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    Eingesendet von:
    paula60
    Eingesendet am:
    22.07.2006
    Korrektur von:
    -

Mey Reinhard - Antrag auf Erteilung eines Antragsformular


Mein Verhältnis zu Behörden war nicht immer ungetrübt,
Was allein nur daran lag, daß man nicht kann, was man nicht übt.
Heute geh‘ ich weltmännisch auf allen Ämtern ein und aus,
Schließlich bin ich auf den Dienstwegen schon so gut wie zu Haus.
Seit dem Tag, an dem die Aktenhauptverwertungsstelle Nord
Mich per Einschreiben aufforderte: Schicken Sie uns sofort
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.

Bis zu jenem Tag wußt‘ ich nicht einmal, daß es sowas gab,
Doch wer gibt das schon gern von sich zu, so kramt‘ ich, was ich hab‘
An Papier‘n und Dokumenten aus dem alten Schuhkarton.
Röntgenbild, Freischwimmerzeugnis, Parkausweis und Wäschebon.
Damit ging ich auf ein Amt, aus all‘ den Türen sucht‘ ich mir
Die sympatischste heraus und klopfte an: „Tag, gibt‘s hier
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.“

„Tja“, sagte der Herr am Schreibtisch, „alles, was Sie wollen, nur
ich bin hier Vertretung, der Sachbearbeiter ist zur Kur.
Allenfalls könnte ich Ihnen, wenn Ihnen das etwas nützt,
Die Broschüre überlassen, ,Wie man sich vor Karies schützt‘.
Aber frag‘n Sie mal den Pförtner, man sagt, der kennt sich hier aus.“
Und das tat ich dann „ach, bitte, wo bekommt man hier im Haus
Eine Antragsformulierung, die die Nichtigkeit erklärt.
Für die Vorlage der Gültigkeit, nee halt! Das war verkehrt.
Dessen Gültigkeitsbehörde im Erteilungszustand liegt ...
Na ja, Sie wissen schon, so‘n Zettel, wissen Sie, wo man den kriegt?“
„Da sind Sie hier ganz und gar verkehrt, am besten ist, Sie geh‘n
Zum Verlegungsdienst für den Bezirksbereich Parkstraße 10.
In die Abwertungsabteilung für den Formularausschuß.
Bloß, beeil‘n Se sich ein bißchen, denn um zwei Uhr ist da Schluß.
Dort bestell‘n Se dann dem Pförtner einen schönen Gruß von mir,
Und dann kriegen Sie im zweiten Stock, rechts, Zimmer 104
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.“

In der Parkstraße 10 sagte mir der Pförtner: „Ach, zu dumm,
Die auf 104 stell‘n seit 2 Wochen auf Computer um
Und die Nebendienststelle, die sonst Härtefälle betreut,
Ist seit elf Uhr zu, die feiern da ein Jubiläum heut‘.
Frau Schlibrowski ist auf Urlaub, tja, da bleibt Ihnen wohl nur,
Es im Neubau zu probier‘n, vielleicht hat da die Registratur
noch ‘nen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.“

Ich klopfte, trat ein, und spürte rote Punkte im Gesicht.
Eine Frau kochte grad‘ Kaffee, sie beachtete mich nicht.
Dann trank sie genüßlich schlürfend, ich stand dumm lächelnd im Raum,
Schließlich putzte sie ausgiebig einen fetten Gummibaum.
Ich räusperte mich noch einmal, doch dann schrie ich plötzlich schrill,
Warf mich trommelnd auf den Boden, und ich röchelte: „Ich will
Meinen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeit, ach, wissen Sie, Sie rost‘ge Gabel Sie,
nageln Sie sich Ihr Scheißformular gefälligst selbst vor‘s Knie.“
Schluchzend robbt‘ ich aus der Tür, blieb zuckend liegen, freundlich hob
Mich der Aktenbote auf seinen Aktenkarren und schob
Mich behutsam durch die Flure, spendete mir Trost und Mut.
„Wir zwei roll‘n jetzt zum Betriebsarzt, dann wird alles wieder gut.
Ich geb‘ nur schnell ‘nen Karton Vordrucke bei der Hauspost auf,
Würden Sie mal kurz aufstehen,Sie sitzen nämlich grade drauf. –
Is‘n Posten alter Formulare, die geh‘n ans Oberverwaltungsamt zurück,
Da soll‘n die jetzt eingestampft werden, das sind diese völlig überflüssigen
Anträge auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.“

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Kommentare

  • unbekannt
    Fri, 23 Oct 2009 16:27:38 GMT hy von hy (Gast)

    hy

  • unbekannt
    Thu, 23 Oct 2008 22:47:38 GMT Sehr treffend! von Ananda Mundstein (Gast)

    Ich finde Reinhard Mey beschreibt hier sehr gut den Alltag eines normalen
    Bürgers im Meer der nervigen Zettel der Behörden. Natürlich steht hier alles
    eher im Superlativ, aber ich finde es trotzdem sehr treffend!

  • unbekannt
    Sat, 24 May 2008 21:14:32 GMT Leider Alltagsrealität von Wolfgang (Gast)

    Erteilung
    Immer wieder und überall läuft man in diesem Land gegen die Bretterwände der
    Bürokratie.
    Reinhard Mey hat es treffend formuliert. Leider ist es nicht Satire oder
    Parodie, nein, es ist Alltagsrealität!

  • unbekannt
    Sun, 23 Mar 2008 16:44:51 GMT Alta des is voll der scheis ey von drd (Gast)

    was soll des verasch reinhard mey nicht ok stopfer Mey auf(

  • unbekannt
    Wed, 02 May 2007 15:58:25 GMT Alt, aber immer noch treffend, dauern zitiert von Martin D. (Gast)

    Es ist lange her, dass ich den Text zum ersten Mal hörte.
    Ganz unberührt und ohne Hintergedanken flog das Lied links rein und rechts raus.
    Wahrgenommen habe ich es, als mein Vater mich zehn dieser Schallplatten (so
    lange ist das her...) kaufen lies, um es den Beamten zu senden, die seinen
    Bauantrag bearbeiteten.

    Heute arbeite ich in einem weltweit arbeitenden Konzern und summe das Lied fast
    täglich, weil man auch in der freien Wirtschaft überall Menschen entdeckt, die
    RM hier vortrefflich beschreibt.
    Warum nur sterben diese kleinen Besitzstandswahrer nie aus?