Neue Lieblingsmusik - As We Make Our Way

Wed, 20 Apr 2016 09:56:00 GMT von

Dieser Tage veröffentlichte die britische Band Sophia ihr sechstes Studio-Album "As We Make Our Way (Unknown Harbours)". Wieder einmal erhält der geneigte Hörer die Chance sich in wunderbar tiefschürfenden Indie-Rock zu verlieben.

Wer Sophia kennt, dürfte seit letzter Woche Freitag im siebten Himmel schweben. Sieben Jahre mussten Fans der melancholisch, nachdenklichen Kompositionen von Robin Proper-Sheppard auf neue Musik warten. Zugegeben, jedes seiner Alben bietet Hörgenuss für mehrere Monate, denn mit jedem Durchlauf lassen sich neue Facetten entdecken und man gewinnt die einzelnen Songs immer lieber. Sie werden zu einer Art Freund und Begleiter, sind Vertraute im täglichen Durcheinander des Lebens. Aber irgendwann verhält es sich damit ähnlich wie mit dem Lebenspartner: man kennt sie in- und auswendig und wünscht sich neue Impulse. "As We Make Our Way (Unknown Harbours)" ist (nicht nur) in den genussvollen Momenten gewissermaßen das Sahnehäubchen - alles fühlt sich richtig und sehr entspannend an.

Ein echter Grower

Für Kenner dürfte die Erkenntnis, dass Musik von Sophia sich am treffendsten mit dem Begriff "Grower" umschreiben lässt, keine Neuigkeit sein. Man legt das Album in den Player und mit jedem Durchlauf wächst der Genuss. Es dauert ewig, oder passiert nie, dass einem die Stücke wieder zu den Ohren rauskommen. Möglicherweise hängt das mit den zwei Gesichtern ihres Schöpfers Robin Proper-Sheppard zusammen. Auf der einen Seite legt er in wohlgesetzten Worten innerhalb der Texte sein Innerstes auf den Tisch. Diese sind typischerweise voller dunkler Emotionen, Melancholie bis hin zu schmerzhafter Trauer.

Andererseits ist Proper-Sheppard ein zu großer Liebe fähiger Mensch, der gerne lacht und der selbst von herben Rückschlägen voller selbstironischer Leichtigkeit erzählt. Im ersten Moment  scheinen beide Charakterzüge unvereinbar, trotzdem gelingt es dem Songwriter und Sänger sie auf höchst authentische Weise zusammenzuführen. Darin liegt vermutlich das Geheimnis, weshalb man Musik von Sophia nie leidhören kann: je nach eigener Stimmungsgrundlage wirken die Lieder immer wieder neu und anders.

Liebe und Drama 

Wer kennt das nicht: umso inniger und hemmungsloser eine Liebe ist, umso größer das Drama wenn sie erlischt. Proper-Sheppard gebar aus derlei Zerwürfnissen in der Vergangenheit jeweils das Thema seiner Alben. Mal mehr, mal weniger eindeutig. Doch gerade das fünfte und letzte Werk "There Are No Goodbyes", aus dem Jahr 2009, war sein bislang Traurigstes. Die anschließend eingetretene Stille hatte vor allem den folgenden Grund:"Ich hatte mir nach den schmerzvollen Erfahrungen rund um die letzte Platte, die auch davon begleitet wurden, diese Songs im Anschluss jeden Abend live zu performen, eines geschworen: Ich möchte nie wieder eine Trennungsplatte machen. Ich war dem Thema mit "There Are No Goodbyes" so nahe wie möglich gekommen, ich hatte alles darüber gesagt. Und es war ein Stück weit Selbstschutz, denn letztlich möchte ich nicht als der Musiker bekannt sein, der immer nur dann eine Platte aufnimmt, wenn er eine schwere Trennung verarbeiten muss.

