| Kategorie: | Deutsch |
|---|---|
| Eingesendet: | 30.07.2005 |
| Wörter: | 29020 |
| Autor: | marymaus90 |
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Aus der Lektürehilfe zu Nathan der Weise
1. Motto/ Leitthema/ Gesamtkonzeption
Lessing stellt seinem Drama als Leitspruch (Motto) ein Wort des römischen Gelehrten Aulus Gelius (zweites Jahrhundert nach Christus) voran: „Introite, nam et heic Dii sunt“ – Tretet ein, denn auch hier sind (die) Götter. Fordert er den Leser damit auf in seinem Stück etwas zu entdecken, was auf letzte (göttliche) Wahrheit hinweist? Ist es auch ein hintersinniger Hinweis darauf, dass er in diesem Theaterstück die ihm verbotene Auseinandersetzung über Fragen des Gottesglauben und der Religion fortsetzt?
Jedenfalls soll der Leser etwas erkennen, wird er auf einen Weg zu besserer Einsicht geführt, soll am Ende vielleicht „weiser“ sein als zuvor. Es geht um die Erziehung vom „Wahn“ zur „Wahrheit“, die zum Leitthema und Ziel dieses Weges wird (I,1). Lessing zeigt modellhaft, wie jede seiner Hauptfiguren diesen Weg durchläuft. Nathan, der Jude, ist ihn allein gegangen (IV,7) und so zum „Weisen“ geworden. Er kann deshalb seine Adoptivtochter Recha (I,2) und den moslemischen Sultan Saladin (III,5-7) zur Einsicht führen. Alle drei tragen zur Erziehung des Christen, des Tempelherrn, bei. Dessen Lernweg durchzieht alle fünf Aufzüge des Dramas, und Lessing demonstriert an ihm die psychologischen Schwierigkeiten und Rückfälle eines solchen Lernprozesses.
Zielstrebig entwickelt Lessing das Leitthema in den fünf Akten des Dramas, deren Szenen sich jeweils in mehrere Szenengruppen gliedern lassen.
I: Exposition
1-3: Einführung Nathans: Rückkehr nach Jerusalem, Nathan erzieht Recha, Nathan und der Derwisch Al Hafi
4-8: Der Stolz des Tempelherrn
II: Entwicklung
1-3: Sultan Saladin, seine Pläne, sein Geldmangel
4-8: Die Erziehung des Tempelherrn beginnt
9: Al Hafis Alternative
II: Wendepunkte:
1-3: Der Tempelherr liebt das Judenmädchen
4-7: Nathan erzieht Saladin
Die Ringparabel als Kern der Botschaft
8-10: Die Verwirrung des Tempelherrn
IV: Krisis
1-2: Der Tempelherr sucht Rat beim Patriarchen
3-5: Der Tempelherr verklagt Nathan beim Sultan
6-8: Nathans (Selbst-)Erziehung als Vorgeschichte
V: Lösung
1-2: Saladins Ungang mit dem Geld: Erziehung durch Vorbild?
3-5: Neue Selbstbesinnung und neue Verwirrung des Tempelherrn
6-8: Die Lösung des Knoten
Die wechselseitigen Verknüpfungen der (Menschheits-)Familie
I. Aufzug: Exposition
Der Leser wird die Expositionsfunktion des ersten Aufzuges erkennen. Ort und Zeit der Handlung und fast alle Figuren werden direkt oder indirekt eingeführt, die Figuren im Dialog charakterisiert, die Ausgangssituation mit ihrer unmittelbaren Vorgeschichte (der Begnadigung des Tempelherrn, dem Brand des Hauses Nathans, der Rettung Rechas) vorgestellt. Schon der erste Auftritt deutet eine dreifache Spannung an: ein Geheimnis um die Herkunft Rechas; das Verhalten gegenüber Anders-gläubigen als möglichen dramatischen Konflikt; die Erziehung vom „Wahn“ zur „Wahrheit“ – das Leitthema. Nathan steht im Mittelpunkt der ersten Szenengruppe (I,1-3): er erscheint als reicher Kaufmann und besorgter Vater, gibt Beispiele seiner Weisheit in der Erziehung Rechas und im Dialog mit Al Hafi von der Geldnot des Sultans, mit der er nichts zu tun haben will. Mittelpunkt der zweiten Szenengruppe ist der Tempelherr: hochmütiger Stolz des jungen Christen lässt ihn Juden verachten, innere Überzeugung aber auch ein intrigantes Ansinnen des christlichen Patriarchen zurückweisen.
