Ich werde in der anschließenden Analyse das Gedicht „An die Geliebte“ von Eduard Mörike und das Gedicht „Fragile“ von Karin Kiwus vergleichen.
Mein Verfahren besteht darin, dass ich zuerst das Gedicht von Karin Kiwus analysiere und anschließend mit dem Gedicht „An die Geliebte“ vergleiche.
Das Gedicht „An die Geliebte“ wurde 1830, zur Zeit der Spätromantik, von Eduard Mörike geschrieben. 1979, zur Zeit der Postmodernen Literatur und der Literatur der Neuen Frauenbewegung, verfasste Karin Kiwus das Gedicht „Fragile“. Das Hauptthema der Gedichte ist die Zerbrechlichkeit der Liebe.
Das Gedicht „Fragile“ von Karin Kiwus stellt die Überlegung, dass die Liebe zerbrechen wird, wenn man diese an sich reißt, weil man Angst hat einsam zu sein, auf.
Kiwus schrieb „Fragile“ in zwei Strophen nieder. Die erste Strophe besteht aus sechs Versen, die zweite Strophe aus neun Versen. Die Verse sind kurz, da sie aus drei, manchmal sechs, Wörtern zusammengesetzt sind. Eine Reimform ist nicht vorhanden. Außerdem legt Kiwus sich auf kein regelmäßiges Metrum fest. Jambus und Trochäus sind vorhanden, jedoch wechseln sich diese ab.
Wenn das lyrische ich zu jemandem „Ich liebe dich“ sagt, übergibt es dieser Person ein Geschenk zu einem Fest, das beide noch nie gefeiert haben. Wenn sich die angesprochene Person seinen/ihren Geburtstag vorstellt und sich alleine sieht, reißt es das Geschenk an sich. In dem Geschenk befinden sich nun scheppernde Scherben, welche jedoch von der Person nicht mehr wahrgenommen werden.
Die erste Strophe ist ein Konditionalsatz, welche durch „Wenn“ (Z. 1) eingeleitet wird. Das lyrische Ich stellt eine Überlegung an und ist sich dem Ausgang sicher, da es in der Form „Realis der Gegenwart“ (Z. 1 „Wenn ich jetzt sage“) spricht. Wie das Geschehen ausgehen wird, wird man aber erst in der zweiten Strophe erfahren. Das „ich liebe dich“ (Z. 2) soll die Bereitschaft für eine Beziehung ausdrücken. Man geht auf den Partner ein, gibt Liebe und sich selbst hin. „nur vorsichtig“ (Z. 3-4) bedeutet so viel wie zaghaft. Daraus kann man schließen, dass sich das lyrische Ich nicht sicher ist, ob es das Geschenk überreichen soll oder nicht. Vielleicht hat das lyrische Ich schlechte Hintergedanken oder Angst. Das Geschenk ist in diesem Fall die pure Liebe. Das Fest, welches das lyrische Ich und die angesprochene Person noch nicht gefeiert haben (Z. 5-6 „zu einem Fest das wir beide noch nie gefeiert haben“), ist ein Symbol für ihre noch nicht vorhandene Beziehung. Karin Kiwus könnte kurze Verse gewählt haben, damit man die Gedanken des lyrischen Ichs gut nachvollziehen und verstehen kann. Damit die Gedanken freier und spontaner wirken, ist vermutlich kein Reimschema oder Metrum erkennbar.
In Strophe zwei folgt die zweite Bedingung, welche durch „Und wenn“ (Z. 7) eingeleitet wird. Sobald man die Einsamkeit vor Augen hat, klammert man sich an die Liebe, die einem gegeben wird. Mit „wieder allein“ (Z. 8) ist gemeint, dass die betroffene Person den Zustand des Alleinseins, die Einsamkeit, bereits kennt. Die Person sieht die Einsamkeit plötzlich vor sich, wie er/sie den Geburtstag, welcher den meisten Menschen sehr wichtig ist, alleine feiern wird (Z. 7-10 „Und wenn du gleich wieder allein deinen Geburtstag vor Augen hast“), wenn er/sie die angebotene Liebe nicht annimmt. Die Folge der Bedingungen tritt in den letzten drei Zeilen ein. Die Person reißt die Liebe, welche durch das Päckchen symbolisiert wird, ungeduldig an sich. Das Verb „reißt“ und das Adjektiv „ungeduldig“ drücken, im Kontext des Gedichts „Fragile“, Grobheit, Voreiligkeit, Schnelligkeit und Selbstverständlichkeit aus. Die Liebe kann, durch das Zerren an ihr, zerbrechen und schwinden. Die „scheppernden Scherben“ (Z. 14) stehen für die gebrochene, zerstörte Liebe. Die Scherben könnten aus Glas sein und somit kommt man zu der Metapher „ein Herz aus Glas“ gelangen. Durch die Erschütterung durch die Ungeduldigkeit ist dieses zerbrechliche Her zerscheppert. Die Überschrift „Fragile“ ist Englisch und bedeutet im Deutschen „zerbrechlich“. Hier kann man eine Verbindung zu der Aussage des Gedichts herstellen. Die Liebe ist zerbrechlich, wenn man zu hastig nach ihr reißt.
