"Ich habe kein Ego-Problem"

Wed, 12 Nov 2014 08:48:00 GMT von

In den letzten Jahren hat wohl niemand der zeitgenössischen Popmusik so sehr seinen Stempel aufgedrückt: Der französische Superstar-DJ David Guetta (46) schaffte es mit seinen Produktionen für die Black Eyed Peas, Rihanna und Lady Gaga House-Beats so populär zu machen, dass sie aus der Radiolandschaft nicht mehr wegzudenken sind.

Auch seine eigenen Songs mit Gastsängern wie Usher, Snoop Doog oder Kelly Rowland toppten die Spitze der Charts - zuletzt "Lovers On The Sun", ein Track seines neuen Albums. Die Vorabsingle zeigte bereits einen etwas anderen David Guetta, "Listen"(VÖ: 21.11) ist songlastiger, souliger und persönlicher als seine bisherigen Veröffentlichungen. Im Interview spricht der zweifache Vater über die Gründe für die Veränderungen, seinen extremen Lebensstil, Kontrollverlust - und Gemeinsamkeiten mit Jesus.

magistrix: Seit Jahren treten Sie weltweit auf, wechseln teilweise täglich den Kontinent. Hätten Sie manchmal gerne nicht so viele Termine?

David Guetta: Nein, denn das alles ist kein Stress für mich. Ich liebe es, zu reisen und aufzutreten. Abgesehen davon ist das Flugzeug für mich der perfekte Ort, um Musik zu machen. Das Einzige, was mich ein bisschen nervt, ist der ständige Jetlag. Dieses endlose Hin und Her zwischen den verschiedenen Zeitzonen kann schon ziemlich hart sein.

magistrix: Haben Sie ein Rezept gegen den Jetlag?

Guetta: Ich versuche schon seit Jahren, eines zu entwickeln, leider ohne Erfolg. Ist wahrscheinlich auch gar nicht möglich. Alles, was ich weiß, ist, dass das Licht eine große Rolle dabei spielt, wie sehr einem der Jetlag zu schaffen machen kann. Manchmal, wenn es draußen hell ist, zwinge ich mich rauszugehen, obwohl ich noch extrem müde bin.

magistrix: Was machen Sie dann?

Guetta: Ich gehe einfach nur durch die Straßen und gewöhne mich an den Ort, an dem ich gerade bin.

magistrix: Und wenn Sie mal einen Tag frei haben? Womit verbringen Sie am liebsten Ihre Zeit? Zuletzt twitterten Sie etwa ein Foto von einem Ausstellungsbesuch bei dem New Yorker Lego-Künstler Nathan Sawaya.

Guetta: Ja, ich war bei seiner Ausstellung. Ich wollte mal wieder etwas Besonderes mit meinen Kindern machen, wir waren alle zusammen dort. Und weil die Skulpturen aus Lego waren, fanden die Kids das Ganze auch genauso toll wie ich.

magistrix: Könnten Sie sich vorstellen, einige Wochen lang nur solche Dinge zu tun und Zeit mit der Familie zu verbringen? Oder würde Ihnen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit bald fehlen?

Guetta: Wenn ich mehr solcher Sachen machen könnte wie Ausstellungen besuchen und Familienausflüge machen, wäre ich sofort dabei! Ich würde das alles voll und ganz genießen. Mir geht's wirklich nicht darum, ständig im Spotlight zu sein. Deswegen mache ich das alles nicht. Klar, ich mag es, vor Leuten zu stehen und sie zum Tanzen zu bringen. Aber ganz ehrlich: Ich habe kein Ego-Problem.

magistrix: Wenn Sie während Ihrer Auftritte die Arme ausbreiten und gen Himmel blicken, kann man sich dennoch an Jesus-Bilder erinnert fühlen ...

Guetta: Mir geht es zwar genauso darum, Freude und Liebe zu verbreiten - aber das sind auch schon die einzigen Gemeinsamkeiten, die ich mit Jesus habe. Ich bin ganz bestimmt nicht perfekt, auch kein religiöser Mensch. Aber wie gesagt: Ich habe Werte.

magistrix: Sind Sie auf der Bühne eigentlich immer fokussiert? Oder bringt die tanzende Masse Sie auch dann und wann zum Kontrollverlust?

Guetta: Kommt ganz darauf an. Manchmal, wenn zwischen mir und dem Publikum dieser gewisse Zauber liegt, kann es passieren, dass ich tatsächlich die Kontrolle verliere. Das sind die besten Shows! Ich trage die vielen Menschen vor mir mit meiner Musik, und sie tragen mich. Das fühlt sich an, als wären wir eins. Solche Momente gibt es natürlich nicht ständig. Es hängt immer auch davon ab, wie groß die Lust der Leute ist, und natürlich davon, wie es mir gerade geht, zum Beispiel wie sehr der Jetlag mich gerade plagt.

magistrix: Können Sie denn jederzeit einen Song komponieren? Oder brauchen Sie dafür eine spezielle Stimmung?

