Mike Oldfield: Grenzenlos frei

Tue, 14 May 2013 10:34:00 GMT von

Musik kennt keine Grenzen. Bei Mike Oldfield war und ist dieser meist lapidar benutzte Satz Programm.

Kaum ein anderer vermag pastorale Schönfärbereien, unschuldigen Folk, klassische Erhabenheit, filigrane Elektronik und schnöden Rock zu solch komplexen und gleichzeitig eingängigen Klang-Kunstwerken aufzuschichten. Zu Oldfields Musik kann man sich wahlweise aus der realen Welt ausklinken oder nebenbei die Hausarbeit erledigen. Dementsprechend polarisiert die Musik des Multi-Instrumentalisten und Komponisten, der am 15. Mai seinen 60. Geburtstag feiert.

Der Perfektionist

Oldfield gilt als schüchterner, zurückgezogen arbeitender und lebender Perfektionist. Doch dieses Bild trügt in gewisser Weise: Privat ist der im englischen Reading geborene Musiker inzwischen zum vierten Mal verheiratet und Vater von sieben Kindern. In seiner Lebenslust überschreitet er Grenzen: Er lebt gerne an exquisiten Orten wie den Bahamas, Mallorca, Monaco, Ibiza oder Los Angeles und ist zudem leidenschaftlicher Motorradfahrer, Autosammler und ambitionierter Sportflieger-Pilot. Aber so ist das nun mal bei Mike Oldfield: Seinen spektakulären Lebensstil behält er lieber für sich, um Raum zu lassen für das Einzige, was ihm wichtig ist: die Musik.

Jubiläum für Tubular Bells

Wichtiger als sein eigener Geburtstag könnte demnach für ihn fast ein anderes Datum sein: Zehn Tage nach seinem 60., am 25. Mai, darf auch Oldfields Debüt-Album "Tubular Bells" ein rundes Jubiläum feiern. An diesem Tag erschien vor genau 40 Jahren jener Meilenstein, der nicht nur dem damals gerade in seinem dritten Lebensjahrzehnt angekommenen Oldfield einen dauerhaften Ruhm bescheren, sondern auch dem frisch ins Leben gerufenen Plattenlabel Virgin Records Millionengewinne ermöglichen sollte.

Richard Branson

Dessen Gründer, der spätere Vorzeige-Entrepreneur und Selfmade-Milliardär Richard Branson, war Anfang der 70er-Jahre so ziemlich der einzige Mensch mit Beziehungen, der in den "Tubular Bells"-ähnlichen Demos des Teenagers in Potenzial erkannte. Denn zuvor hatte er nur gemeinsam mit seiner Schwester Sally temporär Folkmusik gemacht und als Gitarrist in Kevin Ayers' Band Whole World erste Erfahrungen gesammelt. Doch Branson glaubte an Oldfield: Zwischen Tür und Angel besiegelten der unerfahrene Geschäftsmann und der naive Musiker einen lapidaren Zwei-Seiten-Vertrag, der Oldfield bis 1991 für 13 Alben an Virgin binden sollte.

Beim Geld hört manche Freundschaft auf

Je mehr Erfolg Oldfields Alben hatten - allein "Tubular Bells" hat sich bis heute etwa 17 Millionen Mal verkauft - desto mehr wurde ihm bewusst wie unterbezahlt er war. Die marginalen Anhebungen seiner Tantiemen durch Branson waren nichts weiter als ein Tropfen auf den heißen Stein, der schlussendlich die Freundschaft der beiden Männer für viele Jahre zerstören sollte.

Popsongs für die Kasse

Immer wieder drängte Branson seinen Angestellten Oldfield zu der Vorgabe, die Dominanz epischer instrumentaler Klangkulissen im zweistelligen Minutenformat zugunsten kurzweiliger Popsongs mit Gast-Gesang abzugeben. So kam es wie es kommen musste: Oldfield generierte zwar jahrelang chartstaugliche Singles, wie "Family Man", das durch Hall & Oates' Coverversion 1983 weltbekannt wurde, "Shadow On The Wall", "To France", "Islands" und natürlich "Moonlight Shadow". Die dazugehörigen Longplayer hatten indes als Gesamt(kunst)werk nicht mehr die kompositorische Durchschlagskraft der frühen Alben. Immerhin stimmte die Kasse.

Punk gegen Frust

Die gesetzten Grenzen, seinen Frust kompensierte Oldfield in künstlerisch geschickt verpackten Attacken gegen Virgin. In "Punkadiddle", das aus dem 79er Album "Platinum" stammt, nahm Oldfield Bransons Geschäftsstrategie auf die Schippe, lieber den Fokus auf gerade angesagte Punk-Bands zu legen als Oldfields Platten zu promoten. Noch raffinierter geriet das gepflegte Statement "Fuck Off RB", das als Morsekode auf Oldfields letztem großen Werk für Virgin, "Amarok" (1990), untergebracht wurde. Die sehnlichst herbeigesehnte Ablöse aus dem endlosen Vertrag erfolgte ein Jahr später mit dem Abschiedsalbum für Virgin, "Heaven's Open" (1991). Darauf sang er erstmals selbst, fühlte sich aber dabei derart entfremdet, dass er das Album unter dem Namen "Michael Oldfield", seinem schlichten bürgerlichen Alter Ego, veröffentlichte.

Tubular Bells II als Befreiungsschlag

Befreit von den Altlasten und neuer Plattenfirma kehrte der immens motivierte Komponist 1992 mit einem triumphalen "Tubular Bells II" zu alter Größe zurück. Fortan genoss Oldfield seine neuen Freiheiten, variierte das "Tubular Bells"-Thema mal mehr ("Tubular Bells 2003") und mal weniger gelungen ("Tubular Bells III", 1998). Er ließ seiner Kreativität in unterschiedlichsten Werken zwischen Prog-Rock-affinen Gitarrenschichten ("Guitar", 1999), fließendem New Age ("Light + Shade", 2005) und rein klassischen Kompositionen ("Music Of The Spheres", 2008) freien Lauf.

Musik wie Oldfield sie liebt

Mike Oldfield scheint heute da angekommen zu sein, wo er immer hin wollte: Musik machen, so wie er es will - losgelöst von wirtschaftlichen und künstlerischen Auflagen. Mit Richard Branson hat er sich mittlerweile versöhnt und beweisen muss er ohnehin niemandem etwas mehr. Wenn der Meister beispielsweise mal eben Lust auf einen Techno-Remix seiner Songs hat, dann macht er das eben - so wie vergangenen Februar, als er das unberechenbare Remix-Manifest "Tubular Beats" veröffentlichte. Das nächste Studio-Album ist übrigens bereits in der Mache. Denn Mike Oldfield kennt keine Grenzen mehr.

teleschau | der mediendienst



1 Kommentare

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03. September, 15:31 Uhr
von Ines Burock

Der Artikel entspricht der Wahrheit. Ich bin seid anfang 1981 Fan und finde die Musik, bis auf wenige Ausnahmen, eifach toll. In der DDR wurden ja nur Hits wie "Moonlight Shadow" und den anderen Hits gespielt, aber angefangen hat das Fansein mit einer Liveaufnahme aus dem Jahr 1979 und zwar "Tubular Bells Part 2". Nur einige Töne und dann war es geschehen. So kann man auch Fan werden.

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