Ich öffnete um 6 Uhr morgens meine Augen und kehrte langsam in die Realität zurück. Ich stieg aus meinem Strohbett und weckte meinen Bruder, der seit dem Tod meiner Eltern neben mir schlief. Wir gingen zusammen aus der Hütte und suchten in der näheren Umgebung nach Beeren und anderen Kleinigkeiten, die wir zum Frühstück essen konnten. Nachdem wir gegessen hatten, gingen wir unsere Grosseltern besuchen, deren Hütte zirka fünf Minuten entfernt lag. Wir verbrachten den Rest des Tages bei ihnen auf ihrer kleinen Weizenfarm, wo ich, mein Bruder und noch ein paar andere Bewohner des Dorfes für Ordnung sorgten.
So lebten wir Tag für Tag... Und es war ein schönes Leben.
In einer Nacht wurde ich durch ein komisches Geräusch geweckt.
Ich ging hinaus um nachzusehen, was da vor sich ging.
Plötzlich kamen drei bleiche Männer auf mich zu und fesselten
mich mit Gewalt. Ich schrie und wehrte mich. Doch als ich versuchte mich zu befreien, schlugen sie mich mit einer Peitsche. Dann gingen sie in meine Hütte. Ich vermute, sie haben sie durchsucht, denn sie kamen mit meinem gefesselten Bruder wieder heraus. Nicht nur wir wurden gefangen genommen, sondern beinahe alle Bewohner meines Dorfes. Ohne ein Wort zu sagen, nahmen sie uns mit. Als wir eine kurze Rast einlegten, versuchten mein Bruder und ich uns unauffällig von den Fesseln zu befreien, doch es gelang uns nicht. Wir liefen weiter und kamen in unser Nachbardorf, in welchem die Männer weitere Leute gefangen nahmen. Wenn sich jemand wehrte, wurde er geschlagen. Mein Bruder und ich gaben uns Mühe, nicht aufzufallen, denn wir wussten, dass das das Beste war, was wir tun konnten.
Die Zeit verging unendlich langsam. Wir liefen die ganze Nacht.
Als einer der weissen Männer vom Weg abkam und durch das hohe Gras lief, schrie er plötzlich auf. Von Weitem konnte man erkennen,
dass sich die Zähne einer Kobra in sein Bein gebohrt hatten. Er fiel zu Boden und die anderen Männer liessen ihn einfach zurück.
Seine Schreie und Verwünschungen begleitete uns noch eine Weile.
Durch die dichten Bäume konnte man langsam erkennen, wie es hell wurde. Ich wusste weder, wo wir waren, noch konnte ich mir vorstellen, was die Männer mit uns vorhatten. Dass es etwas Gutes sein würde, glaubte ich keine Sekunde lang.
Am Morgen machten wir wieder eine Pause. Wir bekamen alle ein kleines, dürres Stück Brot und Früchte, die wir selber sammeln mussten. Einige meiner Leidensgenossen legten sich hin, um ein paar Minuten zu schlafen, wurden aber mit Peitschenhieben daran gehindert.
Mein Bruder fragte mich, was diese Fremden mit uns vorhätten, aber ich konnte ihm auch nicht weiterhelfen.
Ich hätte gerne gewusst, was meine Grosseltern dachten, als wir an diesem Morgen nicht wie üblich bei ihnen auftauchten.
Ihre Hütte lag etwas versteckt abseits des eigentlichen Dorfes
und wurde vermutlich deshalb von den Entführern nicht entdeckt.
Am späten Nachmittag, nach stundenlangem Fussmarsch, erreichten wir das Ende des Waldes. Es wurde schnell dunkel.
Schwer bewacht, um jeden Fluchtversuch im Keim zu ersticken, liessen uns die weissen Männer auf einem offenen Feld schlafen.
Trotz meiner Angst schlief ich, den Arm um meinen Bruder gelegt, sofort ein.
Durch das Gebrüll der Weissen aufgeschreckt, erwachten wir am nächsten Morgen. Es dauerte ein Weilchen, bis ich mich erinnerte, was am vorherigen Tag passiert war.