Guetta: Zumindest kann ich überall arbeiten. Was das Songwriting an sich betrifft, brauche ich Leute um mich herum, das kann ich nicht alleine. Ich nehme mir jedes Jahr zwei Monate dafür frei, verbringe einen Monat in Los Angeles und einen auf Ibiza. In dieser Zeit geht es nur ums Songwriting, und ich lebe wie in einer Parallelwelt.

magistrix: Da drängt sich die Frage auf: Wann veröffentlichen Sie Ihr erstes reines Songwriter-Album?

Guetta: Es ist ein Traum von mir, eines Tages ein Akustik-Album aufzunehmen. Aber jetzt noch nicht. Ich glaube, bis dahin muss noch viel Zeit vergehen.

magistrix: Sie sagten einst, es wäre Ihr höchstes Ziel gewesen, House so populär zu machen, dass sie regelmäßig im Radio gespielt werden kann. Nachdem Sie das erreicht haben: Was ist jetzt Ihre größte Herausforderung?

Guetta: Es war eine Lebensaufgabe von mir, Dance Music zu dem zu machen, was sie heute ist. Diese Aufgabe ist vollbracht. Jetzt, an einem sehr wichtigen Punkt in meiner Karriere und meinem Leben, geht es vor allem darum, mich neu zu erfinden. Es heißt jetzt herauszufinden, ob die Leute mich weiterhin mögen, wenn meine Musik anders klingt als zuvor.

magistrix: Wie würden Sie selbst die Veränderungen beschreiben?

Guetta: Bis jetzt handelten viele meiner Songs von Liebe, Happiness, Sexyness und Partys. In meinem Leben drehte sich ja auch lange Zeit vieles darum. Zuletzt war mein Leben aber anders und nicht mehr so leicht. Ich wollte nur ehrlich sein und meine Empfindungen auch in meine Songs einfließen lassen.

magistrix: Warum war Ihr Leben nicht mehr leicht?

Guetta: Das geht doch jedem manchmal so. Die jüngere Vergangenheit zählte einfach nicht zur schönsten Zeit in meinem Leben. Das hört man meinen neuen Songs auch an. Und trotzdem sind sie immer voller Hoffnung und können die Leute zum Tanzen bringen.

magistrix: Gibt es einen Ort, an dem Sie gerne mal die Leute zum Tanzen bringen würden? Vielleicht auch mit Band im Rücken?

Guetta: Ich sehe mich weiter vor allem als DJ und nicht als Live-Künstler, der mit einer Band auftreten sollte. Ich probierte schon einige Live-Dinge aus und lud auch Sänger zu Auftritten ein. Aber ich hatte noch nie so viel Spaß wie beim DJing. Und was Orte angeht: Ich spielte schon an verrückten Orten wie der Chinesischen Mauer, in der israelischen Wüste, an der Copacabana in Rio. Aber am glücklichsten war und bin ich im Pacha auf Ibiza.

magistrix: Auf Ibiza sind Sie seit Jahren der große Star der Club-Szene. Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann so etwas wie der Mick Jagger Ihres Genres zu werden?

Guetta: Das wäre fantastisch! Mick Jagger ist ein großer Künstler - und immer noch sexy. Wäre super, wenn mir Ähnliches gelingen würde.

magistrix: Sie wollen also in 30 Jahren, mit 76, noch auf der Bühne stehen?

Guetta: Ich werde auf der Bühne stehen, bis niemand mehr vor mir stehen will.

magistrix: Wie wichtig ist Ihnen denn kommerzieller Erfolg, etwa der Ihres neuen Albums?

Guetta: Sehr wichtig. Ich brachte immerhin drei Jahre lang große Opfer für dieses Album. Es gab Zeiten, in denen sah ich meine Familie und Freunde nicht. Phasenweise ging ich nicht mal mehr essen. Ich sah keine Filme mehr, und im Fitnessstudio war ich auch lange nicht. Ich widmete mich einfach voll und ganz diesem Album. Und deshalb will ich natürlich, dass die Leute es mögen.

magistrix: Was war Ihrer Meinung nach Ihr bisher größter Erfolg?

Guetta: Dass ich "I Got A Feeling" und "Sexy Bitch" produziert habe. Diese Songs haben den Sound der amerikanischen Popmusik ernsthaft verändert, genau wie die Wahrnehmung von elektronischer Musik und DJ-Kultur - und das nicht nur in Amerika, sondern weltweit. Verrückt, wenn man darüber nachdenkt, dass ein kleiner Franzose das tatsächlich geschafft hat.

magistrix: Was wollen Sie als nächstes schaffen?

Guetta: Die Herzen der Menschen berühren. Ich will die Gefühle teilen, die ich in der Entstehungsphase dieses Albums hatte. Ich habe keine Ahnung, ob DJs meine neuen Songs gut finden und spielen werden, weil sie einfach anders sind als alles, was ich bis jetzt gemacht habe. Ich wäre sehr glücklich, wenn das alles gut ankommen würde - denn dann könnte ich damit weitermachen.

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1 Kommentare

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20. November, 23:03 Uhr
von Paddy

Ich finde er ein sehr super Lieber Mensch und keines Wegs arrogant

Qmn