"An Böhmermanns Kritik ist was dran"

Fri, 21 Apr 2017 07:50:00 GMT von

Kaum einer singt deutschen Pop so emotional wie Adel Tawil. Das macht ihn angreifbar - gerade jetzt, nach Jan Böhmermanns wirkungsmächtiger Kritik an den kalkulierten Reiz-Reaktionsmechanismen des deutschen Musik-Mainstreams.

2013 legte der Berliner Sänger mit nordafrikanischen Wurzeln eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Alben der letzten Jahre vor. "Lieder" verkaufte sich über 500.000-mal. Dreieinhalb Jahre später kehrt der ehemalige Sänger von Annette Humpes Projekt Ich+Ich mit "So schön anders" ins Rampenlicht zurück. Es ist ein Album mit viel Pathos, aber auch eins der klaren, schmerzenden Worte. Adel Tawil über eine Trennung, die sein altes Leben kostete - und über Wahrheit und Lüge im deutschen Pop. (Bilderstrecke)

magistrix: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihrem ersten und zweiten Album?

Adel Tawil: "So schön anders" erzählt von meinen letzten drei Jahren. "Lieder" war mein erstes Soloalbum, da steckte mein gesamtes Leben bis dahin drin. Auch musikalisch war es deshalb mehr ein Sammelsurium, über dessen Erfolg ich mich natürlich dennoch sehr gefreut habe. "So schön anders" empfinde ich jedoch als das konzentriertere Album.

magistrix: Was ist in den letzten drei Jahren passiert?

Tawil: Bei mir vor allem die Trennung. Meine Ehe ist nach 13 Jahren Beziehung gescheitert. Für mich war das ein ziemlicher Schock, es hat mich für etwa ein Jahr komplett aus der Bahn geworfen. Vielleicht klingt das naiv bei der heutigen Scheidungsrate, aber ich war mir sicher: Mir selbst würde so etwas niemals passieren!

magistrix: Warum?

Tawil: Weil ich überzeugt davon war, die große Liebe meines Lebens geheiratet zu haben. Wahrscheinlich aber war schon die Hochzeit ein Symbol der Krise. Das passiert gar nicht so selten, glaube ich. Langjährige Partner heiraten, um sich zu bekennen. Stattdessen hätte man sich an diesem Punkt der gemeinsamen Geschichte vielleicht besser trennen sollen.

magistrix: In welchen Songs verarbeiten Sie die Trennung - und wie?

Tawil: Nicht alle Songs sind Trennungssongs. Das würde ja kein Mensch aushalten (lacht). Aber es sind schon ein paar Lieder dabei, die mit dieser großen Veränderung in meinem Leben zu tun haben. Der eindeutigste Song ist "Mein Leben ohne mich". Es ist auch der erste, den ich nach der Trennung geschrieben habe. Es gab noch mehr Lieder aus dieser Zeit, die ich später wieder vom Album runternahm. Auch bei "Mein Leben ohne mich" überlegte ich lange, denn es spiegelt nicht mehr meine heutige Gefühlslage wider.

magistrix: Ist Ihnen das Lied peinlich?

Tawil: Wenn man den Text hört, singt da ein unfassbar wütender und enttäuschter Mensch. Es ist ein anklagender Song. So nach dem Motto: Wie konntest du mir das antun? Wenn man diese Phase überwunden hat, schämt man sich eher für derlei Gedanken und Worte. Wer immer nur wütend ist, macht sich klein. Wut war für mich immer ein Zeichen der Schwäche.

magistrix: Wut gilt jedoch auch als notwendige Phase der Trauer ...

Tawil: Genau. Deshalb habe ich mich dazu durchgerungen, zu diesem Song zu stehen und ihn als Repräsentanten dieser Phase auf dem Album zu lassen.

magistrix: "So schön anders" ist nicht nur der Titel des Albums, sondern auch eines Songs, der so klingt, als staune da ein frisch Verliebter über das Wesen des Anderen. 