Das war alles so allerdings nie geplant, es war eher eine Folge meiner Lebensumstände - zumal ich prinzipiell nichts plane, was mit Musik und ihrer Entstehung zu tun hat, aber trotzdem wollte ich herauskommen aus diesem Kreislauf, bei dem sich so ziemlich jeder Song, den ich schreibe, mit der Aufarbeitung meiner persönlichen Beziehungen auseinander setzt", erzählt Robin Proper-Sheppard und weiter: "Ich musste über die Jahre entdecken, dass ich einfach nur dann wirklich gute Songs schreibe, wenn ich mich über das Dunkle und Melancholische einem Thema nähere. Die Leichtigkeit, wertvolle Musik zu komponieren, wenn es mir rundum gut geht und mich nichts bedrückt - sie scheint mir einfach nicht zu liegen. Denn es steckt dann in meiner Komposition einfach nicht genügend Existenzielles. Und existenziell sollte es sein, was ich veröffentliche."

Lebensereignisse diktieren die Songs

Proper-Sheppard widmete sich in den letzten Jahren dem Produzieren von Nachwuchsbands, arbeitete an einem Projekt für seine treusten Fans (eine Platte mit Livesongs, die er auf Basis einer Umfrage zusammenstellte) und er schrieb Songs. Um die 50 Stück dürften laut seiner Aussage gegenwärtig so weit sein, dass man sie fertigstellen und auf ein Album packen könnte. Der Musiker sagt: "Das Schöne an diesen Songs ist, dass sie unter einem anderen Gesichtspunkt entstanden: Sie dienten keinem konkreten Zweck - also etwa als Teil einer kommenden Platte - sondern sie entstanden, weil ich ein Thema hatte, das mich ausreichend intensiv beschäftigt hat, sodass ich etwas darüber schreiben wollte." Im Unterschied zu den früheren Platten versammeln sich auf dem am 15. April 2016 erschienenen "As We Make Our Way" vorrangig Momentaufnahmen von Proper-Sheppards Erleben der letzten fünf Jahre.

Teilveröffentlichung

Von den genannten 50 Stücken, landete etwa ein Fünftel auf dem neuen Album. So erzählt etwa der Songs "California" von den Problemen mit (unzutreffender) behördlicher Fristbegrenzungen bezüglich seiner Aufenthaltsgenehmigung für Europa. Denn Proper-Sheppard lebte lange in England, ist jedoch Kalifornier. "The Drifter" berichtet von den Erfahrungen, nach etlichen Jahren in England, dem Wunsch der Neusortierung durch einen Umzug nach Belgien nachzugeben. In "Blame" setzt sich der Künstler mit Schuldfragen auseinander. Es ist ja immer einfacher dem Gegenüber die Schuld zu geben, wenn es zwischenmenschlich nicht läuft, als den Fehler bei sich selbst zu suchen.

Sophia liefert dem Hörer mit derlei poetischen Betrachtungen neue Denkanstöße, die zudem in Form intensiver Klangerlebnisse zu wahren Kleinoden der Musik werden. Wer also auf der Suche nach einem neuen Lieblingsalbum ist, sollte "As We Make Our Way (Unknown Harbours)" unbedingt in die engere Wahl einbeziehen. Damit kann man einfach nichts falsch machen. Proper-Sheppards warme Stimme streichelt das Innenohr, die gefühlvoll instrumentierten Songs hüllen ein, wärmen und wecken die Lebensgeister. Wer Sophia gerne auch auf der Bühne zuhören möchte, bekommt im April vier Gelegenheiten - die Termine dazu stehen weiter unten.

Sophia - As We Make Our Way - Tracklist:
01. Unknown Harbours (instrumental)
02. Resisting
03. The Drifter
04. Don’t Ask
05. Blame
06. California
07. St. Tropez/The Hustle
08. You Say It’s Alright
09. Baby, Hold On
10. It’s Easy To Be Lonely

Sophia Live:
24.04.2016 - Köln, Artheater
25.04.2016 - Hamburg, Nochtspeicher
28.04.2016 - München, Ampere
29.04.2016 - Dresden, Beatpol
30.04.2016 - Berlin, Kantine am Berghain

 



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