Der erste Aufzug wirft damit eine Reihe von Fragen auf, auf deren Beantwortung der Leser oder Zuschauer gespannt sein kann. Was verbirgt sich hinter dem Geheimnis um Rechas Herkunft? Was entwickelt sich aus Al Hafis Dilemma, was aus der Widersprüchlichkeit im Verhalten des Tempelherrn, aus seiner Gegenposi-tion zu Nathan? Wird Saladin, wird der Patriarch direkt in das Geschehen eingreifen? Und welche Rolle spielt der „weise“ Nathan dabei, wird seine Weisheit herausgefordert, auf die Probe gestellt, kann sie sich bewähren?
Der Leser erkennt, dass Lessing sich auf sehr sparsame Regieanweisungen beschränkt und die Exposition daher fast ausschließlich in dialogische Rollensprache einbettet. Hilfreich kann die Beobachtung als Schlüsselwörter durch mehrfache Wiederholung hervorgehoben werden:
„verbrannt“, „Gewissen“ und „schweig“, „Wahn“ (zu „Wahrheit“) in I,1; „Engel“, „Wunder“, „Mensch“ in I,2; „Mensch“ in I,3 usw.
II. Aufzug: Entwicklung
Der zweite Auftritt setzt zunächst mit dem Auftreten Saladins und seiner Schwester die Exposition fort; zugleich dienen seine drei Szenengruppen der Entwicklung und Steigerung des dramatischen Geschehens. Saladins Geldnot wird präzisiert, Nathan als möglicher Geldgeber ins Spiel gebracht, ein „Anschlag“ Sittahs auf ihn angekündigt (II,1-3); Nathan zu Saladin beordert (II,6).
Im Mittelpunkt des Aufzuges (II,4-8) steht die Begegnung Nathans mit dem Tempelherrn. Nathan macht ihm ein Denken „guter Menschen“ bewusst, das sowohl ein bloßes Pflicht- und Gehorsamsdenken wie auch die Unterschiede zwischen Völkern und Religionen übergreift; Recha darf seinen Besuch erwarten. Nathan deutet die Möglichkeit einer Liebe zwischen Recha und dem Tempelherrn und einen Plan an, der offenbar auch mit dem Geheimnis um Rechas Herkunft zu tun hat (Dajas Gewissen „soll dabei seine Rechnung finden“). Allerdings wird ihm jetzt die Herkunft des Tempelherrn zur Frage. Er entdeckt seine Ähnlichkeit mit einem früheren Freund und der rätselhafte Satz des Templers, den er „mit Erstaunen“ wiederholt, scheint dadurch zu einem ‚Schlüsselsatz’ zu werden: „Der Forscher fand nicht selten mehr, als er zu finden wünschte“.
In der letzten Szene (II,9) zerreißt Al Hafi seine Verstrickung in das Netz von Geld und Macht, in das Nathan offensichtlich hineingezogen werden soll und zeigt eine herausfordernde Alternative auf. Damit ist allerdings seine dramatische Funktion beendet, er scheidet aus der Handlung des Dramas aus.
Die Erwartung des Lesers richtet sich jetzt zum einen auf die Begegnung zwischen Recha und dem Tempelherrn: Was wird sie ergeben? Zum anderen aber haben alle drei Szenengruppen mehr oder weniger auf das Zusammentreffen Nathans mit dem Sultan Saladin hingearbeitet: Sittah plant einen Anschlag auf Nathan, Nathan ist zu Saladin beordert und unterwegs zu ihm, er weiß um Saladins Geldmangel und ist auch bereit, für Al Hafi noch ausstehende Abrechnung zu bürgen. Al Hafi hat ihn gewarnt, dass Saladins Verschwendung seine „weise Milde“ ruinieren werde.