Tawil: Ja, das ist oder war damals auch so. "So schön anders" ist vor allem ein Lied, das beschreibt, wie uns andere Menschen komplett machen. Gegensätze ziehen sich an, sagt man. Das, was wir selbst nicht haben oder sind, kann eine unglaubliche Faszination auf uns ausüben. Es muss dabei nicht unbedingt um Sex oder Partnerschaft gehen. Auf Annette Humpe und mich trifft dieser Satz genauso zu. Wir waren in vielen Punkten "So schön anders" und gleichzeitig fasziniert voneinander.

magistrix: Werden Sie deshalb auch mal wieder als Ich+Ich Musik machen?

Tawil: Derzeit ist nichts geplant, auch wenn wir immer wieder mal in Kontakt stehen. Ich bin jemand, der nie etwas kategorisch ausschließt. Sollten wir noch mal was zusammen machen, müsste es allerdings etwas ganz anderes sein als das, was wir damals machten.

magistrix: Welche Eigenschaften, die Sie selbst nicht besitzen, faszinieren Sie an anderen Menschen?

Tawil: Ich bin ein Chaot, deshalb faszinieren mich Menschen mit Ordnung und großer Disziplin. Leider geht mein Chaos nicht mit Gelassenheit oder Leichtigkeit einher. Ich bin ein Grübler, der sich viele Gedanken und Sorgen macht.

magistrix: Betrifft das eher die Musik - oder auch das Leben?

Tawil: Sowohl als auch. Was das Schlimmste ist: Meine Gedanken über Musik und Kunst suppten irgendwann so stark in mein Privatleben hinein, dass ich beide Bereiche nicht mehr voneinander trennen konnte. Ich glaube, daran ist unter anderem meine Ehe gescheitert. Bei "Lieder" hatte ich damals das Gefühl, mein Leben hängt von dieser Platte ab. Das ist sicher nicht gesund.

magistrix: Als "Lieder" Ende 2013 herauskam, waren Sie bereits 20 Jahre im Musikbusiness. Warum empfanden Sie dieses Druckgefühl?

Tawil: Weil es mein erstes Soloalbum war und ich mich erstmals hinter niemanden verstecken konnte. Ich dachte: Wenn du das verbockst, dann stirbst du (lacht). Ich schaffe es heute noch nicht, meine Musik so weit von mir abzukoppeln, wie es gesund wäre. Es ist aber schon viel besser geworden. Musik ist die größte Liebe meines Lebens. Trotzdem ginge mein Leben auch nach einer weniger erfolgreichen Platte weiter. Es wäre sogar immer noch lebenswert, wenn ich gar keine Musik mehr machen würde. Diese Erkenntnis reift aber erst jetzt so langsam in mir heran.

magistrix: Sie werden im Sommer des nächsten Jahres 40 Jahre alt. Spüren Sie, dass sich Ihre Werte verschieben?

Tawil: Als "Lieder" damals so erfolgreich war, hatte ich zum erste Mal im Leben das Gefühl, angekommen zu sein. Erst war ich Teil einer Boyband und dann lange Zeit im Schatten von Annette Humpe. Erst mit "Lieder" hatte ich bewiesen, dass ich es selber kann. Danach entspannte sich mein Leben. Gleichzeitig stürzte privat alles ein. Damals hatte ich einen Plan: Ehe, Haus, Familie. Heute habe ich keinen Plan mehr. Ich weiß auch nicht, ob ich noch mal einen machen will. Die Musik ist das, was mir geblieben ist. Sie ist die Konstante in meinem Leben.

magistrix: Sie klingen sehr ehrgeizig, wenn Sie über die Zeit Ihres ersten Albums reden. Ist der Wunsch, Popstar zu sein, heute noch genauso stark ausgeprägt?

