Selig: Von der Sehnsucht nach handgeschriebener Fanpost

Wed, 20 Mar 2013 08:45:01 GMT von

Nach einen rasanten Aufstieg folgt oft der harte Aufprall, Selig können ein Lied davon singen.

Nachdem die Hamburger in den 90er-Jahren mit ihrer mitreißenden Mischung aus Rock und deutschen Texten die hiesige Musiklandschaft aufwirbelten, zerbrach das Quintett 1999 schließlich am eigenen Erfolg. Es brauchte neun Jahre, bis die alten Wunden verheilten und sie wieder zusammen Musik machen konnten.

Dass die Vergangenheit - obwohl mit "Magma" das bereits dritte Album nach ihrem Comeback in den Läden steht - immer noch ein Thema ist, lassen Sänger Jan Plewka und Bassist Leo Schmidthals im Interview immer wieder durchblicken. Ein Gespräch über Langeweile, Vergangenheitsbewältigung und Fankontakt.

magistrix: Ende letzten Jahres gingen Sie auf kleine und sofort ausverkaufte Clubtour. "Ausverkauft" dürfte doch das Lieblingswort eines jeden Musikers sein. Welche Wörter mögen Sie in dem Zusammenhang noch?

Jan Plewka: Überausverkauft ist sogar noch schöner. Und Zugabe, wenn die Fans an dem Abend nicht genug bekommen können.

magistrix: Ausverkauft darf aber nicht mit Ausverkauf verwechselt werden ...

Leo Schmidthals: Das stimmt, das "t" muss auf jeden Fall hinter dem Wort stehen.

Plewka: Es gibt viele Diskussionen darüber, wo Ausverkauf anfängt - gerade im Bereich der Promo-Arbeit. Was darf man machen und was nicht? In den 90er-Jahren waren wir als Band sehr radikal. "Wetten, dass ..?" fragte damals an, ob wir mit Selig in der Sendung live auftreten würden. Wir sagten die Möglichkeit stillschweigend ab, da sie uns nicht als politisch korrekt genug erschien. Die Diskussionshaltung gegenüber solchen Dingen veränderte sich in der Band nicht, die teilen wir auch heute noch.

magistrix: Können Sie Geschäft und Band auseinanderhalten oder ist das untrennbar miteinander vereint?

Schmidthals: Als wir uns nach unserer Trennung das erste Mal nach fast zehn Jahren wieder trafen, klärten wir die ganzen Geschäftsbeziehungen von vornherein. Nun sind es nur noch künstlerische Entscheidungen, über die wir diskutieren müssten. Natürlich kommen auf uns Leute zu, die uns sagen, dass wir diesen oder jenen Termin wahrnehmen sollen. Wir halten eine Balance, wollen nicht zu viel oder zu wenig machen. Wenn die Anzahl der Termine überwiegt, macht es auf Dauer auch keinen Spaß mehr, und es ist nur noch Arbeit.

magistrix: Die Promo-Arbeit fängt bei den meisten Bands schon in sozialen Netzwerken an. Wie schafft man es, dort aktiv zu sein, ohne überpräsent zu wirken?

Plewka: Wenn es eine leidenschaftliche Sucht ist, finde ich das in Ordnung. Während der Clubtour fotografierten Leo und ich uns gegenseitig in irgendwelchen Cafés und fanden es ganz spannend, zu beobachten, ob unsere Fans online die Orte zu entdecken vermögen und gegebenenfalls spontan dort bei uns vorbeischauen (lacht). Als wir unser Album in England aufnahmen, twitterten wir viel. Irgendwann kam Leo auf mich zu und meinte: "Twittere unseren Fans, dass wir gerade Eis essen", und im gleichen Moment lief im englischen Fernsehen eine Comedy-Sendung, in der genau das persifliert wurde ... Das war's bei uns vorerst mit Twitter (lacht).

