Strukturwandel der Wirtschaft in den Niederlanden

Kategorie: Erdkunde
Eingesendet: 11.10.2007
Wörter: 10515
Autor: moodsmatzen
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Strukturwandel der Wirtschaft in den Niederlanden

Wirtschaft

Die Niederlande sind, und dies schon seit Jahrhunderten, eine Handelsnation. Nicht nur die offene Wirtschaft sondern auch die offene Mentalität der Niederländer hat dazu beigetragen. Sie finden sich mühelos im Ausland zurecht, haben gute Fremdsprachenkenntnisse und finden Lösungen für nahezu unmögliche Projekte.
Wegen ihrer starken internationalen Ausrichtung ist die niederländische Wirtschaft relativ anfällig für Einflüsse durch Ereignisse im Ausland. So haben die rückläufige Weltkonjunktur, verstärkt durch die Talfahrt an den Börsen, die Anschläge vom 11. September 2001, der Krieg im Irak und der Ausbruch der SARS-Epidemie deutliche Spuren hinterlassen. Dennoch waren die Niederlande 2003 die achtgrößte Exportnation der Welt (bei Einbeziehung der Dienstleistungen).
In den Niederlanden sind 7,5 Millionen Männer und Frauen erwerbstätig, davon über 75 % im Dienstleistungssektor. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt derzeitig pro Kopf 27 900 Euro. Die Arbeitslosenquote lag 2003 bei durchschnittlich 5,3 %. Der Staat, das Bildungs- und das Gesundheitswesen waren 2003 die am schnellsten wachsenden Wirtschaftssektoren.

Konsensökonomie

Die niederländische Wirtschaft wird gelegentlich als "Konsensökonomie" bezeichnet. Der Begriff nimmt auf die ausgeprägte Dialog- und Verhandlungskultur Bezug, die in den Niederlanden eine lange Tradition hat. Ein Beispiel hierfür ist die intensive Zusammenarbeit von Staat, Gewerkschaften und Unternehmen.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer stehen in einem speziell hierfür geschaffenen Gremium ständig miteinander in Kontakt. Der Staat vermeidet jede Form von Zwang. Dieses Wirtschaftsmodell, das sog. "Poldermodell", bewährt sich auch in Zeiten schwacher Konjunktur. So haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf längerfristig minimale Lohnzuwächse verständigt, um so die Wettbewerbsposition niederländischer Unternehmen zu verbessern, die sich seit dem Jahr 2000 durch die Wertsteigerung des Euro und die steigenden Arbeitskosten verschlechtert hatte.
Anteil der einzelnen Sektoren

Anteil der einzelnen Sektoren an der niederländischen Wirtschaft (2003):

Sektor
% des BBP

Landwirtschaft und Fischerei
3%

Bergbau
2%

Industrie
36%

Dienstleistungen
50%

Staat
9%

Insgesamt
100%

Strategisch günstige Lage

Die Niederlande haben eine wichtige Distributionsfunktion. Dank ihrer günstigen Lage an der Nordsee im Mündungsdelta von Rhein, Maas und Schelde konnten sie sich zum "Tor Europas" entwickeln. Sie sind ein attraktiver Standort für weltweit operierende Unternehmen. Besonders geschätzt werden die hochmoderne Infrastruktur für den Gütertransport, den Personenverkehr und die Datenübertragung.

Die wichtigsten logistischen Drehscheiben sind der Rotterdamer Hafen und der Flughafen Amsterdam-Schiphol, über den ein großer Teil der Einfuhren aus den Vereinigten Staaten und Asien abgewickelt wird. Seeschiffe bringen jährlich Abermillionen Tonnen von Gütern nach Rotterdam, dem größten Seehafen der Welt. Schiphol ist, gemessen am Luftfracht- und Passagieraufkommen, der viertgrößte Flughafen Europas.