Vor 2 Tagen war ich noch frei und zufrieden mit meinem Leben, jetzt kam mir jenes Leben schon fast wie ein Traum vor, aus dem ich ohne Vorwarnung in die Hölle gestossen worden bin.
Wir mussten weiterlaufen und kamen schließlich, mehr tot als
lebendig an die Küste, wo schon ein Schiff bereitstand.
Nach dem langen Marsch, auf dem wir alle zusammengekettet waren, war ich total kaputt. Es war alles so anstrengend, Kinder weinten...
Ich hielt meinen Bruder an der Hand und sah die Angst in seinen Augen, aber ich konnte nichts tun, denn ich fühlte mich genau so verängstigt wie alle hier.
Die Fremden fuhren uns auf Booten zum Schiff, wo schon andere Menschen in grossen Käfigen sassen. Das Schiff hatte sicher 5 Ebenen, ich ging also davon aus, dass noch weitere Gefangene gebracht werden würden.
Die Leute aus meinem Dorf, wir waren etwa 20, wurden in einen dieser Käfige gesperrt.
Die Stimmung war schrecklich. Keiner wusste, wo die Reise hingehen würde, was mit uns passiert. Verzweifelt versuchten wir zu singen, um die Angst zu übertönen und die Tränen zurückzuhalten.
Endlich war auch der letzt Käfig gefüllt.
Tausend Fragen gingen mir durch den Kopf: Was passiert mit uns? Wo bringt man uns hin? Warum wir? Leider war keiner in der Lage, meine Fragen zu beantworten...
Die weissen Männer öffneten die Käfige und holten Frauen und Kinder heraus, um sie an Deck zu bringen. Auch ich wurde nach oben gebracht. Alle Männer blieben eingesperrt und schauten uns verzweifelt nach.
An Deck setzte ich mich zu einer Frau, die ein Kind auf dem Arm trug und die mir sehr nett zu sein schien.
Ich fragte sie, wohin wir fahren würden. Sie antwortete darauf: Amerika.
Das Schiff liess einen dumpfen Ton hören und lief aus dem Hafen.
Ich war so müde, dass ich in der prallen Sonne einschlief.
Dann bewölkte es sich und wurde kalt. Als ich erwachte, hörte ich Leute rufen. Ich sah mich um, aber auf dem Schiff war alles ruhig. Ich streckte mich, stand auf und ging zum Bug des Schiffes. Ich konnte einen Hafen sehen, an dem viele Menschen standen und dem Schiff zuwinkten. Warteten die auf uns?
Die weissen Männer kamen und befahlen uns, unter Deck zu gehen, wo wir wieder zusammengekettet wurden.
Kurz darauf legten wir im Hafen an. Danach kamen die Weissen wieder und scheuchten uns an Land. Wer nicht schnell genug auf ihre Befehle reagierte, bekam die Peitsche zu spüren. Es war unerträglich.
Ein Mann, der vermutlich auf der Reise schon geschlagen worden war, brach unter den Hieben zusammen. Einer der Weissen schrie ihn an und trat immer heftiger mit seinen Füssen auf ihn ein. Der Mann schrie vor Schmerzen... und plötzlich war er ganz still.
War er tot?
Wir anderen wurden an Land geschoben und standen nun den Leuten gegenüber, die auf das Schiff gewartet hatten.
Alle waren weiss...
Das Wetter war schlecht und kalt und wir trugen immer noch die Ketten. Warum, wurde mir nicht klar, denn zum Fliehen waren wir längst zu schwach...
Die Weissen sagten, dass sie uns verkaufen werden.
Wie kann ein Mensch einen anderen verkaufen???
Mein Bruder und ich wurden getrennt.
Sie sagten, sie hätten einen Käufer für ihn gefunden.
Ich schrie und weinte, trat und schlug nach ihnen. Ich wollte nicht von ihm getrennt werden. Er war doch alles, was ich noch hatte...
Als sie mich wieder unter Kontrolle hatten, wurde ich bestraft.