III. Aufzug: Wendepunkte
In den drei Szenengruppen des dritten Aufzugs führt Lessing, formal der Struktur des klassischen fünfaktigen Dramas entsprechend, die Handlung zur Peripetie, dem Umschwung vom Höhepunkt zur Krise. So erwacht im christlichen Tempelherrn (III,1-3) bei seiner ersten Begegnung mit Recha die Liebe zu dem (vermeintlichen) Judenmädchen, aber gerade dadurch gerät er in neuen innerlichen Konflikt mit seinem Ordensgelübte als Tempelritter. Dem Juden Nathan gelingt es (III,4-7), den mohammedanischen Sultan Saladin in die Erschütterung vertiefter Erkenntnis zu führen – die Ringparabel wird zum bildhaften Mittelpunkt des Dramas –l; Moslem und Jude schließen Freund-schaft. Nathan, von dieser Begegnung mit Saladin zurückkehrend, „glüht heitre Freude“ (III,8). Doch dann erweist sich (III,8-10), wie wenig noch das neue Denken im Tempelherrn verarbeitet und gefestigt ist. Nach einem Versuch, seinen inneren Zwiespalt rasch zugunsten der Liebe zu überwinden, stürzen ihn Nathans Zögern und Dajas Preisgabe des Geheimnisses um Rechas Herkunft in neue Verwirrung. Daneben nimmt der Aufzug auch das Motiv der Herkunft des Tempelherrn wieder auf: Saladin will Sittah das „Ebenbild“ ihres Bruders zeigen und beauftragt Nathan, den Ritter zu holen (III,7), dieser erwähnt seinen früh verstorbenen Vater (III,8), nach dem auch Nathan fragt, ohne eine ihn befriedigende Antwort zu bekommen (III,9).
Nathans „Märchen“ ist als die „Ringparabel“ bekannt. Dabei versteht man unter der literarischen Form der Parabel (vom griechischen Verb paraballein, nebeneinanderstellen) „eine Erzählung mit selbstständiger Handlung, in der eine Wahrheit aus einem anderen Vorstellungsbereich anschaulich gemacht wird“ (Ivo Braak, Poetik in Stichworten). Es lassen sich also ein Bildbereich und ein Übertragungsbereich einer Parabel unterscheiden, wobei der Übertragungs-bereich, auch „Sachhälfte“ genannt, oft gar nicht ausgesprochen wird. Nathans Erzählung der Ringparabel wechselt zwischen beiden Bereichen.
Wie eng Lessing die Ringerzählung mit der dramatischen Handlung verflochten hat, mag nicht nur die Beobachtung zeigen, dass die Auftritte III,4-7 genau in der Mitte des Dramas stehen, im Gipfelpunkt der Peripetie und dass die Handlung des gesamten Dramas als hintergründige Umsetzung der Parabel verstanden werden kann (darüber mehr im Kapitel „Dramatische Komposition“), sondern auch ihre Verquickung mit dem Entwicklungsprozess der „Erziehung“ und Selbsterkenntnis Saladins. Schon die drei Vorszenen verbinden äußere und innere Handlung. Die äußere Handlung zielt von der Planung des Anschlags (III,4) über Saladins verfängliche Frage (III,5) und Nathans Nachdenken (III,6) auf Nathans Antwort (III,7). Innerlich wird Saladins Erschütterung vorbereitet durch seine Bedenken gegenüber dem Anschlag (III,4) und den Dialog über Klugheit und Weisheit (III,5): Saladin weiß theoretisch, was „weise“ ist, verhält sich aber im folgenden nur „klug“, fordert Aufrichtigkeit von Nathan, wo er selber doch unaufrichtig ist und Nathan eine Falle stellen will. Nathans Antwort aber, der rettende Einfall der Märchenerzählung, ist wie der Leser unschwer erkennt, nicht nur Ausweg, sondern birgt letztendlich Nathans – und Lessings? – Glaubensbekenntnis.
Der dritte Aufzug entlässt den Leser wieder mit der dreifachen Erwartungs-spannung des Herkunftsgeheimnisses, der Auseinandersetzung der Religionen und der Erziehung von „Wahn“ zur „Wahrheit“. Wer ist der Vater des Tempelherrn und worin bestand sein „Fall“ (III,8)? Wie kam das Christenkind Recha zum Juden Nathan? Ist Nathans „Weisheit“, seine Menschlichkeit, nur eine Theorie der schönen Worte, hinter der eine Lüge steht? Und wird der Christ, der Tempelherr, in religiöses Gruppendenken, in Intoleranz zurück-fallen? Wird sein Zweifel am Menschen Nathan zum Zweifel an der Idee der Menschlichkeit?
IV. Aufzug: Krisis
Der IV. Aufzug treibt die Handlung in zunehmender Verschränkung der drei Spannungsebenen (Herkunftsmotiv, Religionskonflikt, Erziehungsthema) in die Krise, bereitet aber zugleich mit positiven Teillösungen die Lösung des V. Aufzuges vor.
