Der Vorleser - Analyse I Teil, I Kapitel

Kategorie: lektüre
Eingesendet: 16.07.2008
Wörter: 10349
Autor: try
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Der Vorleser - Analyse I Teil, I Kapitel

In der folgenden Analyse werde ich mich mit dem 1. Kapitel des Romans „Der Vorleser“, welcher von Bernhard Schlink im Jahre 1995 über die 50er Jahre geschrieben wurde und sich thematisch mit der Nationalsozialistischen Zeit befasst, auseinandersetzen. Der Roman ist in drei inhaltlich trennbare Teile gegliedert. Der I Teil beschreibt Michaels Affäre mit Hanna und deren Beziehung. Der II Teil wirft Schatten auf Hannas Vergangenheit als KZ-Aufseherin in Auschwitz, bringt jedoch Licht in der Aufdeckung von Hannas Analphabetismus. Im III Teil diskutiert Michael die Schuldfrage und setzte sich mit der Nationalsozialistischen Vergangenheit kritisch auseinander.
Der Untersuchungsschwerpunkt des 1. Kapitels liegt auf der Analyse des Inhalts und der sprachlichen und formellen Besonderheiten und der Erzähltechnik. Anschließend werde ich das 1. Kapitel nach zentraler thematischer Bedeutung in den Gesamtzusammenhang des Werkes einordnen.
Im 1. Kapitel, I Teil beschreibt Michael den Lauf seiner Krankheit, der Gelbsucht, was diese in ihm auslöste und die erste Begegnung mit Hanna Schmitz.
Die Krankheit beginnt im Herbst 1958. Michael wird immer schwächer. An einem Montag im Oktober 1958 geht Michael von der Schule über die Bahnhofstraße Richtung Zuhause. Dort erbricht er sich auf dem Gehweg. Eine unbekannte Frau kommt Michael zur Hilfe. Durch seine Scham findet Michael sich weinend in den Armen der Frau wieder. Einen Tag später diagnostisiert ein Arzt Gelbsucht. Michael nimmt sich vor, sich irgendwann bei der fremden Frau zu bedanken.
Im ersten Abschnitt (S. 5, Z. 1-8) wird der Verlauf der Krankheit beschrieben. Hier erhält der Leser einen kurzen Überblick und Informationen. Der Kapitelanfangssatz „Als ich fünfzehn war, hatte ich Gelbsucht.“ wirft den Leser unvorbereitet in die Geschichte und in das Leben des Protagonisten Michael Berg. Einerseits ist dieser Anfangssatz eine Zusammenfassung des ersten Kapitels, andererseits weiß der Leser dies jedoch noch nicht und stellt sich Fragen, wie z.B. „Wer hatte Gelbsucht?“ und „Wieso hatte die Person Gelbsucht?“. Der Erzählstil ist im gesamten ersten Abschnitt sachlich, fast nüchtern und distanziert, wobei man mehr Gefühle bei den Beschreibungen seiner Krankheit erwarten würde. Dies erweckt das Interesse des Lesers. Man kann auch vermuten, dass das Alter 15 bereits länger zurück liegt und der Ich-Erzähler ein erzählendes Ich ist. Dies macht sich an der Konjunktion „Als“ (Z.1) bemerkbar, da diese typisch für Erzählungen ist. Da der erste Abschnitt eine Übersicht ist, sind die Sätze kurz und ohne Verbindung zum Nächsten, was eine Zeitraffende Wirkung erzielt. Auffällig ist, dass zwischen der Krankheit und den Jahreszeiten eine Verbindung hergestellt wird. Je kälter die Jahreszeit ist, desto schlechter geht es Michael und ist es wärmer, so geht es ihm wieder besser. Die Antithese soll die Genesung Michaels betonen. Und schließlich hört Michael eine Amsel singen. Amseln sind bekannt für ihren schönen Gesang und sind eine der ersten Vogelarten, die im Frühling singen. Der Sommer und damit Michaels Genesung steht an.