Ich bekam 70 Peitschenhiebe auf den Rücken. Es blutete und tat schrecklich weh. So wurden alle behandelt, die es wagten, sich aufzulehnen.
Jetzt bin ich ganz allein...
Ich wurde an einen Plantagenbesitzer verkauft, der Baumwolle anbaute. Ich musste mit vielen anderen Baumwolle pflücken, aber ich hatte keine Ahnung, was ich tun musste. Zuhause gab es ja keine Baumwolle.
Ich hatte furchtbare Angst, wieder geschlagen zu werden, wenn ich etwas falsch machte...
Die Wunden der letzten Schläge schmerzten immer noch und einige Striemen hatten sich sogar entzündet.
Ich wollte wieder zurück zu meiner Familie, zurück nach Hause...
An meinem ersten Tag auf den Feldern wurde ich ständig mit der Peitsche angetrieben, damit ich die Baumwolle fast schneller als möglich pflückte.
Alles tat weh.
Gegen Mittag durften wir 15 Minuten Pause machen, um ein kaltes Stück Speck zu essen. Danach ging es weiter. Erst als die Sonne schon fast unterging, gingen wir ins Entkörnungshaus, wo alles was wir geerntet hatten auf die Waage kam.
Ich brachte es auf 120 Pfund. Der Aufseher sagte, das sei zu wenig und ich bekam 40 Schläge auf den Rücken. Wenn ich am nächsten Tag nicht mindestens 170 Pfund pflücken würde, würde ich wieder bestraft...
Ich wollte nur noch schlafen, aber vorher musste ich die Hausarbeit erledigen, die mir zugeteilt wurde.
Erst danach bekam ich wieder meine Ration Speck und dann konnte ich mich endlich hinlegen.
Die Arbeit auf dem Feld war schwer und ich war ständig müde. Aber es gab immer öfter Tage, an denen ich genug Baumwolle pflückte, nicht zu spät kam, oder sonst einen Fehler machte und so auch nicht bestraft wurde.
Eines Tages erwischten sie einen Sklaven beim Lesen der Bibel. Er wurde brutal gefoltert und dann getötet.
Lesen und Schreiben zu können war für einen Sklaven tödlich, wenn er erwischt (oder verraten) wurde.
Die Weissen waren der Meinung, dass auch Tiere nicht Lesen und wir waren für sie nicht viel mehr.
Ich musste ungeheuer vorsichtig sein, sonst würde es mich genau so treffen wie diesen Toten...
Meistens war ich völlig erschöpft. Die Hände waren wund, der Rücken schmerzte und Zeit zum Schlafen hatte ich viel zu wenig.
Trotzdem wollte der Aufseher, dass wir immer noch schneller arbeiteten.
Viele brachten zu wenig Baumwolle und wurden ausgepeitscht. Einige verweigerten sogar die Nahrungsaufnahme, weil sie ihrem Elend so ein schnelleres Ende machen wollten.
Aber wer nicht essen wollte, wurde so lange gefoltert, bis er wieder etwas zu sich nahm, ohne es wieder auszuspucken.
Andere, die noch mehr am Leben hingen, versuchten zu flüchten.
Wenn sie es schafften, nicht erwischt zu werden, waren sie frei...
Gescheiterte Fluchtversuche wurden aber aufs härteste bestraft.
Beim ersten Mal wurden ihnen beide Ohren abgeschnitten und sie bekamen ein Brandmal auf die Schulter.
Der zweite Fluchtversuch zog zertrümmerte Knie und ein weiteres Brandmal nach sich und wer zum dritten Mal erwischt wurde, war tot.
Die Weissen behandelten uns wie Tiere und diese hatten es genau betrachtet noch besser als wir...
Wir durften nichts besitzen, schon gar nicht ein Tagebuch, wie ich es hatte. Ich versteckte es sorgfältig unter einer losen Bodendiele und hoffte..., denn wenn sie es gefunden hätten...
Auch unseren eigenen Glauben durften wir nicht ausüben. 50 Peitschenhiebe gab es, wenn wir bei einer unserer eigenen Zeremonien entdeckt wurden.
