"Ich trinke nie, um besoffen zu werden"

Wed, 01 Feb 2017 09:50:00 GMT von

Henning Wehland war als Frontmann der H-Blockx in den 90-ern einer der deutschen Stars des Crossover, einer Mischung aus hartem Rock mit HipHop-Beats und Pop-Appeal.

Später mauserte sich der in Bonn geborene Münsteraner zu einer Art Allzweckwaffe des Showbusiness. Der Hochenergetiker entdeckte die deutsche Sprache als Mitglied der Söhne Mannheims, managte Bands wie The Boss Hoss und Pohlmann und zeigte als Juror von "The Voice Kids" sein TV-Talent. Nur Musik hörte man immer seltener von ihm. Mit Mitte 40 soll sich das nun ändern. Henning Wehland will sich wieder voll auf die Kunst konzentrieren. Mit seinem ersten Soloalbum "Der Letzte an der Bar" (ab 27. Januer erhältlich) liefert er wort- und bildreiche Bekenntnisse aus der Mitte eines sich rasant drehenden Lebens.

magistrix: Mit 45 Jahren das erste Soloalbum, obwohl Ihre Band seit vielen Jahren inaktiv ist. Hatten Sie einfach vergessen, selbst Musik zu machen?

Henning Wehland: Zu Zeiten der H-Blockx gab es einfach keine Notwendigkeit für ein Soloalbum. Es ist doch furchtbar, wenn jemand aus einer Band ein Soloalbum aufnimmt, das genauso klingt wie die Band, nur eben ohne die Band. Danach probierte ich mich ein paar Jahre auf anderen Feldern aus, war bei den Söhnen Mannheims, managte Bands und machte Fernsehen. Und ich eröffnete eine Kneipe in Münster ...

magistrix: Womit wir beim Thema wären!

Wehland: Ja, mein Album ist noch autobiografischer, als man ohnehin schon denkt (lacht). Das mit der Kneipe ist aber schon ein bisschen her, die gab es von 2002 bis 2007. Ich würde es nicht noch einmal machen!

magistrix: Was ist schlimm am Kneipier-Dasein?

Wehland: Es ist so ähnlich wie mit dem Musikerleben. Man stellt es sich romantischer vor, wenn man es nicht kennt. Vorher dachte ich, man hätte einen Laden, und ganz hinten steht so ein Don-Corleone-Tisch, von dem aus man den Leuten beim Arbeiten zusieht. In Wahrheit muss man ständig aufs Geld aufpassen, weil in der Kneipe einfach eine große Menge Bargeld in vieler Leute Hände ist. Das musst du alles einsammeln, weil das meiste davon wieder reinvestiert werden muss. Eine Kneipe erfolgreich zu führen, heißt sehr diszipliniert zu sein. Auch in der Hinsicht, dass man selbst nicht sein bester Kunde ist.

magistrix: Kneipenwirt ist einer der Berufe mit der geringsten Lebenserwartung ...

Wehland: Oh Gott, wahrscheinlich zusammen mit Rockstar. Ich habe also eine schlechte Prognose.

magistrix: Woher kommt Ihre sehnsüchtig-romantische Beziehung zur Bar?

Wehland: Das ganze Konzept einer Bar ist aus Sehnsucht heraus entstanden. Ich bin seit über 25 Jahren auf Tour. Mein Musikerleben fing mit Kneipen an, in denen ich spielte. Die Bar war immer wieder Treffpunkt nach Konzerten, da kenne ich mich gut aus. Es ist ein Ort für Gespräche und Ideen, viele davon haben mein Leben geprägt. Für mich sind Bar und U-Bahn die einzigen Orte, an denen sich Menschen auf Augenhöhe begegnen. Da treffen sich Leute, die ansonsten nie im Leben zusammenkommen würden, die sich aber trotzdem etwas zu erzählen haben.

magistrix: Die Bar ist ein Ort für Geständnisse ...

Wehland: So sieht das einfachste Bild aus, das man in puncto Faszination Bar malen kann: Jener Staubsaugervertreter, der auf den Boden seines Glases blickt und dir von seinen privatesten Dingen erzählt. Natürlich auch, weil er weiß, dass man sich wahrscheinlich nie wieder sieht. Aber das hat nicht unbedingt etwas mit Absturz zu tun. Die Bar ist auch ein Ort der Zuflucht, der Ruhe, der Ideen und der Neuanfänge.

magistrix: Wie wichtig ist Alkohol bei diesem Prozess?

Wehland: Grundsätzlich ist Alkohol gar nicht wichtig. Es ist so wie mit dem Geld. Man braucht nicht unbedingt viel davon, um glücklich zu sein. Aber es kann unter Umständen dabei helfen. Natürlich gehört Alkohol in gewissen Dosen zu jener Romantik dazu, die ich mit der Bar verbinde. Man muss aber auch Alkohol trinken können. Das ist eine Kunst, die häufig unterschätzt wird.

magistrix: Wie meinen Sie das?