Schmidthals: Der Vorteil der sozialen Netzwerke ist aber der sofortige und direkte Kontakt mit den Fans: Wir erhalten vor allem nach Auftritten direkt Feedback, und das finde ich schon schön.

Plewka: Mir fehlt ein bisschen die handgeschriebene Fanpost von früher, ich hätte wieder tierisch Lust darauf.

Schmidthals: Vielleicht sollten wir unsere Fans auffordern, uns wieder über den Postweg zu schreiben. In der ersten Phase der Band war ich unser Postfachbeauftragter, oder wie man das nennen mag (lacht). Im Laufe der Zeit wurde das auch immer mehr, und irgendwann war das so vollgestopft, dass ich schon zweimal pro Tag hinfahren musste, um es zu leeren.

magistrix: Hat sich durch das Internet die Art der Langeweile verändert?

Plewka: Langeweile gehört auf jeden Fall zum kreativen Prozess dazu. Ohne Langeweile würde man nicht scheinbar tatenlos rumsitzen und sich selbst hinterfragen, wie man sein Leben ändern könnte, um dem Umstand zu entfliehen. Heute hat man immer seine Bildschirme dabei, die einen von der eigentlichen Langeweile abhalten und so den kreativen Prozess unterbinden. Dem Mensch kommt dadurch die Zeit abhanden.

magistrix: Verrinnt die Zeit durch die permanente Zuhilfenahme des Internets schneller als früher?

Plewka: Es entwickelte sich eine virtuelle Realität. Ein Staat, den keiner wirklich benennen kann, aber in dem jeder zu Hause zu sein scheint. Der Tagesablauf eines normalen Menschen richtet sich nur nach der Zahl der wahrgenommenen Bildschirme. Morgens aufstehen und Fernseher an. Auf dem Weg zum Auto das Handy prüfen, und im Auto lenkt einen das Navi. In der Arbeit hängt man vor dem PC-Monitor, in der Mittagspause läuft der Fernseher, nach der Arbeit wieder das Handy checken, und zu Hause wird wieder die Glotze angemacht. Der Schlafzustand ist eigentlich der einzige Moment, in der der Mensch noch real ist. In der Bildschirmzeit existiert das Wort Zeit eigentlich gar nicht. Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart sind aufgehoben.

magistrix: Wie erhalten Sie sich Ihre kostbare Zeit?

Plewka: Der Vorteil einer Band ist, dass das Gefühl der Einsamkeit fast nicht vorhanden ist. Wir sitzen oft nur zusammen und reden. Das gemeinsame Musizieren gibt uns das Gefühl, in der richtigen Zeit zu sein. Jede Zeit, die man nicht vor dem Bildschirm verbringt, ist nicht verschwendete Zeit. Zwischenmenschliche Kommunikation ist etwas Feines.

Schmidthals: Wichtig ist auch, dass man sich frei und ungezwungen fühlt. Viele haben den Nachteil, dass sie nicht das Privileg inne haben zu sagen, "Nein, das mache ich jetzt nicht". Der Mensch hetzt sich selbst und wird auch durch die äußeren Umstände gehetzt. Das Korsett schnürt sich immer enger,d oft hat man gar keine andere Wahl.

magistrix: Was bedeutet für Sie absolute Freiheit?

Plewka: Zu tun, was man will. Aber auch: Zu tun, was man kann - das auszuleben, wozu man sich berufen fühlt. Nicht nur im Beruf, sondern auch im Alltag.

Schmidthals: Freiheit bedeutet aber auch, sich auf der Welle treiben zu lassen. Besonders live erlebe ich immer wieder solche Momente, wenn ich mich von unserer Musik leiten lasse.