Sie nahmen uns alles: Familie, Heimat, Glaube, Besitz...
Und mit unserem Leben machten sie, was sie wollten.
Obwohl wir alle im gleichen Boot sassen, waren wir nicht in der Lage, uns gegenseitig zu trösten und zu stützen. Wir hatten Angst, standen ständig am Rand der Erschöpfung und sahen keine Möglichkeit aus dieser Tretmühle auszubrechen.
So ein Leben konnte ich mir in den schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen.
Ich war überzeugt, schlimmer könnte es nicht kommen.
Wie dumm ich doch war.
Eines Abends gab die Herrschaft einen Ball. Weil am nächsten Morgen alles im Haus wieder sauber sein musste, war ich noch lange nach den anderen unterwegs.
Um in mein Quartier zu kommen, musste ich ein paar hundert Meter durch einen Wald gehen.
Als mir ein Gruppe Männer entgegenkam, versuchte ich mich in einem Gebüsch zu verstecken. Ich wusste, was passieren würde, wenn sie mich entdeckten.
Offensichtlich waren sie aber nicht betrunken genug, um nichts mehr zu bemerken. Sie zerrten mich auf den Weg und schleppten mich in einen nahe gelegenen Unterstand. Dort vielen sie, einer nach dem anderen über mich her.
Bevor sie mich in Ruhe liessen, sagte der Sohn meines Besitzers, wenn ich am nächsten Abend nicht wieder hierher kommen würde, wäre ich tot.
Ich wollte nicht sterben, also ging ich jedes Mal hin, wenn er es mir befahl...
Es kam wie es kommen musste... Ich wurde mit einem Kind gesegnet.
In diesem Fall sollte es eher eine Bestrafung sein, denn Sklavinnen die Schwanger wurden, wurden mit dem Tod bestraft.
Anfangs konnte ich meinen Bauch noch verstecken. Aber nach einer gewissen Zeit musste ich anfangen ihn mit alten Tüchern abzubinden. Lange konnte ich dieses Versteckspiel nicht mehr spielen.
Ich wollte doch nicht sterben!
Und zu fliehen traute ich mich nicht: Was sollte ich bloss tun?
In der Zwischenzeit waren sechs Monate vergangen und ich wunderte mich, weil biss jetzt noch kein Weisser auf mein “kleines” Geheimnis aufmerksam wurde. Aber lange konnte es nicht mehr dauern.
Einige Tage später, als ich meine Arbeit auf dem Feld verrichtete wurde ich plötzlich von heftigen Bauchkrämpfen überfallen. Der Aufseher kam auf mich zu und ich wusste, dass dies mein Ende sein würde. Er packte mich und schrie mich an, dann zerrte er mich mit Gewalt zum Herrenhaus.
Ich wusste genau was mir bevorstand, ich würde sterben.
Dies war meine letzte Nacht in der Sklavenunterkunft. Ich saß alleine in einer dunklen Ecke der Hütte und dachte über mein bisheriges Leben nach. Bis zu dieser Nacht des Überfalls war alles normal gewesen und jetzt werde ich als wertlose Sklavin getötet.
Haben Menschen das Recht anderen das Leben zu zerstören oder es gar zu beenden?
Die Nacht verging langsam, der einzige Gedanke der mir durch den Kopf ging, war der, dass ich sterben werde und dass vor Augen der ganzen Plantage. Als die Sonne aufging überkam mich eine schreckliche Angst, würde der Tod schmerzhaft sein?
Der Aufseher betrat die Unterkunft und grinste mich voller Schadenfreude an, packte mich am Arm und zog mich auf den offen Platz im Lager. Gross und bedrohlich stand der Galgen in der Mitte des Platzes. Mir wurden die Hände am Rücken gefesselt und ich wurde auf den Galgen gescheucht. Der Henker legte mir den Strick um und zog ihn fester. Erhobenen Hauptes und ohne zu blinzeln stand ich da und blickte in das “Publikum“. Der Henker stieß mich von dem kleinen Vorsprung und das letzte was ich wahrnahm, war das hämische Grinsen meines Peinigers.
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