Die Verwirrung des Tempelherrn zeigt, wie sehr die in den ersten drei Aufzügen entfaltete menschheitsumfassende Ethik der (auf Gott bezogenen) Vernunft und Menschlichkeit noch im Kampf liegt mit den alten Vorurteilen der religiösen Intoleranz. In der ersten der drei Szenengruppen (IV,1-2) sucht er als Christ den aufrichtigen Rat eines erfahrenen Christen – und begegnet im christlichen Patriarchen von Jerusalem der abstoßenden Verkörperung eines machtstrebenden Unfehlbarkeitsanspruchs. Er gibt daraufhin Nathans Namen nicht preis, entlarvt ironisch die Doppelzüngigkeit der Drohung mit dem Sultan, bewirkt so das ängstliche Umschwenken des Patriarchen zu aufdringlicher Schmeichelei und verlässt ihn angewidert.
Aus persönlicher Zuneigung und menschlicher Achtung erwächst Freundschaft zwischen Saladin, dem Moslem, und dem Tempelherrn, dem Christen, seinem früheren Feind. Als der Tempelherr Nathan bei Saladin anklagt, begegnet er in Saladin dem nun in seiner Erkenntnis Sicheren, der ihm seinen Rückfall in (christlichen) intoleranten Fanatismus bewusst macht.
Schließlich führt die letzte Szenengruppe des Aufzugs (III,6-8) zum neuen Höhepunkt des Dramas. Nathans eigene Krise liegt in seiner Vorgeschichte. Sein eigener Weg zur „Weisheit“, seine (Selbst-) Erziehung – die Ergebung in „Gottes Ratschluss“, die Überwindung „unversöhnlichstem Hass(es)“ gegen die Christenheit, die Annahme des Christenmädchens Recha. In der Heraus-forderung der neuen Krise muss er diese Haltung bewähren mit der Bereitschaft zur Freigabe Rechas. Nathans Vorgeschichte zeigt, dass seine „Weisheit“ nicht blasse Idealität, sondern aus einem erschütternden Schicksal erwachsen ist.
Das Geschehen im IV. Aufzug wird durch das Herkunftsmotiv vorangetrieben. Dajas Information über Rechas christliche Herkunft (III,10) bringt den Tempelherrn zum Patriarchen (IV,1-2); des Patriarchen Auftrag an den Klosterbruder, den Juden ausfindig zu machen führt den Klosterbruder zu Nathan (IV,7). Das Bildnis Assads (IV,3) und die Bestätigung der Ähnlichkeit des Tempelherrn mit Assad in Aussehen, Sprechton und Charakter deuten eine mögliche Vaterschaft Assads an (IV,5). Die Begegnung Nathans mit dem Klosterbruder bringt zutage, wie Recha zu Nathan kam und wer ihre Eltern sind (IV,7);ein Gebetbuch Wolf von Filneks, Rechas Vater, das der Klosterbruder Nathan bringen will, soll weiteren Aufschluss über Rechas Angehörige bringen (IV,7).
Die Erwartungen des Lesers dürften sich auf das lange vorbereitete Zusammentreffen der Hauptfiguren beim Sultan richten. Äußerlich drängt das Herkunftsgeheimnis auf seine Lösung: Was wird das Gebetbuch Wolfs von Filnek enthüllen, das der Klosterbruder Nathan bringen will? Ist der Tempelherr mit Assad, ist Recha – als Nichte eines Conrad von Stauffen, den der Tempelherr als seinen Vater angab (III,9) – mit dem Tempelherrn verwandt? Im Verhalten der Angehörigen der verschiedenen Religionen zueinander hat der Moslem Saladin seine neue, der Jude Nathan seine vergangene Erkenntnis in praktischem Handeln erneut bewährt – doch hat nun auch der Christ, der Tempelherr, schon genug gelernt, hat er aus seiner Verwirrung, seinem Rückfall in intolerantes Gruppendenken, endgültig herausgefunden?
