"Vielleicht wird nächstes Jahr wieder scheiße"

Fri, 23 Jun 2017 14:33:00 GMT von

Es passiert nicht oft, dass eine Band auf Anhieb so erfolgreich ist wie Imagine Dragons. Seit das aus Las Vegas stammende Quartett mit dem Song "Radioactive" 2012 den Durchbruch schaffte, stapeln sich die Platinauszeichnungen,

einen Grammy gab es auch schon, und die Arenen sind stets voll. Nach der Tour zum letzten Album "Smoke + Mirrors" (2015) brauchte die Band allerdings erst einmal eine Auszeit. Frontmann Dan Reynolds kümmerte sich nicht nur um seine Familie, sondern auch um seine Gesundheit. Dass der Sänger heute mit sich im Reinen ist, hört man dem neuen Imagine-Dragons-Album "Evolve" an. Im Interview spricht der 29-Jährige über Erfolg, Selbstakzeptanz und Depressionen.

magistrix: Auf ihrem neuen Album lassen Sie Ihr bisheriges Leben Revue passieren, in dem Song "Thunder" heißt es beispielsweise: "Kids were laughing in my classes." Waren Sie in der Schule Außenseiter?

Dan Reynolds: Die Schulzeit war definitiv nicht die beste Zeit meines Lebens. Ich spielte in einer Jazz-Band, habe mich null für Sport interessiert und war ein kleines Kind mit Zahnspange und Brille, lange bevor Brillen cool waren. Mit anderen Worten: Ich war Außenseiter und hatte nicht viele Freunde. Ich war ziemlich einsam - aber genau deshalb habe ich mich der Musik zugewandt. Wenn ich aus der Schule nach Hause kam, setzte ich mich an den Computer und schrieb Songs.

magistrix: "Now I'm smiling from the stage", singen Sie später in "Thunder". Empfinden Sie heute Genugtuung, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Reynolds: So rachsüchtig bin ich nicht. Aber als es mit der Band gerade richtig losging, kam es öfter vor, dass Leute, die in der High School nicht wirklich zu meinen Freunden gehörten, irgendwie an meine Nummer gekommen waren und fragten, ob sie nicht zu unserem Konzert kommen könnten. Da habe ich mich schon manchmal gefragt, wo diese Leute waren, als wir in leeren Clubs spielten. Aber wütend war ich darüber nie. So läuft die Welt nun mal.

magistrix: Nach ihrer letzten Tournee haben Sie sich eine Auszeit gegönnt. War es nach dem großen Hype notwendig, einmal innezuhalten und zurückzublicken?

Reynolds: Absolut, wir mussten raus aus dem Auge des Hurrikans, um zu verarbeiten, was in den letzten Jahren mit der Band passiert ist. Es ist verrückt, wie groß und bekannt wir in so kurzer Zeit geworden sind. Um ehrlich zu sein, weiß ich selbst nicht, wie das passiert ist. Ich glaube, es ist eine Mischung aus Glück und harter Arbeit.

magistrix: Sie haben über neun Millionen Alben verkauft. Welchen Luxus haben Sie sich gegönnt?

Reynolds: Ich lebe immer noch im selben, kleinen Häuschen, wir haben keine eingezäunten Paläste. Der größte Luxus, den ich mir gegönnt habe, war ein 76-er Mustang. Ich liebe Autos und habe ihn selbst aufbereitet. Das klingt jetzt kitschig, aber wir haben diese Band gegründet, weil wir Musik lieben. Natürlich ist es toll, wenn man so seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Aber keiner von uns hatte das Ziel, reich und berühmt zu werden. Unser Schlagzeuger Z hat übrigens einen Toyota Corolla, unser Bassist Ben fährt den gleichen Truck, den er in der High School hatte, und unser Gitarrist Daniel hat einen Ford. Wir sind echt keine Typen, die groß auftragen. Aber wer weiß, vielleicht kommt das noch. Vielleicht haben wir bald eine Midlife-Crisis, kaufen große Autos und Häuser und werden richtige Arschlöcher (lacht).

magistrix: Sie feiern am 14. Juli erst Ihren 30. Geburtstag. Das wäre eine frühe Midlife-Crisis ...

Reynolds: Erinnern Sie mich nicht daran! Noch bin ich 29.

magistrix: Macht das Älterwerden Ihnen etwas aus?

Reynolds: Nein, im Gegenteil. Jetzt beginnt die Phase der Selbstakzeptanz. Ich bin heute viel selbstbewusster und zufriedener, ich weiß, was ich liebe und was ich hasse, mit wem ich meine Zeit verbringen möchte und mit wem nicht. Und ich weiß, wie ich mein Leben verbringen will. Ich halte die Dreißiger für die beste Zeit des Lebens. Bei unserem letzten Album "Smoke + Mirrors" war ich verzweifelt auf der Suche nach Antworten in Hinblick auf das Leben und Religion. Damit habe ich inzwischen abgeschlossen.

magistrix: Inwiefern spiegelt sich das auf Ihrem neuen Album "Evolve" wieder?

