Der Vorleser - Analphabetismus

Kategorie: lektüre
Eingesendet: 16.07.2008
Wörter: 8948
Autor: try
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Der Vorleser - Analphabetismus

3.2 Inszenierung von Lebensstrategien
Analphabeten stehen unter einem enormen psychischen Druck und investieren einen Großteil ihrer Lebensenergie in die Inszenierung von Überlebensstrategien wie Vermeiden schriftsprachlicher Situationen und Täuschung im täglichen Leben sowie Delegation.

3.2.1 Vermeiden
Die Sorge vor dem Entdecktwerden führt zur ständigen Vermeidung von schriftsprachlichen Anforderungssituationen, was sich in verschiedenen Verhalten niederschlägt: 14
- anstehende soziale Situationen werden auf ihre möglichen (schriftsprachlichen) Anforderungen hin sorgfältig überprüft
- plötzlich auftretende (schriftsprachliche) Anforderungssituationen werden durch ausweichendes Reagieren oder durch Täuschung der Beteiligten bestanden
- Lesen und Schreiben werden an vertraute Personen delegiert

3.2.2 Täuschung
Wie ein roter Faden zieht sich die schmerzliche Alltagserfahrung des Sichverstellenmüssens durch die Schicksale.
Täuschung kann Teil einer jahrelangen Überlebensstrategie sein, z.B. in der Partnerschaft. Die Betroffenen kostet es viel Kraft, Tag für Tag ein „täuschendes“ Leben zu führen aus Angst vor dem Auseinanderbrechen der Beziehung. Viel psychische Anspannung und Beschränkung ist nötig, viel Freiheit und Persönlichkeit werden hier geopfert. Blitzschnelle Täuschungen sind nötig bei plötzlichem Auftreten von schriftsprachlichen Anforderungen. Kopfschmerzen, Brille vergessen, Hand verstaucht - Analphabeten sind Meister der Tarnung, sie legen sich mit der Zeit ein ganzes Repertoire an Ausreden zurecht, nur um ihr Defizit nicht offenbaren zu müssen. Analphabeten gleichen ihre Schwäche oft durch ein hohes Maß an Improvisationstalent aus.

3.2.3 Delegation
Eine weitere Strategie für das Überleben im Alltag ist die Delegation. Lesen und Schreiben werden an Personen des Vertrauens delegiert, an Ehefrau/mann, den Partner, die Freundin, den Nachbarn. Die Bewältigung des Alltags ist nur mit Hilfe dieser Vertrauten möglich, was zu einem regelrechten Abhängigkeitsverhältnis führt.

3.2.4 Abhängigkeit
Was es bedeutet, Analphabet zu sein, ist für die meisten Menschen unvorstellbar. Die Betroffenen bleiben ein Leben lang auf Hilfe anderer angewiesen, wenn es z.B. darum geht, Bedienungsanleitungen zu lesen, Fahrpläne zu studieren oder Bankautomaten zu nutzen, ganz zu schweigen vom Bücher/Zeitung lesen oder Internet surfen. So benutzen Betroffene immer den gleichen Zug, weil ihnen sowohl die Informationen der Anzeigentafel als auch des Zugfahrplans verschlossen bleiben. Sie ergreifen meist eine Arbeit, für die keine weitreichenden Lese- und Schreibkenntnisse nötig sind.
Wer permanent auf die Hilfe Dritter angewiesen ist, hat nicht die Möglichkeit, eigenständig einmal etwas Neues zu tun, täglich stößt er an seine Grenzen. Mangelndes Selbstwertgefühl und große Unsicherheit halten ihn in der Isolation.

3.2.5 Selbstbeschränkung und Isolation

Die Angst und soziale Stigmatisierung lässt Analphabeten zu Außenseitern der Gesellschaft werden. Menschen mit diesem Defizit werden von der übrigen Gesellschaft als Außenseiter angesehen, die durchs Raster fallen oder erfahren eine Abwertung durch ihre Umwelt. Scham und der Wunsch, nicht als dumm abgestempelt zu werden, führen häufig zu Einschränkungen oder sogar zur Vermeidung der Teilnahme am öffentlichen Leben. Beziehungen gehen auseinander, Kontakte verloren, Freundschaften in die Brüche – Betroffene leben oft im Abseits und sind oft sehr einsam.
Die Angst vor der Entdeckung führt zu einer starken Selbstbeschränkung, deren Folge Isolation, psychische Anspannung und psychosomatische Erkrankungen sein können. Bedrohliche Situationen im Privaten wie im Beruflichen werden vermieden, so z.B. 15

- Beziehungen und Partnerschaften
- Aktivitäten und Kontakte wie Gruppenreisen, Vereinsmitgliedschaften, Elternabende
- Arztbesuche und Kuranträge
- Beförderungs- und Weiterbildungsangebote

