Mächtiges Überraschen (J.W.v.Goethe)

Kategorie: Gedichtsinterpretationen
Eingesendet: 12.11.2005
Wörter: 9236
Autor: Magneusel
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Mächtiges Überraschen (J.W.v.Goethe)

Das Gedicht „Mächtiges Überraschen“ von Johann Wolfgang von Goethe, das zur Zeit der Klassik geschrieben wurde, handelt von einem Fluss, der sinnbildlich für das Leben eines Mannes stehen kann.

Im Folgenden wird dieses Gedicht interpretiert. Dabei wird zuerst die Form wie zum Beispiel Strophen, Verse und Reimschema näher beschrieben. Danach steht der Inhalt jeder einzelnen Strophe  im Mittelpunkt. Auch spielt dann die Sprache und deren Funktion eine wichtige Rolle.

Zum Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst und bewertet.

 

Goethes Gedicht, ein Sonett, besteht aus vier Strophen, wobei die ersten zwei Strophen vier und die letzten zwei Strophen drei Verse enthalten. Es hat also insgesamt 14 Verse, wobei deren Länge konstant ist. Die Reime in der ersten und zweiten Strophe sind umschließend und in der dritten und vierten Strophe umschließend und gekreuzt.

 

In der 1. Strophe wird von einem Strom erzählt, der in Felsen entspringt und dessen einziger Wunsch es ist in den Ozean zu fließen. Ihm ist egal, was passiert und deshalb fließt er immer weiter bergab ohne aufgehalten zu werden.

Wie schon zu Beginn erwähnt, kann der Fluss für das Leben eines Mannes stehen. Daraus folgt, dass in dem Gedicht viele Symbole enthalten sind. In der ersten Strophe wird zum Beispiel der „Strom“ und der „Ozean“ genannt. Der Strom steht möglicherweise also für das menschliche Leben und der Ozean für den Tod oder einen besonderen Wunsch. Demnach kann man den Neologismus „dem Felsensaale entrauschen“ mit einer Geburt verbinden.

Besonders auffallend sind die vielen Naturbegriffe, wie zum Beispiel „Strom“, „Ozean“, „Felsensaale“ und „Tal“, die Goethe in diesem Gedicht verwendet. Er verleiht diesen Naturbegriffen zusätzlich eine menschliche Eigenschaften. Wie zum Beispiel in der ersten Strophe dem Strom.  „Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale.“ Diese Personifikation macht noch einmal besonders deutlich, dass es sich bei diesem Gedicht um die Darstellung eines Menschenlebens handelt.

 

In der zweiten Strophe bildet sich durch den Fluss ein Wasserfall. Auch begegnet der Fluss dort Bergen und Wäldern, die ihn am weiterlaufen hindern. Außerdem stellt sich ihm eine Bergnymphe in den Weg und hält somit seinen Lauf in Richtung Ozean auf und engt ihn ein.

Diese „Orea“ symbolisiert eine Frau, die in das Leben des Mannes tritt und ihm seinen Wunsch, den Ozean zu sehen, unwichtig erscheinen lässt. Auch sind hier außer dem Symbol der Frau wieder Naturbegriffe wie „Wirbelwinde“, „Berg und Wald“ zu finden. Die Frau und die Probleme stellen also Hindernisse dar, die dem Mann an dem erfüllen seines Wunsches hindern. Die Tatsache, dass diese Strophe mit dem Wort „dämonisch“ beginnt, lässt darauf schließen, dass hier ein Wendepunkt im Lauf des Flusses beziehungsweise im Leben des Menschen ist.

 

Diese Veränderung wird auch in der dritten Strophe noch deutlich. In dieser Strophe bilden sich sprühende Wellen auf dem Fluss. Auch wird beschrieben, dass nun das Streben zum Vater, also der Weg zum Ozean gehemmt ist.  

„Die Welle sprüht und staunt zurück und weichet und schwillt“. Dieses Polysyndeton macht das Wechseln und schließlich immer-größer-werden der Probleme im Leben des Mannes deutlich. Auch macht der elfte Vers „Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben“ dem Leser noch einmal sehr klar, dass ab jetzt die Erfüllung seines Wunsches unmöglich ist.

 

In der letzten Strophe beschreibt Goethe, dass der Fluss nun in einen See gemündet ist und nicht in einen Ozean. Er erwähnt, dass sich Gestirne darin spiegeln und das schließlich ein neues Leben entsteht.

Das Entstehen des Sees und des neuen Lebens kann Verschiedenes bedeuten. Es ist möglich, dass Goethe damit sagen will, dass der Mann jetzt als Erwachsener einen neuen Lebenssinn gefunden hat. Er kann sich aber auch gleichzeitig mit der weniger idealen Situation, dass er ein „See“ ist und kein „Ozean“, abgefunden haben. Da jedoch in der zweiten Strophe eine Frau in sein Leben tritt, ist es am Wahrscheinlichsten, dass mit dem neuen Leben die Geburt eines Kindes gemeint ist. Diese zuvor erwähnte Frau und nun das Kind sind dem Mann so wichtig geworden, dass sein ehemals größter Wunsch einfach bedeutungslos geworden ist.

 

Wie schon erwähnt handelt es sich bei diesem Sonett um ein Gedicht, welches in der Literaturepoche „Klassik“ verfasst wurde. Während dieser Zeit spielte das Schöne und der Einklang zwischen Körper und Seele eine große Rolle. Dass es sich hierbei um ein Gedicht aus der „Klassik“ handelt, erkennt man zumeist daran, dass in dem Gedicht viele Gegensätze verwendet wurden. Außerdem thematisiert ein Sonett besonders häufig inhaltliche Gegensätze, wie auch hier. Es stehen sich zum Beispiel die Flüssigkeit und der Berg gegenüber. Aber auch der Mann und die Bergnymphe. Besonders auffallend sind das Aufeinandertreffen von der ungebremsten Freiheit des Flusses und den Hindernissen, sowie dem unendlichen Ozean und dem begrenzten See.

Diese Gegensätze söhnen sich aber schließlich, spätestens als das neu entstandene Leben erwähnt wird, in Harmonie aus. Diese Erkenntnis lässt sich auch wieder auf die erwähnte Literaturepoche zurückführen, wo man bemüht war Gegensätze in Harmonie zu verwandeln.

 

Wenn man nun dieses Sonett länger betrachtet, kommt man zu dem Ergebnis, dass Goethe dem Leser sehr wahrscheinlich deutlich machen möchte, dass es sich zwar lohnt Wünsche und Träume zu haben, aber dass sie nicht alle in Erfüllung gehen werden. Genau wie bei dem Fluss im Gedicht kann es sein, dass sich Hindernisse und Probleme in den Weg stellen.

Aber er möchte seinen Lesern auch Hoffnung machen, dass es im Leben manchmal besser kommen kann als man sich erhofft hat, dass zum Beispiel wie hier, sogar ein neues Leben entstehen kann und man dadurch sogar seine alten, nicht erfüllbaren Träume vergisst und zufrieden mit seiner aktuellen Lebenssituation ist.

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