Reynolds: Unsere letzte Platte würde ich tatsächlich mit einem großen Fragezeichen zusammenfassen. Dieses Mal würde die Überschrift eher lauten "es ist mir egal". Ich brauche keine Antworten. Ich muss nicht wissen, ob es einen Gott gibt. Ich will mein Leben einfach genießen.

magistrix: Ist diese Erkenntnis Teil der "Entwicklung", auf die der Albumtitel anspielt?

Reynolds: So könnte man es sagen. Ich habe sicher noch eine Menge Entwicklung vor mir, aber mental und psychisch ist bei mir in den letzten zwei Jahren viel passiert. Bei mir wurden zwei Autoimmunerkrankungen diagnostiziert - eine ist Morbus Bechterew (eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Gelenke, Anm. der Red.). Diese Erkrankung ist in meiner Familie erblich veranlagt und bei mir mit Mitte 20 ausgebrochen, also während der "Smoke + Mirrors"-Zeit. Ich hatte starke Schmerzen, bin von einem Arzt zum nächsten gelaufen. Das war sehr kräftezehrend und hat mich sehr demütig werden lassen. Inzwischen habe ich die Krankheit zum Glück unter Kontrolle. Aber auch mental habe ich viel Selbstanalyse betrieben und bin inzwischen an einen Punkt angekommen, an dem ich mich selbst akzeptiere.

magistrix: Haben Sie Ihre Krankheit deshalb bei einem Konzert öffentlich gemacht?

Reynolds: Ich würde gerne sagen, dass ich ein guter Mensch bin und anderen helfen wollte - aber um ehrlich zu sein, war das nicht der Fall. Ich war einfach wütend und traurig. Ich hatte an dem Tag wirklich wahnsinnige Schmerzen, und ich hätte die Show am liebsten abgesagt. Genau das habe ich dem Publikum also erzählt. Ich musste einfach nur Dampf ablassen. Inzwischen ist es aber schon so, dass ich mit dem Thema bewusst offen umgehe, um anderen Mut zu machen.

magistrix: In dem Song "Believer" singen Sie davon, wie eine schwere Zeit einen stärker machen kann.

Reynolds: Der Song handelt von Depressionen. Ich leide unter Depressionen, seit ich jung bin, aber in den letzten Jahren wurden sie immer schlimmer. Irgendwann habe ich das erkannt und mir Hilfe gesucht. Das letzte Jahr war das gesündeste meines Lebens, und das liegt daran, dass ich hart an mir gearbeitet habe. Man muss sich klar machen, dass das nicht von heute auf morgen geht, sondern man konstant an sich arbeiten muss. Ich treffe mich nach wie vor mit meinem Therapeuten, und vielleicht wird nächstes Jahr wieder scheiße. So ist das nun mal bei psychischen Krankheiten. Wichtig ist, dass die Menschen sich nicht alleine fühlen und wissen: Da ist Licht am Ende des Tunnels.

magistrix: Sollte man dieses Licht am Ende - trotz aller dunklen Momente - auch auf Ihrem Album spüren?

Reynolds: Ja. Einer meiner Lieblingssongs ist "Dancing In The Dark". Nicht nur, weil das eine Hommage an Bruce Springsteen ist, sondern auch, weil dieser Song das Gefühl der Platte ziemlich gut zusammenfasst. Man muss akzeptieren, dass man manchmal dunkle Phasen hat, aber das Leben trotzdem genießen. Um es bildlich zu verpacken: Statt sich darauf zu konzentrieren, was im Zimmer alles herumsteht, sollte man einfach mal das Licht ausmachen und tanzen. Ich liebe diese Vorstellung.

magistrix: Abgesehen von ihrer persönlichen Entwicklung: Inwieweit war es auch ihr Ziel, sich mit der neuen Platte musikalisch zu verändern?

Reynolds: Bisher haben wir unsere Alben immer selbst produziert - was manchmal dazu führt, dass man die Dinge überdenkt und überproduziert. Wir haben dieses Mal bewusst mit Produzenten gearbeitet, die einen "weniger ist mehr"-Ansatz verfolgen. Unser Hauptziel war es, einen minimalistischeren Sound zu schaffen. Statt 60 Tracks für einen Song aufzunehmen, sich auf fünf zu konzentrieren, die dann aber auf den Punkt zu bringen. Wir wollten, dass das Album zeitlos klingt - und ich glaube das hat auch ganz gut geklappt. Aber fragen Sie mich in einem Jahr noch mal, vielleicht hasse ich die Platte dann (lacht).

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