Die niederländischen Speditionsunternehmen haben sich daher vor allem um diese beiden Umschlagzentren herum angesiedelt. Die bekanntesten sind Nedlloyd, Frans Maas und Smit International. Das älteste nationale Luftfahrtunternehmen der Welt, KLM Royal Dutch Airlines, sah sich 2003 zur Fusion mit der französischen Fluggesellschaft Air France veranlasst.
Außenhandel

Mehr als die Hälfte des niederländischen Bruttoinlandsprodukts wird im Außenhandel erwirtschaftet. Über die Hälfte der niederländischen Ein- und Ausfuhren sind Nahrungsmittel, chemische Erzeugnisse und Maschinen aller Art.

Unter die letztgenannte Gruppe fallen auch Computer und Computerteile; sie machen sogar den größten Teil dieser Kategorie aus. Typisch für die Niederlande als Transit- und Distributionsland ist, dass ein hoher Prozentsatz der eingeführten Produkte, z. B. Computer, für andere Länder bestimmt ist und, zum Teil nach minimaler Weiterverarbeitung, gleich wieder ausgeführt wird.

Die wichtigsten Absatzmärkte sind Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien und die USA; in diese Länder gehen allein zwei Drittel des niederländischen Gesamtexports. Deutschland ist mit 24 % der größte Handelspartner der Niederlande. Im Mai 2004 sind der Europäischen Union zehn neue Mitgliedstaaten beigetreten.

Die Niederlande profitieren von der EU-Erweiterung. Der Handel mit den neuen EU-Staaten wächst bereits in hohem Tempo. Die Warenausfuhr in diese Länder stieg im Zeitraum 1993-2002 um 17 %.
Multinationale Unternehmen

Viele niederländische Unternehmen operieren auf internationaler Ebene. Die drei Spitzenreiter der internationalen Handelsunternehmen sind Ahold, SHV Holdings und Hagemeyer. Auch viele Industriebetriebe sind im Handel aktiv; bekannte Namen sind hier Unilever, Philips, Akzo Nobel und Shell. Die großen Tiefbauunternehmen - auf diesem Gebiet nehmen die Niederlande traditionell eine starke Position ein - Boskalis, HAM und Ballast Nedam sind vor allem im Ausland tätig.

Im Bereich der internationalen Tele- und Datenkommunikation ist KPN Nederland ein bekannter Name. Das Unternehmen ist in zahlreichen internationalen Kooperationen aktiv.
Auch die niederländische Industrie ist stark international ausgerichtet. Ihre Produkte werden weltweit verkauft und die Unternehmen unterhalten Niederlassungen und Joint Ventures in aller Herren Länder.

Die wichtigsten Sektoren sind die chemische Industrie, die Nahrungsmittel- und die Metallindustrie sowie die Erdgas- und die Erdölindustrie. Auch die Druck- und die elektrotechnische Industrie spielen eine bedeutende Rolle. Die Metall verarbeitende Industrie hat sich vor allem auf den Maschinenbau spezialisiert. Die mit hochmodernen elektronischen Steuerungen ausgerüsteten Maschinen eignen sich auch für den Einsatz in der Nahrungsmittelindustrie, der chemischen Industrie und im Transportwesen.

Die Elektronikindustrie erhielt dadurch starke Impulse. Computer und Computerteile hatten 2002 den größten Anteil am Zuwachs der Exporte, vor allem der Exporte in die aufstrebenden Märkte beispielsweise in Mittel- und Osteuropa.
Dienstleistungen und technologische Zusammenarbeit

Der Dienstleistungssektor hat sich in den Niederlanden längst zum größten Wirtschaftszweig entwickelt. Die wichtigste Branche innerhalb dieses Sektors ist der Handel, gefolgt vom Transport- und Kommunikationssektor, dem Baugewerbe, den Unternehmensdienstleistungen und dem Banken- und Versicherungswesen.Die größten Banken sind ABN Amro und ING. Auch viele ausländische Unternehmen und Behörden machen von den Diensten dieser Banken Gebrauch.

