Gedichtsvergleich von Herbsttag mit Abend

Kategorie: Gedichtsinterpretationen
Eingesendet: 16.07.2008
Wörter: 9368
Autor: try
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Gedichtsvergleich von Herbsttag mit Abend

Ich werde in der anschließenden Analyse das Gedicht „Abend“ von Andreas Gryphius und das Gedicht „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke vergleichen. Mein Verfahren besteht darin, dass ich zuerst das Gedicht von Rilke analysiere und anschließend mit dem Gedicht „Abend“ vergleiche.
Das Gedicht „Abend“ wurde 1650, in der Epoche des Barock, von Andreas Gryphius verfasst. Einige Jahrhunderte später, am 21. September 1902 zur Zeit des Symbolismus, wurde das Gedicht „Herbbstag“ von Rainer Maria Rilke geschrieben. Beide Gedichte haben die Vergänglichkeit einer Lebensphase, die durch Naturbilder symbolisiert wird, zum Thema.

Im Gedicht „Herbsttag“ äußert das lyrische Ich eine Sehnsucht, einen Wunsch nach Vollendung und Veränderung. Das lyrische Ich möchte sich zur Ruhe begeben und sein Leben genießen, bis die nächste Lebensphase, der Tod, eintritt.

Das Metrum ist ein fünf hebiger Jambus. Das Gedicht besteht aus 12 Zeilen. Die Versanzahl der Strophen steigert sich von Strophe zu Strophe. Die erste Strophe beinhaltet drei Verse, die zweite Strophe vier und die dritte Strohe fünf Verse. Möglicherweise hat die Steigerung der äußeren Form eine Verbindung mit der Steigerung des Inhalts. Dies werde ich später aufweisen. Die Reime stehen im Vers immer am Ende und sind somit Endreime. Die Reimschemen sind in jeder Strophe unterschiedlich. In Strophe eins ist das Reimschema aba. Womöglich ist dies ein nicht vollendeter Kreuzreim. In Der zweiten Strophe ist das Reimschema leicht zu bestimmen, es ist ein umarmender Reim (abba). In der letzten Strophe liegt auch ein umarmender Reim vor, jedoch wird noch ein Vers hinten herangehängt (effef). Zu beobachten ist, dass der Kreuzreim in der ersten Strophe nicht vollendet ist, Strophe drei jedoch einen Vers „zu viel“ für einen umarmenden Reim ausweist.

Es ist Zeit und der Sommer war sehr lang. Der Schatten des Herrn soll über die Sonnenuhren gelegt werden und der Wind soll über die Wiesen losgelassen werden. Früchte sollen noch zwei Tage Zeit bekommen, um sich zu vollenden. Wer noch kein Haus besitzt wird im Herbst auch keines mehr bauen und wer alleine ist, wird es lange bleiben. Die Menschen werden wachen, lesen, lange Briefe schreiben und durch Alleen wandern.

In der ersten Strophe äußert das lyrische Ich Wünsche an einen Herrn. Dieser Herr kann sowohl Gott sein, als auch ein göttlicher „Lebensgrund“. Der erste Vers ist eine Andeutung an die folgenden Wünsche. „Es ist Zeit“ drückt die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Erfüllung aus. Wenn man davon ausgeht, dass der Sommer ein Symbol für eine Lebensphase, die Lebenszeit, des lyrischen Ichs ist, könnte „Der Sommer war sehr groß.“ bedeuten, dass die Lebenszeit lang genug war und dass nun Zeit für eine neue Jahreszeit, den Herbst, ist. Der Herbst ist ein Symbol für die Zeit, in der sich das lyrische Ich zur Ruhe bzw. in die Rente begibt. Die neue Lebensphase wurde auch als Überschrift für das Gedicht verwendet („Herbsttag“). Es folgt der erste Wunsch, dass der Herr seinen Schatten über Sonnenuhren legen soll. Sonnenuhren arbeiten nur durch Bestrahlung von Licht. Wenn dieses Licht nun durch den Schatten wegfällt, so bleibt die Funktion der Sonnenuhr aus. Die Sonnenuhr verkörpert womöglich das lyrische Ich und der Schatten die neue Lebensphase. Die Sonnenuhr könnte das Licht verkörpern, aber auch die Aktivität (die Zeit der Arbeit), die bei Sommer vorhanden ist. Der Herr hat scheinbar die Gewalt über das Wetter (Z. 1 „Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren“, Z. 3, Z. 5 „gieb ihnen noch zwei südlichere Tage“). Die Früchte werden personifiziert (Z. 4 „Befiehl den letzten Früchten voll zu sein“), indem der Herr den Früchten Befehle erteilen soll. Die Früchte kann man mit dem lyrischen Ich in Verbindung setzten. Somit könnte die Reife der Früchte (Z. 6 „dränge sie zur Vollendung hin…“, Z. 4 „Befiehl den letzten Früchten voll zu sein“) beschreiben, dass das lyrische Ich eine bestimmte innere Reife erlangt hat. Der Herbst ist für das lyrische Ich zwar noch nicht eingetreten, doch die Überschrift „Herbsttag“ ist schon danach benannt. Die ersten zwei Strophen wurden im Imperfekt geschrieben, jedoch wandelt sich das sprachliche Bild in der dritten Strophe. Das lyrische Ich spricht nicht mehr zu dem Herrn, sondern zu einer dritten Person, dem Menschen. Vorher wurde beschrieben, wie die Wandlung in der Natur erfolgen soll und nun wird beschrieben, wie der Menschen im Herbst leben wird. Die Steigerung in den Strophen wird nun nachvollziehbar. Das lyrische Ich ist sich sicher, dass die Ruhezeit sehr bald eintreffen wird, denn es spricht in Bezug auf die Menschen in Futur. Für das lyrische Ich hat der neue Lebensabschnitt positive, als auch negative Seiten. In der Zeit der Ruhe kann man lesen und lange Briefe schreiben (Z. 10 „wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben“), da man nicht mehr arbeiten muss und mehr Freizeit hat. Man soll, wenn man noch kein Haus gebaut hat, keines mehr bauen. Vielleicht da man in höherem Alter innerlich nicht mehr bereit ist. Und auch wenn man noch keinen Partner/in hat und alleine ist, soll man nicht krampfhaft danach suchen. Dies würde nur zusätzlich Kraft kosten. Zwei Anaphern kommen zum Einsatz (Z. 8-9 „Wer jetzt…“, „Wer jetzt…“, Z.10-11 „wird“, „und wird“). Durch „Wer jetzt“ wird deutlich, dass die Chance vertan ist und dass die Lebenszeit im nächsten Augenblick vorbei sein wird. Die Wiederholung zeigt dem Leser, dass eine Vollendung ganz sicher stattfinden wird.