V. Aufzug: Lösung
Zielstrebig führt der fünfte Aufzug nach der Krise des vierten in drei Szenengruppen zur Lösung hin. Saladins Geldnot, das vorher handlungs-reibende Motiv, das zu Saladins Begegnung mit Nathan und damit zur Ringparabel, zu Saladins ‚Erziehung’ geführt hat, endet. In seinem selbstlosen Umgang mit diesem Geld spiegelt sich sein Glaube an die Besserung der Menschen, an die Möglichkeit ihrer Erziehung durch eigenes beispielhaftes Vorbild (V,1-2). Saladins Einfluss wirkt auch in einer neuen Selbstbesinnung des Tempelherren nach, scheint seine Erziehung zu erkenntnisvollem Ende zu führen (V,3), da stürzt ihn eine neue Begegnung mit Nathan in neue Verwirrung. Hatte er sich im vierten Aufzug in christlichem trotz gegen Juden und Moslems verwahrt, so erkennt er in V,3 zwar die Einseitigkeit dieser Haltung und löst sich von ihr, fällt aber nun (in V,5) ins entgegengesetzte Extrem der scharfen polemischen Absage an alles Christliche – bis hin zur erregten Andeutung, die Religion zu wechseln. Erst in der letzten Szene des Dramas (V,8), nachdem er sich trotzig zurückziehen will und Nathan sogar des Betrugs verdächtigt, führt ihn die endgültige Enthüllung des Herkunftsgeheimnisses „demütig“ zur Einsicht.
Das Gebetbuch Wolf von Filneks, das der Klosterbruder Nathan bringt (V,4), löst Nathan das Herkunftsrätsel. Sein Hinweis auf die Existenz eines Bruders Rechas, der sich – vielleicht sogar mit dem Bruder Sittahs – bei Saladin finden lasse (V,5) mag die Neugier des Lesers noch einmal steigern. Nach des Tempelherrn Erkenntnis, Rechas wahrer Vater bleibe „in Ewigkeit“ Nathan (V,3), wirft Rechas Erschütterung über Dajas Mitteilung, Nathan sei nicht ihr wahrer Vater (V,6), nochmals das Problem wahrer Vaterschaft auf, die – so Saladin (V,7) – über die Vaterschaft des Blutes hinaus erst zu „erwerben“ sei (wohl: durch liebevolle Pflege und Erziehung). Saladins Andeutung einer Verbindung zwischen ihr und einem, den er „hierher bestellt“ habe, erweckt im Leser nochmals eine – allerdings irreführende – Erwartung (V,7), bis schließ-lich Nathans Aufdeckung der Verwandtschaftsverhältnisse die Lösung bringt. Recha und der Tempelherr erkennen sich als Geschwister, bekennen sich zu Nathan als ihrem geistigen Vater und umarmen ihre Blutsverwandten Saladin und Sittah (V,8).
Was, vordergründig betrachtet, als rührende Familienszene und geschickte Lösung eines Verwicklungsdramas erscheinen mag, wird hintergründig zum Sinnbild. Die durch Irrungen und Wirrungen getrennten, aber von Natur zusammengehörenden Bluts- und Geistesverwandten werden durch das Zusammenspiel wunderbarer Fügungen wieder vereint. Damit offenbaren sich Juden, Christen und Moslems als Glieder der einen, zusammengehöriger Menschheitsfamilie. Ihr Zusammenfinden wird so gleichsam zur Utopie, zum vorausgespiegelten Modell eines erhofften Menschheitsweges: vom „Wahn“ der Religionskämpfe führt vernunftgeleitete Erkenntnis und Selbsterziehung zur „Wahrheit“ gegenseitiger Befreundung und Menschenliebe.
Mit dem Verhalten der Christen im Drama (Patriarch und Tempelherr, Klosterbruder und Daja) hält der Christ Lessing seinen Landsleuten, seinen Glaubensgenossen, seiner Kirche einen Spiegel vor: als Kritik zum einen, aber zugleich und, vor allem, als Hilfe zu lernender Einsicht. Der junge Tempelherr, dessen mühsamen Lernweg alle fünf Aufzüge des Dramas durchzieht, wird dabei aus naiver Autoritätsgläubigkeit und gehorsamem Pflichtdenken zu einem neuen Bewusstsein geführt – zu einer auf gottgegebene Vernunft vertrauenden, selbstverantwortenden Menschlichkeit. Er findet darin wider neue Identität – wird auf neue Weise wieder eins mit sich selbst und seiner Herkunft: „Ihr gebt/ Mir mehr, als Ihr mir nehmt! Unendlich mehr!“ (V,8)
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Aber ich kapiere immer noch nicht warum der Saladin in Geldnot ist?
Wow! Kurz und präzise!! Richtig gut! 1+!!!
genial echt toll
thx
echt super
thx