Jean-Michel Jarre - Electronica 1 - The Time Machine
erhältlich ab
16.10.2015
Genre
  • Dancefloor
  • Synthie-Pop / Elektro
Label
Columbia
Vertrieb
Sony
Laufzeit
01:08:00
Redaktion
Eure Bewertung

Elektronische Zeitmaschine

Während die Band Kraftwerk den größten deutschen Beitrag zum Siegeszug der elektronischen Musik leistete, war Jean-Michel Jarre das französische Pendant. Als das Mastermind der Synthesizer revolutionierte er 1976 mit dem Album "Oxygène" die Hörgewohnheiten der Massen. Auf den Punkt gebracht: Die Popularität synthetischer Klänge in diversen musikalischen Genres ist nicht zuletzt der Pionierarbeit des Keyboard-Virtuousen aus Lyon zu verdanken. Mit 67 Jahren veröffentlicht er nun das Ergebnis von vier Jahren Arbeit. Auf "Electronica 1: The Time Machine" mixt er wohldosiert akustische Reminiszenzen an den Zenit seiner Karriere mit modernen Klängen.

"Electronica 1" ist nicht nur für Fans der alten Synthesizer-Schule hörenswert. Der Grund ist einfach: "Ich wollte Menschen um mich scharen, die mich beeinflussten und eine konstante Quelle der Inspiration sind, Menschen, welche die elektronische Musik prägen", erklärt Jarre. "Es ist wie ein Zusammentreffen mit Freunden, die ähnliche Visionen wie ich teilen". Mit an Bord von Jarres Zeitmaschine finden sich also neben blubbernden Synthies, hektischen Sequenzern, roboterhaften Vocodern und museumsreifen trommelwütigen Drummachines auch jede Menge illustre Gäste. Unter anderem Air, Tangerine Dream, Laurie Anderson, Armin van Buuren, Massive Attack, Kult-Regisseur John Carpenter und der kongeniale Tastengott Lang Lang.

"Electronica 1" klingt bisweilen wie der Science-Fiction-Soundtrack fürs Kopfkino ("Immortals" mit Fuck Buttons), in anderen Momenten nach einer langen Rave-Nacht ("Suns have gone" mit Moby), teils nach Wave- und Gothic-Disco der 80-er ("Conquistador" mit dem ebenfalls aus Lyon stammenden DJ und Musiker Gesaffelstein) und manchmal wie radiotaugliche, elektroniklastige Popmusik von heute ("If" mit Little Boots).

Zu den größten Überraschungen dieser bunten akustischen Wundertüte zählt, dass der älteste Hase in Jarres Sängerstall den größten Lärm macht: Pete Townshend, inoffizieller Rekordhalter im Zertrümmern von Gitarren auf der Bühne, schreit mit den Synthesizern um die Wette, als könnte er eine ganze Horde von Wutbürgern übertönen. So, als wäre es erst gestern gewesen, als er mit seiner Band The Who Hotelzimmer demontierte. Besonders erfreulich an "Electronica 1" ist, dass sich das Album nie wie der traurige Versuch eines in die Jahre gekommen Veteranen anhört, die Überreste seines angestaubten Ruhmes auf Airplay-Teufel-komm-raus zu trimmen. Es ist das zu Recht selbstbewusste Statement eines Altmeisters. Bestes Beispiel: "Automatic", eine Zusammenarbeit mit Vince Clarke (Depeche Mode, Yahoo, Erasure).

"Electronica 1" untermauert eindrucksvoll die Bedeutung, die Jean-Michel Jarre für die Entwicklung der elektronischen Musik hat - und womit er sich den Ehrengrad "Godfather of Electronic Music" verdient. Deswegen macht die Zahl "1" im Titel Lust auf die Fortsetzung. Die soll im Frühjahr 2016 an den Start gehen und Kollaborationen mit nicht minder imposanten Weggefährten bieten.

Michael Eichhammer
teleschau | der mediendienst

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