Verbrennen statt verblassen

Wed, 15 Feb 2017 11:20:00 GMT von

Alleine das viele Heroin in seinem Blut hätte sein Körper wohl nicht mehr lange aushalten können. Doch der schleichende Drogentod war ihm nicht konsequent genug:

Kurt Cobain setzte seinem für ihn scheinbar nicht mehr lebenswerten Dasein mit einer Schrotflinte ein Ende. Am 5. April 1994 war dies den Akten zufolge. Erst drei Tage später fand ihn ein Haustechniker tot in seinem Anwesen in Seattle vor. Was ihn zu der Tat vernlasste? Waren es Depressionen, seine Drogensucht oder einfach nur der Hass auf seine Popularität? Sicher ist, dass Cobain sich dafür entschied, nicht als alternder Rockstar zu verblassen, sondern im Alter von 27 Jahren mit einem lauten Knall zu gehen. Am 20. Februar wäre er 50 Jahre alt geworden.

Club 27

Der "Club 27" hatte mit dem Tod Cobains ein neues Mitglied: Nach Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison musste auch der Name des Nirvana-Frontmanns der sagenumwobenen Liste hinzugefügt werden. Er gehört zu den Rockstars, die trotz oder gerade wegen ihres Todes mit 27 ewig weiterleben werden. Auch wenn Cobain mit all diesen Legenden eine Vorliebe für Alkohol und harten Drogen teilte, ist sein Fall etwas anders gelagert: Immerhin wählte er den Freitod.

Der feine Unterschied

Zudem hatten seine "Clubkollegen" ihre Blütezeit, als der spätere Grunge-Rocker gerade mal zur Welt kam. Vor einem halben Jahrhundert war dies, in Aberdeen, einer Kleinstadt im Nordwesten der USA. Auch bestand Cobains Publikum weder aus Blumenkindern noch aus Revoluzzern. Er wurde vielmehr von der sogenannten Generation X umschwärmt, einer vom Kanadier Douglas Coupland so bezeichneten Altersklasse in den USA, geboren zwischen 1960 und 1980. Eine Generation, die sich mit weniger Wohlstand zufrieden geben müsse, in der "zu viel Fernsehen und zu wenig Arbeit" für den Einzelnen vorhanden sei. Frustriert, so hieß es, wandten sich diese Post-Babyboomer ab von Konsum und Gesellschaft. Nirvana lieferten mit ihrem Sound und den Botschaften Cobains den Soundtrack für diese Ungehörten.

Zweites Album entthront den King of Pop

Dass Nirvana nicht nur eine vermeintlich dahergeschriebene Szene mit ihrer Musik einfangen konnten, sondern die ganze Popwelt, war dann doch verwunderlich. Erfolgreiche Rock-Acts, die ein Mainstream-Publikum fanden, das waren Anfang der 90-er Bon Jovi und U2. Als "Nevermind" Michael Jacksons "Dangerous" vom Charts-Thron stieß, wurden musikalisch die 90er-Jahre eingeläutet. Lediglich drei Wochen stand das achte Album des King of Pop an der Spitze der amerikanischen Hitliste. Bis drei Mittzwanziger mit fettigen Haaren, Holzfällerhemden und ihrem Rotz-Rock die Kids zum Durchdrehen brachten. Es war eine Zeit, in der MTV die Hits machte. Und MTV hatte an Nirvana einen Narren gefressen: Das Video zu "Smells Like Teen Spirit", der ersten Single von "Nevermind", ist bis heute das meistgespielte des Senders.

Moralische Verpflichtung brauchte es nicht

Auch wenn Cobain ihn stets anprangerte - als vermeintliches Sprachrohr der Generation X wollte er sich dem Kommerz doch nicht ganz verweigern: "Nirvana bemerken einen Stillstand in der Undergroundszene und Ausverkaufstendenzen an die großen schweinischen Kapitalisten-Major Labels", beschrieb es Cobain 1989 zynisch in einer Bandbiografie - noch vor dem großen Durchbruch der Band. "Aber fühlen wir deshalb eine moralische Pflicht, dieses Krebsgeschwür zu bekämpfen? Überhaupt nicht! Wir wollen genauso wie die Bonzen abkassieren." Doch war es alleine der herbeigesehnte Erfolg, der den ohnehin labilen Frontmann am Leben verzweifeln ließ?

Cobains Probleme hatten tiefe Wurzeln

Cobain fühlte sich stets missverstanden, ungeliebt und überfordert. Die Gründe, warum er mit dem Ruhm nicht klar kam, liegen wohl schon in seiner frühsten Kindheit: Als Scheidungskind verlor er früh den Halt der Familie, suchte verzweifelt Anschluss, zog von den Großeltern zum Onkel und später zu Freunden. Wirklich Zuflucht fand er erst in der Musik: Mit 15 lernte er Krist Novoselic kennen, seinen späteren Bassisten. 1987 gründeten die beiden gemeinsam Nirvana. Zwei Jahre später mussten sie erstmals bemerkt haben, dass sie an etwas Großem dran sind: Mit der ersten LP "Bleach" im Gepäck gingen sie auf Tournee durch kleinere Clubs in den USA und Europa. Ausverkaufte Gigs zeigten, dass die Generation X von Nirvana Kenntnis genommen hatte. 1991 dann der Urknall: "Smells Like Teen Spirit" lief auf den Radiostationen und eben auf MTV rauf und runter. Das Album "Nevermind" erschien im September und übertrumpfte Woche für Woche die eigenen Verkaufszahlen. Bis es im Januar 1992 schließlich auf Platz eins landete.

Dann begann die Drogenphase

Kurt Cobain hing zu dieser Zeit schon an der Nadel. Heroin, so behauptete er, würde ihn von seinen unsäglichen Magenproblemen befreien, die kein Arzt jemals diagnostizieren konnte. Mit der Veröffentlichung des verstörenden Albums "In Utero" 1993 verschlimmerte sich seine Sucht. Gepaart mit Alkoholexzessen und einer nicht behandelten bipolaren Störung ging es stetig bergab mit ihm - was viele Fans offenbar umso mehr faszinierte. Auch eine Entziehungskur konnte dem jungen Vater einer Tochter nicht helfen. Anfang 1994 versuchte er sich in Rom, wie seine Frau Courtney Love später erklärte, mit Alkohol und Schlafmitteln erstmals umzubringen. Es folgte eine weitere Reha. Cobain floh über den Zaun der Klinik, flog nach Seattle und setzte die Flinte an.

It's better to burn out than to fade away

Seine aus 20 vollgekritzelten Blöcken 2002 veröffentlichten Memoiren lassen auf einen zutiefst depressiven, sich ständig in Sarkasmus und Zynismus flüchtenden jungen Mann schließen, der lieber sterben wollte, als "Pete Townshend zu werden". Der The Who-Gitarrist war für ihn der Inbegriff und das Abbild eines peinlichen Altstars, der seine besten Jahre längst hinter sich hatte, sie allerdings immer wieder aufwärmte. In seinem Abschiedsbrief zitierte Cobain eine Zeile des Neil Young-Songs "Hey Hey, My My (Into the Black)": "It's better to burn out than to fade away" - "Es ist besser, auszubrennen als zu verblassen". Ironie? Gerade Neil Young hätte als gutes Beispiel dafür dienen können, wie man auch als Rockmusiker in Würde altert. Doch Kurt Cobain ging auf Nummer sicher. Und der Club 27 öffnete ihm Tür und Tor.

teleschau | der mediendienst



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