Wehland: Euphorie, Stress und Trauer sind keine guten Barkeeper. Man sollte immer wissen, dass man es mit einem Gegner zu tun hat, der im Zweifelsfall stärker ist als man selbst.

magistrix: Sind Sie eher Kneipenphilosoph oder doch ein Feierbiest?

Wehland: Ich kann beides. Was ich auf jeden Fall nicht bin, ist ein Feierbiest auf Knopfdruck. Ich kenne viele Leute, die jedes Wochenende feiern gehen. Das heißt: Wenn Samstag ist, muss gesoffen werden. So was erschließt sich mir nicht. Wobei ich natürlich leicht reden kann. Als Selbstständiger kann ich auch mal den Montag zum Samstag machen. Ich bin aber schon jemand, der gerne und auch mal viel trinkt. Dennoch würde ich mich als Genusstrinker bezeichnen und nicht als einen, der die Druckbetankung sucht. Ich trinke nie, um besoffen zu werden.

magistrix: Ist Ihr Bargefühl und die zugehörige Musik mit Mitte 40 melancholischer als vor 20 oder 25 Jahren?

Wehland: Nein. Ich vergleiche das gern mit einer Silvesterrakete. Die erste Platte, die ich hörte, war das Feuer, das die Lunte entzündete. Meine ersten Konzerte und Touren waren der Moment, als die Lunte brannte, aber die Rakete immer noch am Boden stand. Da fing sie aber an zu zischen. Man steht voll unter Strom und will einfach nur los. Den ersten großen Knall erlebte ich danach mit, glaube ich. Heute gucke ich mir die Welt von oben an. Das hat nichts mit Melancholie zu tun, eher mit Ruhe.

magistrix: Machten Sie sich vor dem Album Gedanken darüber, in welchen Sound man diese Betrachtungen von oben pressen könnte?

Wehland: Nein, davon habe ich mich zum Glück befreit. Ich mache Crossover, womit allerdings nicht jener Musikstil gemeint ist, mit dem man in den 90-ern die Musik der H-Blockx bezeichnete. Crossover, den Stil gab es für mich nie. Für mich war unsere Musik immer eine Form von Rock'n'Roll. Crossover ist aber für mich eine Lebenseinstellung geworden. Ich will mich nicht auf eine Sache festlegen, sondern überall da schauen, wo es interessante Sachen zu finden gibt. Die will ich dann erleben oder ausleben. Crossover ist ein anderes Wort für Freiheit, sowohl musikalisch wie auch im Leben.

magistrix: Dann war es also Zufall, dass die H-Blockx in den 90-ern Musik machten, die gerade sehr populär war?

Wehland: Als wir mit den H-Blockx anfingen, gab es "Crossover" noch gar nicht. Wir tourten mit der Band ja auch in Amerika. Sogar dort hatten die Leute diese Genre-Bezeichnung noch nie gehört. Unsere Musik war Nu Metal für sie, wobei wir als Band weniger vom Metal als vom Blues beeinflusst waren. Crossover nannte man unsere Musik später fast nur in Deutschland. Da waren die H-Blockx allerdings der heißeste Scheiß, den es damals hierzulande gab. Wir ließen uns nicht eingrenzen - das machte uns stark.

magistrix: Ist "Der Letzte an der Bar" ein Zeichen, dass Sie in Zukunft wieder mehr als Musiker in Erscheinung treten wollen - und weniger als Manager und Fernsehgesicht?

Wehland: Ja, das ist es absolut. Ich machte die letzten drei Jahre nichts anderes, als diese Platte zu schreiben und zu produzieren. Die Management-Sachen habe ich längst abgegeben. Ich will nur noch Künstler sein. Was nicht heißt, dass ich nicht mehr Fernsehen mache. Das nehme ich gern mit, wenn etwas Interessantes kommt, das zu mir passt.

magistrix: Sie halten sich also alles offen?

Wehland: Nein, es ist schon eine Neuausrichtung. Wenn ich ein TV-Format wie "The Voice Kids", was ja auch schon drei Jahre her ist, noch mal mache, dann weil ich dort selbst als Künstler und Musiker in Erscheinung trete. Dieses Format fand ich damals toll! Ich probierte ja danach auch noch andere Sachen. Es geht immer darum, dass ich selbst als Musiker auftrete und gefragt bin. Dinge, bei denen ich vor allem meinen Business-Hut aufhabe, wie beim Management, will ich vorerst nicht mehr machen. Es würde mich in Sachen Kunst zu sehr einschränken.

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