War der erste Abschnitt eine Übersicht, folgt ein vorausblickender und gleichzeitig ein zurückblickender zweiter Sinnabschnitt (S. 5, Z. 9-13). Der Blick auf etwas Zusammenhangloses verwirrt den Leser anfänglich. Die Reaktion der Leser spiegelt sich in Fragen wieder „Wieso hat „er“ sich übergeben?“, „Welcher erste Weg ist gemeint?“ und vor allem „Wieso führte ausgerechnet „sein“ erster Weg in diese Straße zurück?“. Man erhält weitere Informationen über dem Ich-Erzähler (Z.9-11 „… in der wir im zweiten Stock eines um die Jahrhundertwende gebauten, wuchtigen Haus wohnten…“). Wer hier indirekt erwähnt wird, ist Hanna Schmitz. Diese Assoziation ist weit her geholt, jedoch ergibt es Sinn, wenn man bedenkt, dass Hannas Beruf Schaffnerin ist und sie in der Bahnhofstraße wohnt. Man kann auch einen Vergleich zwischen dem Ort Bahnhof und dem Charakter Hannas ziehen. Am Bahnhof herrscht Hektik, Menschen laufen und beeilen sich. Hanna ist ihr Leben lang auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit und immer in Bewegung.
Berichtet wird, dass sich der Ich-Erzähler sich in der Bahnhofsstraße übergeben hat, jedoch wird der Faden nicht weiter aufgegriffen und das Thema reißt ab. Gerade die Sachlichkeit mit der erzählt wird, weckt Interesse, rüttelt auf und schockiert womöglich, da das Übergeben als alltäglich dargestellt wird. Hier wird zurückblickend erzählt. Das Mittelstück zwischen dem rückblickenden und vorausblickenden Teil fehlt vollkommen. Der Leser steht wiederum vor Fragen und hat den Anreiz weiter zu lesen.
Und schon wieder wird der Leser im dritten Sinnabschnitt (S. 5-6 Z. 14-8) in eine neue Situation gebracht. Hier wird das Leiden Michaels detailliert und ausführlich beschrieben. Die Zeit wird gedehnt, somit erhält der Ich-Erzähler die Gelegenheit, das erste Mal über seine Gefühle und was die Krankheit in ihm auslöst zu sprechen. Das erzählende Ich aus dem zweiten Sinnabschnitt wird zu einem erlebenden Ich. Langsam fügt sich das erste Puzzle zusammen. Das Thema, die Scham, welches sich durch den gesamten Roman zieht und eine wichtige Rolle spielt, wird hier das erste Mal empfunden. Dies ist auch das erste Gefühl, welches in dem Roman beschrieben wird. Die Scham sich übergeben zu haben ist die Verbindung zu der später besprochenen Scham, Vorfahren zu haben, welche auf der Anklagebank wegen Nazi-Verbrechens sitzen. Schwäche ist ein weiteres Thema des Romans. Einerseits bei Hanna, die die Schwäche hat, nicht lesen und schreiben zu können, andererseits auch bei Michael, der körperlich schwach ist. Der Vorgang des Übergebens wird sehr detailliert geschildert, weil es eine große Bedeutung für den Verlauf des Romans hat. Auch ist dies ein Symbol dafür, dass Michael erwachsen wird. Das Alte geht raus und das Neue kommt. Der Leser könnte geschockt sein, da er diese Beschreibung sicherlich nicht erwartet hat, weil zuvor alles kurz und grob erwähnt wurde.
Im nächsten Sinnabschnitt (S. 6, Z. 9-S. 7, Z. 9) erscheint die zweite Hauptfigur Hanna Schmitz. Sie wird hier nicht bei ihrem Namen genannt und handelt als fremde, unbekannte Frau. Doch nicht nur im ersten Kapitel bleibt Hanna anonym, sondern auch in Verlauf des Romans. Michael erfährt ihren Namen erst nach mehreren Treffen und die Neugierde auf Hannas Vergangenheit wird erst im II Teil durch die Gerichtsverhandlung gestillt.
Hannas gespaltener Charakter kommt bereits im ersten Kapitel zur Geltung. Auf der einen Seite ist sie zu Michael nett und fürsorglich und kümmert sich um ihn, auf der anderen Seite tut sie dies „fast grob“ (S. 6 Z. 9) und mit wenig Rücksicht. So klatscht sie Michael das Wasser ins Gesicht (S. 6 Z. 15-17) und geht mit ihm schnellen Schrittes nach Hause, obwohl Michael kaum Kraft hatte. Trotzdem empfindet er den schnellen Schritt als angenehm, da er die Entschlossenheit in Hannas Handeln mag. Im vierten Kapitel wird der Grund von Michael für die Faszination Hannas so ähnlich beschrieben (S. 17 „Vielmehr schien sie sich in das Innere ihres Körpers zurückgezogen, diesen sich selbst und seinem eigenen, von einem Befehl des Kopfs gestörten ruhigen Rhythmus überlassen und die äußere Welt vergessen zu haben.