Die äußere Form der Gedichte „Abend“ und „Herbsttag“ enthält mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten.
Beide Gedichte weisen als Metrum den Jambus auf, „Abend“ einen Alexandriner, welcher aus einem sechshebigen Jambus besteht und „Herbsttag“ einen fünfhebigen Jambus.
Das Gedicht „Abend“ ist als Sonett geschrieben. Dieses ist jeweils aus zwei vierzeiligen Quartetten und zwei dreizeiligen Terzetten zusammengesetzt. Die Gedichtsform des Sonetts war zu Zeiten des Barock besonders beliebt und wurde oft mit dem Metrum des Alexandriner verbunden. Das Gedicht „Herbsttag“ hat im Gegensatz nur drei Strophen. Bei beiden Gedichten ist jedoch eine Zweiteilung inhaltlich und formal erkennbar. Diese Zweiteilung wird im inhaltlichen Vergleich analysiert.

Die größte Differenz in den Gedichten ist bei der Befindlichkeit des lyrischen Ichs deutlich erkennbar.
Während bei „Abend“ das Leben als ein „Thal der Finsternis“(Z. 14) beschrieben wird, freut sich das lyrischen Ich in „Herbsttag“ auf die neue hereinbrechende Lebensphase. Gryphius wie auch Rilke verwendeten die Natur als Symbol für einzelne Lebensphasen. Rilke unterteilte das Leben in die vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Der Sommer steht für die Lebenszeit, in welcher man arbeitet, sich einen Partner sucht und keine Zeit zum Lesen und zum Wachen hat. Der Herbst in ein Symbol für das Rentenalter, in welchem man das Leben noch voll genießen kann, bis der Tod eintrifft. Gryphius steckt alle vier Lebensphasen in einen Tagesablauf. Der Abend ist der Übergang von Leben zum Tod, welcher durch die Nacht symbolisiert wird.
Bei beiden Gedichten kann man einen Einschnitt, in Bezug auf die Befindlichkeit des lyrischen Ichs, machen.
In Gryphius’ Gedicht wird zuerst die Landschaft beschrieben. Bereits in Zeile 4 wird durch den Ausruf „Wie ist die Zeit verthan“ angedeutet, dass nicht ein Tagesablauf beschrieben wird, sondern der Lebenslauf. Für das lyrische Ich ist der Abend zunächst ein realer Übergang vom Tag zur Nacht. Aus der Tageszeit wird jedoch die Lebenszeit (Z. 6 „Gleich wie diß Licht verfil, so wird in wenig Jahren Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.“). Die Nacht wird somit zur Todeszeit und der Abend zur Übergangszeit.

Das lyrische Ich beschreibt anfangs die Natur sehr real und verwendet die Natur als Metapher für Vergänglichkeit. So wählt Gryphius negative Konnotationen (Z. 1 „Der schnelle Tag ist hin…“, Z. 2 „Der Menschen müde Scharen“, Z.4 „Trauert itzt die Einsamkeit“), um die traurig-resignative Stimmung und die bedrückende Erfahrung der Vergänglichkeit zu unterstreichen. Das lyrische Ich nimmt die Natur als dunkel, einsam und verlassen wahr.
Auch in Rilkes Gedicht wird zuerst die Landschaft geschrieben, aber nicht, wie sie ist, sondern wie sich das lyrische Ich diese wünscht. Dieser Wunsch wird durch eine Befehlsform (dem Imperativ) ausgedrückt. Im Gedicht „Abend“ steht die Imperativform erst nach der Zweiteilung. Die Wünsche des lyrischen Ichs aus dem Gedicht „Abend“ wie auch aus dem Gedicht „Herbsttag“ werden an eine höhere Macht gerichtet. Bei „Abend“ wird der Gott als Gott angesprochen. Im Gedicht „Herbsttag“ wird die höhere Macht als „Herr“ angesprochen. Dieser Herr ist eine Natur bewegende transzendente Macht, da sich das lyrische Ich ausschließlich Veränderungen in der Natur wünscht. Das lyrische Ich in „Abend“ wünscht sich keine Veränderungen oder auf die Natur bezogenen Gewalten. Es wünscht sich, solange es lebt, dass Gott es beschützt und der Glanz Gottes das lyrische Ich umhüllt. Die nächsten Wünsche beziehen sich auf die Zukunft, auf die Nacht, also auf die Zeit des Todes. Auch im Gedicht „Herbsttag“ wird über die Zukunft nachgedacht. Das lyrische Ich berichtet in Futur, wie das Leben im Herbst (Rentenalter) aussehen wird. Die Sehnsucht nach der Erfüllung der Wünsche wird in beidem Gedichten durch Enjambements untermalt.

Anmerkung des Einsenders: Herbsttag von Rilke und Abend von Gryphius

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