3.3.1 Vermeidungsstrategien und Täuschung
Hannas ganzes Leben ist durch Analphabetismus geprägt: Ihr ganzes Wesen und Handeln wird durch das Bestreben beherrscht, ihr Defizit zu verbergen. Im Laufe der Zeit hat Hanna meisterhaft gelernt, ihre Schwäche zu vertuschen. Sie reagiert durch Ignorieren, erfindet Begründungen für ihr Tun, lässt andere für sich lesen.
Hanna muss ständig nach Lösungen suchen, wie sie in der Welt der Schriftzeichen und der schriftsprachlichen Kommunikation zurechtkommt und gleichzeitig darauf achten, dass keiner ihre Lese- und Schreibunfähigkeit bemerkt. Sie gibt lieber etwas zu, was sie nicht getan hat, als dass sie sich zu ihrer Schwäche bekennt.
Während des Prozesses eröffnet sich dem Erzähler Michael Berg die ganze Wahrheit: „Hanna konnte nicht lesen und schreiben. Deswegen hatte sie sich vorlesen lassen. Deswegen hatte sie mich auf unserer Fahrradtour das Schreiben und Lesen übernehmen lassen und war am Morgen im Hotel außer sich gewesen, als sie meinen Zettel gefunden, meine Erwartung, sie kenne seinen Inhalt, geahnt und ihre Bloßstellung gefürchtet hatte. Deswegen hatte sie sich der Beförderung bei der Straßenbahn entzogen, ihre Schwäche, die sie als Schaffnerin verbergen konnte, wäre bei der Ausbildung zur Fahrerin offenkundig geworden. Deswegen hatte sie sich der Beförderung bei Siemens entzogen und war Aufseherin geworden. Deswegen hatte sie, um der Konfrontation mit dem Sachverständigen zu entgehen, zugegeben, den Bericht geschrieben zu haben.“ 19
Die von Michael Berg genannten Verhaltensweisen sind zum einen Hannas Strategien zur Kompensation ihres Gebrechens. Zum anderen werden hier Vermeidungsstrategien identifiziert. Wie bei anderen Analphabeten bestehen sie darin, Situationen zu vermeiden, in denen Lesen und/oder Schreiben verlangt wird und im Extremfall die Flucht zu ergreifen. Ebenfalls typisch für Analphabeten ist es, angesichts unbekannter Situationen Nervosität zu zeigen.
Analphabetismus bestimmt Hannas Leben nachhaltig: Erstens bedingt er den Wechsel des Arbeitsplatzes und damit das Sich-Verstricken in den KZ-Dienst, zweitens ist sie nicht in der Lage, die Anklageschrift zu lesen. Hätte sie diese gekannt, wäre es einfach gewesen, einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Und drittens gibt sie vor, einen belastenden Bericht geschrieben zu haben, nur um einem Schriftvergleich aus dem Wege zu gehen.

3.3.2 Angst vor Bloßstellung
Hannas Verhalten beim Prozess interpretiert Helmut Moers:
„...verwirrt und ratlos (S. 105) verhält sie sich beim Prozess, andererseits ist sie dort aber auch beharrlich und durchsetzungsfähig, auch wenn ihr das eher schadet.
Michael kommentiert dies: „Sie hatte kein Gefühl für den Kontext, für die Regeln, nach denen gespielt wurde, für die Formeln, nach denen sich ihre Äußerungen und die der anderen zu Schuld und Unschuld, Verurteilung und Freispruch verrechneten.“ Dieses Zitat lässt erkennen, dass Hannas gesamte Persönlichkeit durch den Analphabetismus gestört ist. Jede Einschätzung der Situation wird von dem Willen überlagert, ihre Schwäche zu verbergen.“ 20
Hanna kämpft vor Gericht, „ [....] war aber nicht willens, für den Erfolg den Preis ihrer Bloßstellung als Analphabetin zu zahlen. Sie würde auch nicht wollen, dass ich ihre Selbstdarstellung für ein paar Gefängnisjahre verkaufen würde. Sie konnte solchen Handel selbst machen, sie machte ihn nicht, also wollte sie ihn nicht. Ihr war ihre Selbstdarstellung die Gefängnisjahre wert.“ 21
Michael Berg fragt sich, was Hanna von dieser verlogenen Selbstdarstellung hatte, die sie fesselte, lähmte und an der Entfaltung hinderte. Er vermutet, dass sie mit der für die Aufrechterhaltung der Lebenslüge benötigten Energie längst hätte Lesen und Schreiben lernen können.
War diese Lebenslüge es wirklich wert, fragt Michael Berg. Als Grund für dieses Verhalten nennt er Scham. 22

3.3.3 Überwindung der Angst
Im 3. Teil des Romans überwindet Hanna ihre Angst und lernt im Gefängnis lesen und schreiben. Michael erhält von Hanna eine kurze Nachricht:
„Ich las den Gruß und war erfüllt von Freude und Jubel. „Sie schreibt, sie schreibt!“ Was immer ich in all den Jahren über Analphabetismus hatte finden können, hatte ich gelesen. Ich wusste von der Hilflosigkeit bei alltäglichen Lebensvollzügen, beim Finden eines Wegs und einer Adresse oder beim Wählen eines Gerichts im Restaurant, von der Ängstlichkeit, mit der der Analphabet vorgegebenen Mustern und bewährten Routinen folgt, von der Energie, die das Verbergen der Lese- und Schreibunfähigkeit erfordert und vom eigentlichen Leben abzieht. Analphabetismus ist Unmündigkeit. Indem Hanna den Mut gehabt hatte, lesen und schreiben zu lernen, hatte sie den Schritt aus der Unmündigkeit zur Mündigkeit getan, einen aufklärerischen Schritt.“

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Kommentare

  • unbekannt
    Wed, 18 Apr 2012 17:18:16 GMT gut!!! von Lola (Gast)

    guter text

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