich wollte sie nicht verlieren. Es war ohnehin nicht möglich die Missverständnisse zu klären, so bauten sich, wie ich später herausfand, alle Probleme auf ihren Analphabetismus auf. Ich hatte es nie getestet, aber ich glaube, dass Hanna sich niemals bei mir entschuldigt hätte und einen Fehler zugeben würde. Hätte ich die Schuld nicht auf mich genommen, hätte es niemand getan. Vielleicht wären wir im Streit auseinander gegangen. Ich hatte schon Angst vor ihrem gefühlslosen Gesicht und ihrer ablehnenden Art, wenn wir uns stritten. Bereits hier geriet ich in Verzweiflung und in Folge dieser nahm ich alles auf mich. Es sollte nur aufhören und alles wieder schön sein.

Welches Gefühl gab dir Hanna? Was fehlte dir?

Antwort: Sie gab mir Stolz und Sicherheit. Ich war stolz, dass ich mit einer so viel älteren Frau schlief. Ich bekam von ihr Anerkennung und dadurch Sicherheit. Dadurch, dass es mir privat besser ging, schaffte ich die Klasse und musste nicht wiederholen. Sie brachte mir Erfolg. Durch diesen Erfolg erhielt ich Respekt von den Lehrern und mehr Freiraum in meinem Handeln von meinen Eltern. Ich fühlte mich wohl. Wohl in meiner Haut und in meinem Körper. Ich gewann Freunde, war durch meine lockere Art bei den Mädchen beliebt. Doch als Hanna einfach spurlos verschwand, ohne ein Wort, brach das Kartehaus zusammen und ich fühlte mich Anfangs sehr einsam.

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