Während die Produktion im Bereich der kommerziellen Dienstleistungen 2003 zurückging, verlief die Entwicklung im Telekommunikations- und Finanzsektor relativ günstig. Innerhalb des Dienstleistungssektors weist vor allem die Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK) ein hohes Wachstumspotenzial auf, besonders dort, wo sie mit Innovationen einhergeht. So verspricht man sich von Ausstrahlungseffekten der IuK eine Steigerung der Produktivität: Durch vielfältige Vernetzungen können Unternehmen Mehrfachinvestitionen vermeiden und so voneinander profitieren.
Förderung durch den Staat

Mit der am 1. Januar 2004 in Kraft getretenen Zuschussregelung für Innovationen im Rahmen von Kooperationsprojekten fördert der Staat die Zusammenarbeit im Bereich von Forschung und Entwicklung. Unternehmen und öffentliche Wissensinstitutionen werden angeregt, nationale und internationale Kooperationen zu entwickeln.

Die gemeinsame Nutzung von Wissen und Erfahrung kann Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil bringen und die Innovationsfähigkeit der niederländischen Wirtschaft insgesamt stärken. Rund 5000 Unternehmen forschen im eigenen Hause nach verbesserten und innovativen Produkten und Herstellungsverfahren. Die fünf wichtigsten davon sind die multinationalen Konzerne Philips, Shell, Akzo Nobel, DSM und Unilever.
Energieversorgung

Dank umfangreicher Vorkommen im Norden des Landes konnten sich die Niederlande zum größten Erdgasproduzenten Westeuropas entwickeln. Sowohl auf dem Festland als auch in der Nordsee, genauer gesagt im niederländischen Teil des Festlandsockels, fördern Energieversorgungsunternehmen Erdgas und auch Erdöl.

Der Rotterdamer Hafen ist für die Energieversorgung Westeuropas von immenser Bedeutung. Für Europa bestimmtes Rohöl wird in enormen Mengen mit Schiffen zu den riesigen Raffinerien und Umschlagbetrieben im Hafen gebracht. Ein großer Teil des Erdöls und der Erdölprodukte wird von dort aus direkt in die Industriegebiete in Deutschland und Belgien weitertransportiert.
Die Raffinerien und Offshore-Betriebe sind für die Zulieferer der Erdöl- und Erdgasindustrie wichtig.

So gibt es in den Niederlanden vier große Stahlkonstr uktionsunternehmen, die komplette Chemiefabriken, Erdölraffinerien und Offshore-Anlagen entwerfen und bauen. Dutzende anderer Unternehmen liefern hochspezialisierte Geräte. In Versuchsanlagen werden die Bedingungen auf See simuliert und Modelle von Offshore-Anlagen getestet.
Internationale CO 2-Politik

Die Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen, wie sie im Kyoto-Protokoll vereinbart worden ist, gehört - nicht zuletzt wegen des engen kausalen Zusammenhangs mit dem Wachstum der Wirtschaft - zu den schwierigsten aktuellen Aufgaben des globalen Umweltschutzes. Trotz vielfältiger Anstrengungen und strenger Umweltschutznormen für die Unternehmen hat in den Niederlanden der Ausstoß von Kohlendioxid (CO 2) in den letzten Jahren weiter zugenommen.

Der Grund hierfür liegt vor allem darin, dass exportorientierte Wirtschaftszweige wie die chemische Industrie, die Ölindustrie und der Transportsektor Energie-Großverbraucher sind.
Wegen der starken Exportorientierung der niederländischen Wirtschaft sind nationale Maßnahmen zur Verminderung der Treibhausgase teurer als Maßnamen, die im internationalen Rahmen getroffen werden.

Reduktionsmaßnahmen erhöhen nämlich die Kosten der niederländischen Exportwirtschaft beträchtlich. Das europäische Emissionshandelssystem, das 2005 in der EU eingeführt wird, ermöglicht den Niederlanden eine effiziente Realisierung des Kyoto-Ziels. So soll es beispielsweise möglich werden, durch den Ankauf von Emissionsrechten (Zertifikaten) in anderen Ländern den CO 2-Ausstoß dort reduzieren zu helfen und so im eigenen Land Kosten für teure Reduktionsmaßnahmen zu sparen.

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