Tawil: Nein, die Musik ist meine Konstante, nicht der Erfolg. Mir würde es reichen, wenn ein paar Menschen meine Gedanken und Lieder nachempfinden könnten. Gerade bei Songs wie "Gott steh mir bei" oder "Eine Welt, eine Heimat". Natürlich ist es mir nicht völlig egal, ob ich Erfolg habe. Es würde mich dennoch nicht stören, wenn "So schön anders" statt Dreifach-Platin nur Platin machen würde. Meine Plattenfirma wäre da sicher enttäuschter als ich (lacht).

magistrix: Ihre Lieder sind sehr gefühlsopulent. Wenn man Popsongs über die ganz großen Themen macht - wie schützt man sich gegen hohle Emotions-Parolen, wie sie Jan Böhmermann mit "Menschen Leben Tanzen Welt" gerade aufs Korn nimmt?

Tawil: Jan Böhmermann ist Satiriker. Es ist sein Job, solche Dinge zu erkennen und auch aufs Korn zu nehmen. An dem, was er kritisiert, ist auf jeden Fall etwas dran. Es gibt unbestritten eine Schlagerisierung des Pop. Ich bewerte das aber zunächst mal ganz neutral. Unterhaltung im Sinne der Zerstreuung kann gut oder eben schlecht gemacht sein. Es gibt aber eben auch exzellenten Schlager und andererseits flache Rockmusik, die vor Klischees geradezu trieft.

magistrix: Aber ist nicht die Klischeehaftigkeit der Texte entscheidend? Wenn in Popsongs oft bemühte Bilder aneinander gereiht werden, die berechnend und wie auf Knopfdruck Gefühle auslösen sollen, fängt es dann nicht an zu nerven?

Tawil: Sicher, deshalb schreibe ich meine Texte auch meistens mit anderen Menschen zusammen, die da noch mal draufgucken, oder wo man sich gegenseitig die Bälle zuspielt. Deutsch ist eine sehr präzise Sprache. Sie lässt oft wenig Spielraum für Ambivalenz. Texte über Gefühle klingen bei uns schnell kitschig. Dennoch will und muss man ja weiter über Gefühle singen. Ich arbeite sehr lange an meinen Texten, auch damit sie auf diesem schmalen Grat, über den wir reden, nicht auf die falsche Seite kippen.

magistrix: Fühlen Sie sich ein bisschen als Miterfinder der Emotionalisierung des deutschen Pop?

Tawil: Mit Ich+Ich haben wir ganz sicher zu diesem Trend mit beigetragen. Der Erfinder des Ganzen ist aber für mich Xavier Naidoo. Er fing damit an, sehr emotional auf Deutsch zu singen und trotzdem erfolgreichen Pop zu machen. Er hat für uns alle eine Tür geöffnet.

magistrix: In "Eine Welt, eine Heimat" und "Gott steh mir bei" singen Sie über den erschreckenden Zustand der Welt und über Religion. Sind Sie religiös?

Tawil: Ich wurde von meinen Eltern sehr liberal erzogen. Meinen Eltern ging es um Geschichte, Traditionen und Wurzeln. Weniger um religiöse Dogmen oder Regeln. Ich bin kein praktizierender Moslem, ich bete und faste beispielsweise nicht. Trotzdem glaube ich oder will es zumindest gerne tun.

magistrix: Welche Reaktion wünschen Sie sich auf Ihre politischen Songs?

Tawil: Dass sich alle mal locker machen. Letztendlich glaube ich, dass wir Menschlichkeit über religiöse Regelwerke und Toleranz über postulierte Gegensätze stellen müssen. Dass Menschen die Dinge differenzierter und mit weniger Nervosität sehen. Die meisten glauben ja, die Populisten würden immer stärker und stärker. Ich habe zwar keine Statistik, die das Gegenteil beweist, aber ich glaube, dass die Populisten eben nicht in der Mehrheit sind. Bei Weitem nicht! Sie schreien nur lauter, deshalb versuche ich, noch lauter dagegen anzusingen.

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