“). Die Kommunikation zwischen Hanna und Michael ist eingeschränkt, was später auch ein typisches Merkmal der Beziehung ist. Der erste Satz von Hanna steht im Imperativ und ist ein Befehl an Michael (S. 6 „Nimm den anderen!“). Hier kommt die dominierende Seite Hannas zum Vorschein. Als Michael sich übergibt, befindet er sich in einer unangenehmen und bloßstellenden Lage. Hanna nimmt sich Michael wahrscheinlich nur an, weil dieser in dem Moment viel schwächer ist als sie selbst. Hanna hat keine Kontakte zu anderen Menschen, da ist es fraglich, wieso sie grade auf Michael eingeht. Hier kann sie sich stärker fühlen als sie in Wirklichkeit ist. Aber vielleicht auch, weil Michael das Gegenteil von ihr ist. Sie ist geistig schwach, aber im Handeln stark und entschlossen, Michael ist körperlich durch seine Krankheit sehr schwach und Handeln ist nicht seine Stärke, jedoch ist er Hanna geistig überlegen. Hier stimmt wohl das Sprichwort „Gegensätze ziehen sich an.“. Wasser spielt im gesamten Roman eine Rolle. Hier wäscht Hanna Michael von Altem rein, später wird es zum Ritual gemeinsam zu baden und sich anschließend zu lieben. Hanna Schmitz achtet sehr genau auf Sauberkeit. Sie versucht ihre Schuld abzuwaschen, doch gelingt es ihr nie. Im Gefängnis ist sie am Anfang von peinlicher Reinlichkeit, aber mit der Zeit lässt es nach. Vielleicht, weil sie sich ihrer Schuld bewusst wird und diese akzeptiert oder realisiert, dass sie sich nicht von ihrer Schuld durch Wasser reinwachen kann. Den Rufnamen „Jungchen“ erhält Michael in einem Moment, in dem er sehr schwach ist. Auch wenn es ihm schon besser geht und er erwachsen ist, ist und bleibt er für Hanna ihr „Jungchen“. Sie möchte seine Entwicklung zum Mann nicht wahr haben, da sie selbst durch ihre Unmündigkeit bis fast an ihr Lebensende auf der Selben Entwicklungsstufe steht. Eine Auffälligkeit ist, dass fast jeder Satz mit „Sie“ beginnt. Diese Anapher soll Hanna dem Leser einprägen und die Aufmerksamkeit auf Hanna lenken. Man erkennt, dass Michael mehr auf Hannas Handeln achtet als auf ihr Aussehen. Trotzdem kommt der Zeitpunkt, an dem Michael Hannas Weiblichkeit wahrnimmt („Ich war größer als sie, spürte ihre Brüste an meiner Brust, roch die Enge der Umarmung meinen schlechten Atem und ihren frischen Schweiß…“). Hier fühlt er sich das erste Mal zu Hanna sexuell hingezogen. Die restlichen Anfangswörter sind Ortsangaben („Oben waren von Fenster zu Fenster…“, „Im Hof…“, „Neben der Tür zum Hof…“, „Neben dem Wasserhahn…“), die zur Beschreibung dienen oder das Personalpronomen „Ich“. Die Aufmerksamkeit des Lesers wird so abwechselnd zu Hanna und Michael gelenkt.
Im letzten Sinnabschnitt (S. 7, Z. 10-17) wird der Kapitelanfangssatz aufgegriffen und man kommt zu der Stelle, an der Gelbsucht diagnostiziert wird. Michaels Mutter gibt ihm den Anstoß sich bei der Frau zu bedanken. Erst „irgendwann“ erzählt Michael seiner Mutter von Hanna, die ihm geholfen hat. Daran kann man festmachen, wie unangenehm ihm das Geschehnis ist. Im letzten Satz des Kapitels wird die Frage geklärt, wieso Michaels erster Weg in die Bahnhofsstraße führt.

Anmerkung des Einsenders: Wurde von meiner Lehrerin gut kritisiert

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Kommentare

  • unbekannt
    Tue, 22 May 2012 19:01:02 GMT supiii von Jenny (Gast)

    hab morgen meine prüfung über das buch, hast mir echt geholfen damit!
    dankeee schöööön!

  • unbekannt
    Mon, 23 Jan 2012 13:27:34 GMT Supi von Lynn (Gast)

    die analyse war echt richtig gut und hilfreich

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