Die äußeren Formen der Gedichte „An die Geliebte“ und „Fragile“ sind sehr verschieden. Mörike wählt das Sonett, welches einen strengen und geordneten Aufbau hat (zwei Quartette, jeweils aus vier Versen und zwei Terzette, jeweils aus drei Versen). Auch hält er sich an das Metrum, dem Jambus, und setzt den umarmenden Reim und den Schweifreim ein. Karin Kiwus wählt eine lockere äußere Form ohne Reimschema, Metrum oder eine bestimmten Anzahl an Versen in einer Strophe.
Das lyrische Ich jeweils in beiden Gedichten ist sich der Vergänglichkeit der Liebe bewusst. Der Unterschied besteht darin, dass das lyrische Ich in „Fragile“ von Anfang an über die Vergänglichkeit Bescheid weiß, da das Gedicht auf diese Schlussfolgerung hinarbeitet. Aber das lyrische Ich in „An die Geliebte“ kommt erst in den Terzetten zu dieser Erkenntnis. Zuvor war es glücklich mit der Liebe und erfreute sich an seinem Partner. Man kann vermuten, dass das lyrische Ich ein Mann ist, da das Gedicht, wie es die Überschrift besagt, an die Geliebte gerichtet ist. Die Person wird in den Quartetten persönlich mit „du“ angesprochen. Auch das lyrische Ich in „Fragile“ richtet das Gesagte an eine Person, die aber nur mit „du“ benannt wird. Während „Fragile“ eine Mahnung ist, könnte „An die Geliebte“ eine Entschuldigung an die Geliebte dafür sein, dass das lyrische Ich sich von ihr abwenden musste.
Die Vergänglichkeit der Liebe ist in Kiwus Gedicht nur bedingt. Das lyrische Ich sagt zwar, dass die Liebe vergänglich ist, jedoch nur, wenn man falsch mit dieser umgeht. Ansonsten steht einer glücklichen Beziehung nichts im Wege. Das lyrische Ich in „An die Geliebte“ ist glücklich in der Beziehung, doch es fällt in die Tiefe und die Liebe vergeht.
In der Postmoderne werden Metrum, Reim und Strophenform wieder eingesetzt, jedoch hat die Vollkommenheit der ästhetischen Form abgenommen. Vermutlich wurde Kiwus durch die Nachkriegslyrik beeinflusst, denn dort nahm die Wichtigkeit von Metrum, Reim und Strophenform ab. Die Gedichte der Postmoderne handeln von Alltagssituationen und einzelne Personen berichten von ihren Gefühlen und Erfahrungen. Kiwus schrieb das Gedicht sehr persönlich, denn die Erfahrungen des lyrischen Ichs kommen zum Ausdruck. Die Lyrik der Postmoderne besteht aus vielen Metaphern und ist durch kurze Verse verkompliziert. Auch im Gedicht „Fragile“ lassen sich viele Metaphern (Geschenk für die Liebe, Scherben als Vergänglichkeit der Liebe) finden und die Verse sind durch Enjambements verkürzt. Ein weiteres Merkmal ist, dass Umgangssprache verwendet wird. Typisch für die Liebeslyrik dieser Zeit ist, der Eindruck des Vorübergehenden und die Glückserfahrung des Augenblicks. Die Zerbrechlichkeit ist auch ein Thema in der Liebeslyrik. Kiwus wählte die Zerbrechlichkeit als Überschrift für ihr Gedicht.
Anmerkung des Einsenders:
Gedichtsvergleich
von „An die Geliebte“ (Eduard Mörike) mit „Fragile“ (Karin Kiwus)
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Kommentare
unbekannt
Wed, 16 Nov 2011 10:46:46 GMTsehr gut
von
mariechen (Gast)
Ein wirklich sehr guter Gedichtsvergleich, keep up the good work !