Plewka: Ich empfinde solche Momente häufig, wenn ich mit der Bahn fahre. Dann schaue ich mir die vorbeihuschende Landschaft draußen an und merke, dass ich mit meinem Leben einfach glücklich bin. Das ist der Moment, in dem die Freiheit zu einem kommt und man ihr nicht hinterhereilen muss. Schaut man sich in der jüngeren Geschichte um, stellt man fest, dass Freiheit ein ziemlich neuer Begriff ist, der erst noch definiert werden muss. Und manchmal fällt es ja auch schwer, das Leben und die Freiheit einfach zuzulassen.

magistrix: Muss man manchmal einfach Dinge einreißen, um sie wieder stabiler aufbauen zu können?

Schmidthals: Man muss definitiv loslassen können. Als Musiker sieht man sich ständig damit konfrontiert, geschriebene Songs, die einem ans Herz gewachsen sind, doch nicht zu verwenden.

Plewka: Kunst ist ein Prozess, ähnlich einer Geburt oder einem Kind.

Schmidthals: Wenn man etwas selbst erschafft, hängt man unglaublich daran. Ein Buchhalter jongliert mit Zahlen, weiß sie an den richtigen Stellen einzusetzen und ist glücklich damit. Aber es sind nicht seine Zahlen, er hat zu denen keine richtige Bindung.

magistrix: Als Sie Selig 1999 auflösten, war das eine Art von Loslassen. Nun produzierten Sie mit "Magma" das dritte Album nach Ihrer Reunion 2008. Haben Sie mit Ihrer neuen Platte den Comeback-Prozess abgeschlossen?

Schmidthals: Das Songwriting zur neuen Platte begann bereits ein Jahr vor den Aufnahmen und wir überlegten uns einen Begriff, der das ausdrückt, was passiert, wenn wir zusammen Musik machen. So kamen wir auf den Titel "Magma". Kurzzeitig hatten wir auch die Idee, dass wir uns umbenennen. Wir wollten alles so frisch wie nur möglich aufziehen. "Und endlich unendlich" und "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" waren unsere Reunion-Alben, nun mussten wir den nächsten größeren Schritt wagen. Es war eine bandintere Erneuerung.

Plewka: Wir überlegten uns, was zwischen uns fünf Bandmitgliedern besteht. Was ist unsere Essenz, wofür stehen wir? Selig ist unser Familienname, aber was passt dazwischen? "Magma" symbolisiert unsere brodelnde Seele.

magistrix: Der Song "Alles auf einmal" klingt wie eine Selbstabrechnung mit der Band von früher und weist mahnende Züge auf ...

Plewka: Als wir uns trennten, litten wir unter einem kollektiven Burnout. Nur merkten wir das erst gar nicht, den Begriff gab es nur in Manager-Etagen und nicht in der Bevölkerung. Und heutzutage hat das schon fast jeder Praktikant, was auch wieder mit dem Bildschirm zu tun hat. Diesen Seelenzustand wollten wir mit den Leuten da draußen teilen, damit man sieht, dass keiner davor gefeit ist.

magistrix: Warum ist Depression immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft?

Plewka: Die Werbeindustrie trägt eine gewisse Mitschuld daran, dass es tabuisiert wird. In der ganzen Stadt hängen Plakate von wunderschönen Models ...

Schmidthals: Und jeder muss perfekt und am besten noch erfolgreich sein, die zu erfüllende Liste ist lang. Und das wird sich auch leider so schnell nicht ändern lassen.

Selig auf Deutschland-Tournee:

14.03., Leipzig, Anker

15.03., Rostock, Moya

17.03., Frankfurt, Gibson

18.03., Stuttgart, LKA

19.03., Freiburg, Jazzhaus

20.03., Bielefeld, Ringlokschuppen

22.03., Berlin, Columbiahalle

23.03., München, Backstage Werk

24.03., Köln, Live Music Hall

26.03., Hamburg, Docks

27.03., Hamburg, Docks

03.04., Dortmund, FZW

04.04., Mannheim, Alte Feuerwache

05.04., Bremen, Aladin

07.04., Hannover, Capitol

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